Kurze Kleider, provokante Texte und kein Blatt vor dem Mund – die weibliche Rapszene in Deutschland boomt und polarisiert. Künstlerinnen wie Shirin David, Juju, Nura und Ikkimel füllen Hallen und prägen den Sound einer ganzen Generation. Gleichzeitig spalten ihre Texte und Inszenierungen das Publikum. Zwischen Empowerment und Objektifizierung, Selbstbestimmung und der Reproduktion alter Rollenbilder stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Wie feministisch ist Female Rap wirklich?
Back to the roots
Ein Blick auf die Entwicklung zeigt, dass gesellschaftliche Themen im HipHop fest verankert sind. Die kulturelle Bewegung des HipHop findet ihren Ursprung in den 1970er Jahren in den USA. In den Straßen sozial benachteiligter Viertel der Bronx entwickelte sich eine eigene Street Culture, die neben Rap auch DJing, Breakdance und Graffiti umfasste. HipHop wurde dabei früh zu einem Ventil für Erfahrungen von Ungerechtigkeit, Rassismus, Gewalt und Armut.
In den 1980er Jahren erreichte die Kultur auch Deutschland. In den 1990ern spaltete sich die Szene zunehmend: politischer Rap mit gesellschaftskritischem Anspruch stand kommerziell orientiertem Rap gegenüber, der stärker auf Entertainment und Mainstream ausgerichtet war.
Frauen spielten lange kaum eine Rolle oder wurden auf ihren Part als Groupies reduziert. Sabrina Setlur, alias „Schwester S.“, gilt als eine der ersten erfolgreichen deutschen Rapperinnen. Mit „Du liebst mich nicht“ erreichte sie 1997 Platz 1 der deutschen Singlecharts. Kurz darauf wurde auch Cora E. sichtbar, die in Songs wie „Schlüsselkind“ Themen wie Identität, Rollenbilder und weibliche Perspektiven im Rap verhandelte.
Wer ist diese Kitty Kat?
Mit Künstlerinnen wie Kitty Kat, Teil des Labels Aggro Berlin, trat weiblicher Deutschrap in den 2000ern deutlich provokanter in Erscheinung. Vor allem Sexualität wurde dabei offensiv thematisiert, teilweise bewusst überzeichnet und konfrontativ, wie in ihrem Song „Bitchfresse“ der 2009 als Antwort auf „LMS“ (2000) von Kool Savas veröffentlicht wurde. Der Stil war gleich, die Bewertung sehr verschieden: Während Rapper seit Jahren unverblümt und selbstverständlich ein bestimmtes Frauenbild erzählen, wird vergleichbarer Inhalt von weiblich gelesenen Personen oft stärker diskutiert oder moralisch eingeordnet. Auch innerhalb der Szene wurden Rapperinnen teils offen abgewertet oder ihre Präsenz im Genre grundsätzlich infrage gestellt. Aussagen wie die von Favorite: „Eine Aggro-Frau? Ich geh‘ als Mann ja auch nicht zum Ballett“, spiegeln genau diese Haltung wider und zeigen, wie stark Geschlechterrollen lange verfestigt waren.

SXTN bricht Sexismus-Rekord
2005 wurden in über 30 Prozent der Deutschrap-Songs sexistische Begriffe verwendet. Laut einer Untersuchung des Spiegels sind die Spitzenreiter überraschenderweise weiblich: Die Berlinerinnen Nura und Juju, von 2014 bis 2019 erfolgreich als SXTN, verwendeten viele Begriffe, die ursprünglich abwertend gegenüber Frauen genutzt wurden und setzten sie im Selbstbezug ein. Dadurch verschiebt sich die Bedeutung, Beleidigungen können ihre Macht verlieren und Scham seine Wirkung. Mit dieser Umkehrung ebnete SXTN den Weg zu einer neuen Form von Empowerment und zeigte, dass die Bedeutung von Sprache im Kontext entsteht, nicht im einzelnen Wort. Der Hype um die Künstlerinnen sprach für sich, genauso wie ihr Erfolg. Für ihr Album „Leben am Limit“ sowie für die Single „Von Party zu Party“ erhielten sie 2017 Goldene Schallplatten in Deutschland. „Vielleicht, weil es Rap oder auch sonstige Musik mit Texten wie unseren bis zu dem Zeitpunkt einfach überhaupt noch nicht von Frauen gab“, erklärt Nura in ihrem Buch „Weißt du, was ich meine?“.
„Gleichzeitig war es, insbesondere für mich, immer auch Musik, die für Fairness und Haltung stand“,
führt sie aus. Auch wenn sich das Duo 2019 getrennt hat und die Sängerinnen seither solo Musik machen, wurde SXTN von vielen gefeiert und hat die Branche maßgeblich geprägt.
