Ein letzter Spaziergang am Strand, allein.
Niemand liegt mehr im Sand, der immer noch warm ist unter meinen nackten Füßen, aber allmählich abkühlt. Ich gehe hinunter bis ans Wasser, dann wende ich mich nach rechts und gehe in Richtung Westen, der Landzunge folgend. Die Sonne, flammend heiß am Tag, steht vor mir, dicht über der Grenze zwischen Land und Meer. Sie hat ihre Kraft verloren, doch reicht es noch aus, um den Unterschied der Elemente verschwimmen zu lassen. Rot glüht sie und taucht die Oberfläche des Ozeans in sanft schwingendes Quecksilber, während sie den Sandstrand matt schimmern lässt.

Hinter mir zieht die Nacht herauf, verschlingt alles und macht endgültig gleich, was im letzten Licht immer noch verschieden ist. Bald werde ich ein Teil der Dunkelheit sein, die rein ist und kühle Klarheit mit sich bringt. So schnell ich auch der Sonne entgegengehe, ich werde ihr nicht folgen können. Doch ich habe es auch gar nicht eilig und fühle mich wohl in dieser Phase des Übergangs.
Meine Spuren nehmen die Wellen, die träge den Strand hinauf kriechen, mit sich; wo sie nicht hinkommen, ist der Sand noch immer aufgewühlt von den Füßen der Rastlosen des Tages. Mein Blick versucht die Furchen zu glätten, bleibt dabei aber an einem Bündel hingeworfener Kleidung hängen.

Vergessen, denke ich und lenke meinen Schritt dorthin. Trockener Sand verklumpt sich um meine nassen Zehen, ich lasse ihn gewähren. Nehme ihn ein Stück weit mit auf seiner nun schon Millionen Jahre währenden Reise.
Das Bündel besteht aus Jeans, Hemd, Unterwäsche. Ein Paar Sandalen, ein kleines Handtuch, ich will mich gerade danach bücken, als ich deine Stimme höre.
„Das ist in Ordnung, ist mein Zeug“, scheinst du meine unausgesprochene Frage erraten zu haben.

Ich drehe mich zu dir um, die Wellen rauschen und du rauschst durch mich. Die Sonne taucht deinen Körper in schimmernde Glut, die feucht an dir hinabrinnt. Du bist nackt, aber meinem Blick in deiner Selbstsicherheit nicht schutzlos ausgeliefert. Du lächelst mich an und bleibst ruhig vor mir stehen. Lang liegen unsere Schatten nebeneinander im Sand und für einige Augenblicke schweigen wir uns nur an.
„Gibst du mir bitte das Handtuch?“, durchbrichst du dann unsere Sprachlosigkeit. Ich nicke, immer noch stumm, greife nach dem Stück Stoff und halte es dir hin. Bevor du auch nur danach greifen kannst, biete ich dir gegen alle Widerstände in meiner Kehle auch noch meine Leben an, für immer, bis in alle Ewigkeit …
Während du dich stirnrunzelnd abtrocknest, kriecht die Nacht deinen Rücken hinauf, unsere Schatten berühren einander dabei zärtlich im Sand. Die Glut verschwindet mit der Feuchtigkeit von deinem Körper, aber du bist auch in der samtenen Dunkelheit schön.

„Nein, danke. Ich wollte nur noch ein letztes Mal schwimmen gehen. Ganz unverbindlich ...“
Geschmeidig steigst du in deine Kleidung, lässt das Hemd aufgeknöpft und legst dir das Handtuch um den Hals. Dann streicht deine Hand durch das schulterlange, nasse Haar und du schüttelst dabei den Kopf. Unsere Umrisse, eben noch vertraut zu unseren Füßen ineinander verschlungen, sind grau geworden, verblassen, lösen sich vollständig auf. Du drehst dich um, gehst fort von mir und lässt mich allein am Strand zurück. Die Sandalen baumeln unbekümmert an deinem schwingenden Arm. Ich blicke dir nach, bis die Dunkelheit dich verschluckt und zu einem vagen Schatten werden lässt. Obwohl du dich nicht ein einziges Mal nach mir umdrehst, ich werde dich nie wieder gehen lassen. Du, in schimmernde Glut getaucht, nackt dem Meer entstiegen, bleibst bei mir.

Text Stefan Zumkehr
Foto Maridav-stock.adobe.com

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