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„Retro, einfach, wirkungsvoll“

Früher vs. Heute: Andreas Bethmann über Braunschweiger Musikgeschichte und das nächste Kapitel

Seit 1989 gehört Materialschlacht zur Braunschweiger Musikgeschichte. Gegründet von Andreas Bethmann, steht die Band für eine klare Haltung, regionale Verwurzelung und eine Vergangenheit, in der Konzertplakate noch selbst kopiert und verteilt wurden. Nach einer Live-Pause ist die Band wieder aktiv, hat neue Songs veröffentlicht und arbeitet bereits am nächsten Kapitel: dem 40-jährigen Bestehen.

Andreas, Materialschlacht gibt es seit 1989. Wenn du die Band jemandem beschreiben müsstest, der euch noch nie gehört hat: Was ist Materialschlacht in drei Sätzen?
Die Musik von Materialschlacht würde ich als Mischung aus Punkrock und Deutschrock bezeichnen, so wie es in den Jahren 1979 bis 1982 in Deutschland mit unzähligen Bands losging. Retro, einfach, aber wirkungsvoll.

Ihr seid ein echtes Braunschweiger Urgestein. Wie hat die Stadt eure Musik, eure Texte und euren Stil geprägt?
Die Jugend wurde in den 1980er Jahren sehr von Braunschweiger Bands wie Fee oder Daily Terror geprägt. Das waren große musikalische Vorbilder, als ich Materialschlacht gründete. Die Stadt hatte zu der Zeit auch eine großartige Musikergemeinschaft. Man knüpfte Kontakte in Proberäumen, zum Beispiel im Schimmelhof oder im B58, und in den damaligen Clubs wie Panoptikum, Line oder Jolly Joker. Heute fehlt es stark an Angeboten und vor allem an Unbeschwertheit.

Eure Anfangszeit führte euch unter anderem durch Orte wie B58, Jolly Joker, Drachenflug, HBK-Mensa und viele mehr. Was war das für eine Zeit und was fehlt davon heute?
Die Zeit war unglaublich toll. Ohne Internet und ohne Handys lief man durch die Stadt und klebte selbst kopierte Konzertposter irgendwo hin. Um sich bei Clubs zu bewerben, gab man persönlich eine Musikkassette ab. Auf unseren Konzerten war immer gute Stimmung, es gab nie Ärger oder Gewalt, aber es wurde viel gesoffen. Einmal die Woche war man in der Musik-Fabrik, um sich Sticks, Saiten oder Pleks zu holen. Der Laden ist leider auch nicht mehr da…

Wenn die Braunschweiger Musikszene ein alter Proberaum wäre: Was würde dort nach Materialschlacht riechen, klingen und an den Wänden kleben?
Es würde nach Whisky, Schweiß, Ibuprofen und Nebelmaschine riechen, und an den Wänden würden geklaute Jolly-Joker-Konzertplakate hängen.

Was hat euch nach eurer Live-Pause nun auf die Bühne zurückgebracht?
Nach unserer „Mutation der Hölle“-Tour 2005 war ich live-müde und brauchte auch als Bandkomponist eine kreative Pause. Außerdem stieg unser Bassist aus, ein weiteres Mitglied starb. In den Folgejahren entstanden nur wenige Songs. Als im März 2020 der Corona-Lockdown begann, habe ich ein neues Album geschrieben und Bandmitglieder neu ersetzt. Die Chemie war sofort wieder da, über 20 neue Songs entstanden und auch die Konzerte machen wieder richtig Spaß.

 

 

 

 

 

 

Mit „Zeitenwende“ habt ihr ein aktuelles Album veröffentlicht. Was steckt hinter dem Titel – und was sagt er über die Gegenwart der Band aus?
Der Begriff „Zeitenwende“ wurde vor zwei Jahren ein politisch prägendes Schlagwort für die Veränderung der Weltlage. Themen wie den Ukraine-Krieg oder den sozialen Abstieg habe ich in Songtexten verarbeitet. Mit 18 habe ich eher lustige Lieder über das Saufen geschrieben, jetzt mit fast 60 sind wir natürlich vielseitiger und unpubertärer im Geiste. Aber ein versautes Lied gibt es trotzdem noch auf jedem Album.

Hat sich über die Jahre etwas an eurem Sound verändert?
Auf jeden Fall. Der Stil ist zwar unverkennbar derselbe, aber die Songs sind länger, komplexer und haben mehr Solos. Das ist bei fast allen Bands dieser Musikrichtung so. Hört euch ein Hosen-Album von 1983 und von 2026 an: weniger Punkelemente, aber mehr Deutschrock.

Stell dir vor, du könntest dem Andreas von 1989 einen einzigen Materialschlacht-Song aus der heutigen Zeit vorspielen: Welcher wäre es und wie würde er reagieren?
Ich denke mal „Warten auf gestern“. Ich wäre über den Balladen-Charakter überrascht und würde den Text nicht nachvollziehen können.

Wenn ihr die Wahl hättet: Mit welcher Band würdet ihr, ohne zu zögern, auf Tour gehen wollen?
Mit RAZZIA aus Hamburg. NICHTS aus Düsseldorf wäre auch toll.

Und was sind eure weiteren Schritte und Ziele – worauf dürfen wir uns freuen?
In gut zwei Jahren haben wir unser 40-jähriges Bandbestehen. An dem Tag soll ein neues Album kommen, an diesem arbeiten wir bereits, bis dahin geben wir Konzerte. Im Herbst erscheint eine neue Live-Blu-ray von uns, und wir sind erneut Vorband von OHL. Im Sommer drehen wir ein Video zu unserer neuen Single „Weisser Schnee“. Es bleibt also spannend!

Foto Materialschlacht, Grafik Anton-Stock.adobe.com

Vergiss nicht, abzustimmen.
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Geschrieben von Jaquelin Ohk

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