Vom Popcorn-Bubi zum Oscar-Gewinner

Brendan Fraser spielt als schwuler Held in „The Whale“ die Rolle seines Lebens.

Mit der Komödie „Airheads“ begann 1994 die Karriere des Kanadiers. Der Durchbruch folgte als Höhlenmensch in „Steinzeit Junior“. Zum großen Kassenschlager avancierte das Fantasy-Spektakel „Die Mumie“, die zwei Fortsetzungen fand. Dass er auch anders kann, bewies Fraser 1997 an der Seite von Ian McKellen in „Gods and Monsters“, wo er den gutaussehenden Gärtner des schwulen Horrorfilm-Regisseurs James Whale verkörpert. Zum Skandal gerieten die Vorwürfe des Schauspielers, der Präsident der Hollywood Foreign Press Association hätte ihn 2003 sexuell genötigt. Durch die Scheidung und den Tod seiner Mutter geriet Fraser in eine Depression. Nun feiert er mit „The Whale“ ein triumphales Comeback. Er spielt den Dozenten Charlie, der mit dem Suizid seines Partners nicht zurecht kommt und sich in die Fresssucht flüchtet. Bei der Weltpremiere in Venedig wurde das Werk von Darren Arnofsky frenetisch gefeiert. Fraser spielt die Rolle seines Lebens und bekommt dafür den Oscar. Wir sprachen mit dem Schauspieler auf dem Filmfestival London.

 

Mister Fraser, im Film heißt es einmal „Menschen sind unfähig, sich nicht um andere zu kümmern“ – glauben Sie daran oder ist das eine Wunschvorstellung?
Charlie stellt Liz diese Frage. Im Wissen darum, wie sehr sie ihn liebt und wie viele Konflikte sie durchlebt. Sie ist eine Krankenschwester und sie ist die Schwester seines einstigen Partners. In diesem Moment weiß Charlie, was Liz für ihn alles durchgemacht hat. Ich glaube, er möchte ihr mit diesem Satz einfach danken für ihr Mitgefühl. Ich hoffe sehr, dass mehr Menschen diese Ansicht teilen – diesen Satz gibt es, um ihn dem Publikum als Frage zu stellen.

Mit welchen Gefühlen sehen Sie sich selbst nach dieser Transformation? Gehört das zum Job einfach dazu wie eine Perücke?
Als ich mich zum ersten Mal damit sah, dachte ich, das sei jemand, den ich nicht kenne. Natürlich ist mir klar, dass Masken etwas verändern. Aber beim ersten Mal war das schon heftig zu sehen. Das Kostüm und das ganze Aussehen von Charlie, sein Charakter-Makeup war nahtlos und hat mich nie abgelenkt vom Schauspiel. Nur so kann es funktionieren – und ich glaube, das haben wir erreicht.

In wieweit ist das Übergewicht eine Metapher für den Kontrollverlust im Leben? Charlie könnte ebenso gut ein Alkoholiker oder Spielsüchtiger sein?
Charlie verspürt über einen großen emotionalen Schmerz, welcher sich durch seinen Körper offenbart. Er verschlingt gleichsam seine Gefühle. Er befriedigt seine Süchte. Er verletzt sich sogar durch das ständige unkontrollierte Essen. Statt der Fresssucht könnte Charlie auch spiel- oder sexsüchtig sein. Er befriedigt ein Bedürfnis, welches er verspürt. Sein Gehirn sagt ihm: Du fühlst dich besser, wenn du das jetzt sofort tust!

Sie haben sich in der Vorbereitung mit Fettleibigen getroffen. Wie war diese Erfahrung für Sie?
Unser erster Ansprechpartner war die Psychologin Dr. Rachel Goldman, einer Expertin auf diesem Gebiet. Sie gab wichtige Ratschläge für das Drehbuch und brachte mich in Kontakt mit zehn Betroffenen, die mir von ihren Erfahrungen erzählten. Manche hatten lebensrettende Operationen hinter sich, andere scheiterten, weil sie erst 150 Pfund abnehmen sollten, bevor ihre Versicherung einsprang. Ihnen allen war wichtig, mir ihre Botschaft mitzuteilen: Das sind Menschen mit Familien. Mit Hoffnungen, mit Sehnsüchten und Träumen wie wir alle. Es ist so einfach, Fettleibige in unserer Gesellschaft zu ignorieren oder auszugrenzen. Und das ist einfach nicht fair! Diese Menschen kennenzulernen hat mir verdeutlicht, dass ich mit dieser Rolle eine Aufgabe habe. Meine Absicht war es, ihnen Würde zu verleihen.

Wobei dieser Charlie keineswegs immer nur liebenswert ist. Wie wichtig sind solche Grautöne beim Porträt einer Figur?
Er ist ein sehr selbstsüchtiger Typ, darüber haben wir oft gesprochen. Charlie traf Entscheidungen in seinem Leben, die fragwürdig sind. Wir treffen ihn an einem Wendepunkt seines Lebens, das fast zu Ende ist. Bleibt ihm Zeit zur Versöhnung mit seiner Tochter? Wir wissen es nicht. Er weiß es nicht. Möchte die Tochter überhaupt eine Versöhnung? Das bleibt offen bis zum Schluss! Darin liegt die Brillanz der dramatischen Struktur von Autor Sam Hunter.

Macht Sie „The Whale“ stolzer als „Die Mumie“?
In gewisser Weise schon. Aber ich bin auf beide stolz. Blockbuster erreichen ein sehr großes Publikum. „The Whale“ wird das Publikum mit großen Gefühlen erreichen.

Was ist die wichtigste Qualität im Schauspiel-Beruf?
Wahrhaftigkeit!

Haben Sie nach all den Fressattacken im Film noch Lust auf Pizza?
(Lacht) Nein! Nachdem wir diese Pizzaszene abgedreht hatten, sagte ich: Wenn der Film etwas Gutes für mich hat, dann dass ich nie wieder Pizza essen werde!

Fotos Courtesy of A24, Niko Tavernise

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Dieter Osswald

Geschrieben von Dieter Osswald

Love me like a Reptile

Fast schon Kinoreif