Ausstellung von Kapwani Kiwanga im Kunstmuseum Wolfsburg
Ausstellung von Kapwani Kiwanga im Kunstmuseum Wolfsburg
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Die Länge des Horizonts

Ausstellung von Kapwani Kiwanga im Kunstmuseum Wolfsburg

An den wohl allerletzten Sommertagen dieses Jahres eröffnet das Kunstmuseum Wolfsburg die Ausstellung der kanadischen Künstlerin Kapwani Kiwanga. Vorweg: Ihre Arbeiten haben Sogwirkung. Eine davon hat sie auf der Biennale in Venedig im letzten Jahr ausgestellt: Die raumfüllende Installation „Terrarium“. Ein Werk, das in seiner schlichten Schönheit auf den Untergang und die Endlichkeit von Rohstoffen verweist. In der Ausstellung sind zudem unter anderem Skulpturen, Videoarbeiten und Bilder zu sehen. Mit ihren Werken nimmt sie allgemein Bezug auf Themen, wie den Einfluss von Stadtplanung und Architektur auf den Menschen oder große Fragen wie zum Beispiel, wer Kontrolle über wen ausübt oder wie die Natur Widerstand (gegen den Menschen) leisten kann.

Love at first sight
Die Ausstellung beginnt mit dem 16 Meter langen Farbtunnel „pink-blue“, der in die weiteren Räume führt. Er ist mit Neonröhren beleuchtet, die erste Hälfte strahlt komplett in Barbie-Pink, dann geht es über in blaues Leuchten. Ich bleibe stehen und beobachte, wie ich selbst die Farbe wechsele. Das sogenannte Baker-Miller-Pink hat laut einer Studie beruhigende Wirkung: Puls, Atemfrequenz und Herzschlag beruhigen sich. Räume in Disziplinareinrichtungen wurden so gestrichen, um aggressives Verhalten der Insassen zu verhindern. Ich mache ein Selfie. Es sieht aus, wie im Club. Das fluoreszierende Blau dagegen bewirkt, dass du deine Venen nicht mehr sehen kannst. Es wurde schon an öffentlichen Orten eingesetzt, damit dort kein Heroin gespritzt werden kann. Es stimmt, meine Haut scheint blau. Ich betrete den großen Ausstellungsraum und lasse mich von den Farben leiten. Ganz dem Prinzip der Anziehungskraft folgend, bewege ich mich wie ein kleiner Satellit durch den riesigen hohen Raum.

Blumen des Bösen
Das Plakat zur Ankündigung der Ausstellung ist knallgelb und zeigt den Stängel einer blütentragenden Pflanze, die kerzengerade auf einem glatten, tropfenförmigen Sockel steht. Das Gewächs erscheint mir poetisch und wirkt gleichzeitig künstlich, wie es da in den Raum hinein ragt. Was hier hübsch romantisch daherkommt, verbirgt jedoch eine tiefere Bedeutung. Die erschließt sich erst, als ich mithilfe des Wandtexts mehr über die Geschichte dieser Pflanze erfahre. Kunst muss nicht schön sein, habe ich gelernt. Hier ist sie es aber. Das Grauen offenbart sich im Subtext – auf der Bedeutungsebene, die sich dem Auge verbirgt.

Bye bye, mein Sonnenschein
Durch riesige transparente Stoffbahnen in Pastelltönen beobachte ich unbemerkt die anderen Gäste der Ausstellung. „Sunset Horizon“ ist der Titel dieser Rauminstallation, die zu dem Werk „Terrarium“ von der Biennale 2022 gehört. Dazwischen stehen geometrische längliche Glaskörper voll Sand, die abstrakt an Stundengläser erinnern. Sie erinnern mich daran, wieviel Sand bei der Zementherstellung verwendet wird. So viel, dass die Flüsse mit der „Herstellung“ gar nicht nachkommen können. Das laute Knattern eines vorbeifahrenden Autos irgendwo hinter mir reißt mich aus meinen Gedanken. Erst später, als eine Frau neben mir vor Schreck zusammenzuckt, wird klar, woher das Geräusch kam: In der Videoarbeit auf der anderen Seite des Raumes fährt ein Wagen an der Künstlerin auf dem Bildschirm vorbei, während sie Staub von den Blättern eines Baumes wischt. Ich gehe weiter, angezogen von dem Gelb eines kleinen Nebenraumes.

Es gibt Reis, Baby!
Durch einen Torbogen aus Blättern mit Hustensaftgeruch, gehe ich vorbei an Podesten mit Blumengestecken, die mich an neue Gräber auf dem Friedhof erinnern. Ich folge der Anziehungskraft des leuchtenden Gelbes zu einem kleinen Raum, in dem sich das Werk „The Marias“ befindet. Kurz davor wäre ich fast über ein riesiges weißes Brett mit Raster gestolpert, das flach auf dem Boden liegt. Der Aufseher erklärt mir, dass es sich um künstlichen Reis handelt, der winzig und braun in Abständen von zehn Zentimeter auf dem Brett verteilt liegt. Immer sieben Körner liegen zusammen, 49 Häufchen in einer Reihe. Er rechnet es schnell mit seinem Smartphone für mich aus: Es sind 16.807 Reiskörner. Das ist bald ein Kilo. Die Reiskörner sind Nachbildungen aus Keramik und zwar von der Sorte Oryza glaberrima, der eng mit der Geschichte des transatlantischen Sklav:innenhandels verflochten ist. Eine Geschichte, die auch von der Flucht, dem Überleben und der Selbstermächtigung handelt. Im gelben Raum entdecke ich dann die Pflanze vom Ausstellungsplakat. Hier ist sie wieder, die unanständig schöne Papierblume. Das Gelb erschlägt mich.

Ich hab‘ heute nichts versäumt
Schaut euch die Arbeit „Glow“ an und lest unbedingt den Text an der Wand davor. Ich bekomme Gänsehaut, als ich zwischen den menschenhohen schwarzen Marmorgebilden mit Lampe entlanglaufe. Am Ende setze ich mich in einen weiteren kleinen Nebenraum, wo „The Sun Never Sets“ läuft. Es ist wie eine Dia-Show. Sonnenuntergänge an verschiedenen Orten in Farben des Plakats vom Film „Apokalypse Now“. Sie beruhigen und verstören gleichzeitig, diese stillen, knalligen Filmaufnahmen des Moments, bevor die glühend rote Sonne aus dem Sichtfeld verschwindet. Ich werde wohl wiederkommen, um mich nochmal von der Kunst berauschen zu lassen.

Fotos Bertille Chéret, Marek Kruszewski, VG Bild-Kunst, Marc Domage

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Lisa Leguin

Geschrieben von Lisa Leguin

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