Die Ambivalenz im Genre
Female Rap hat so viele Facetten wie Feminismus selbst und lässt sich schon deswegen schwer klar einordnen. Neben positiven Aspekten wie Anstößen zur Selbstermächtigung und Gleichberechtigung stehen Rapperinnen häufig in der Kritik. Einige Stimmen sind sich einig, dass sie sich mit ihrer Inszenierung selbst zum Objekt machen und damit bestehende Schönheitsnormen sowie patriarchal geprägte Erwartungen reproduzieren. Parallel dazu kann genau diese Selbstinszenierung auch als bewusste Rebellion gegen das traditionelle Rollenbild der „braven“ Frau gelesen werden, das noch immer allgegenwärtig ist. Doch wie viel davon ist Selbstbestimmung, wie viel Reaktion auf Erwartungen und was das Ergebnis einer Industrie, in der sich bestimmte Darstellungen gut verkaufen lassen? Das Gesamtbild lässt keine einfachen Antworten zu, öffnet aber die Türen für Diskussionen über Themen, die Menschen bewegen.
Rapperinnen wie Shirin David, Nura oder Ikkimel zeigen etwas, was Schubladendenken unmöglich macht: Scheinbar widersprüchliche Facetten dürfen parallel existieren. Sichtbar sein kann bedeuten, ebenso sexy wie unternehmerisch aufzutreten, freizügig angezogen zu sein und selbstbestimmt zu handeln, unterhaltsam zu sein und trotzdem ernst genommen werden zu wollen. Vielleicht sind es genau diese vermeintlichen Unstimmigkeiten, die von der Norm abweichen und deswegen in unseren Köpfen ein Chaos anrichten, das schwer zu greifen ist.

Ein Spiegel der Gesellschaft?
Wie die Anfänge des HipHop auf Missstände aufmerksam machen wollten, tun es viele Texte im Female Deutschrap auch heute. In einigen Songs wird beispielsweise die Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen deutlich und wie unrealistisch es ist, diesen gerecht zu werden.
Shirin David, derzeit erfolgreichste Deutschrapperin, formuliert es in „Babsi Bars“ (2021) so:
„Von „Bei Gott ist sie sexy“ hin zu
„Vallah, sie‘s ‚ne Schlampe“
Die deklarier‘n ein‘n Minirock
zu maximaler Schande
Doch ‚ne Frau mit Grips im Kopf
wird abgetan zu ‚ner Emanze“
Mit anderen Worten: Sei nicht zu offen, nicht zu freizügig, aber auch nicht zu anstrengend, intelligent und prüde. Davon können viele Hörerinnen buchstäblich ein Lied singen, denn diese Zeilen sind relatable und machen auf ein System aufmerksam, in dem die einen gefeiert und die anderen verurteilt werden.
„Bist du ein Hottie, werden sie gucken“
Für kontroverse Diskussionen sorgte Shirin David vor allem mit „Bauch Beine Po“, für viele der Song des Sommers 2024, in dem ein skinny Körper als Idealbild propagiert wird:
„Du willst ein’n Body? (Ja) dann musst du pushen (uh)
Bist du ein Hottie (ja), werden sie gucken (uh)
Geh ins Gymmie, werde skinny, mach daraus eine Show
Wir sind pretty im Bikini, das ist Bauch, Beine, Po“
Vor allem junge Menschen könnten sich von Aussagen wie diesen negativ beeinflussen lassen und das in einer Zeit, in der noch immer für die Akzeptanz aller Körperformen gekämpft wird, heißt es. Dass Sport wichtig für die Gesundheit und Stärke ist anstatt für einen dünnen Körper, sollte viel mehr unser Ansporn sein. Für andere ist dies bloß ein überzeichnetes Stilmittel der Rap-Ästhetik oder einfach ein guter Beat. Debatten wie diese rücken wichtige Themen in den Fokus: Inwiefern werden (junge) Menschen beeinflusst, wie viel Verantwortung tragen Künstler:innen, wie sehr sind sie Vorbilder und wollen sie diese Rolle überhaupt annehmen?
Vielleicht lässt Musik es auch zu, nicht jede Veröffentlichung oder jede Aussage gleichermaßen zu feiern. Vielleicht können wir Unterschiede und Widersprüche aushalten und uns ein eigenes Bild machen.
Eine Bühne für unbequeme Fragen
Am Ende wird Deutschrap von Frauen zu einer eigenen Bühne gemacht, auf der je nach Perspektive unterschiedliche Elemente im Spotlight stehen. Zwischen Selbstbestimmung und stereotypischen Rollenbildern bewegen sich Künstlerinnen in einem System, das weiterhin von männlichen Perspektiven geprägt ist. Dennoch nehmen sie sich Raum, definieren Regeln neu und verschieben Grenzen – auch wenn das bedeutet, mit Widersprüchen zu leben und unterschiedliche Interpretationen auszuhalten.
Die Frage ist dabei vielleicht gar nicht, ob ein ganzes Genre als feministisch deklariert werden kann. Sondern warum überhaupt erwartet wird, dass er sich eindeutig verorten lässt, während diese Erwartung im restlichen Deutschrap nicht gestellt wird. Female Rap gibt keine klare Antwort, aber stellt die richtigen Fragen und das so laut, sichtbar und widersprüchlich, dass es kaum ignoriert werden kann.
Foto Tatsiana Tribunalova, BrAt82-stock.adobe.com, Anton Schmidt-Wünkhaus, Amber Asaly






























