Eines Nachmittags beschließt Marie ihren Opa Hans zu fragen, wie er ihre Oma Hanna kennenlernte. Als Antwort auf ihre Frage drückt Hans Marie ein kleines rotes Herz aus Glas in die Hand. Verwundert fragte sie ihn erneut, doch er antwortet ihr nicht. Einige Tage später versuchte sie es erneut. Doch auch dieses Mal war die Antwort in Form eines roten Herzens aus Glas. Mehrere Wochen vergingen und Marie fand die roten Herzen versteckt in ihrer Jackentasche. Nun nahm sie sich vor solange zu verharren, bis ihr Opa die Antwort gibt. Doch erneut gab er lediglich ein Herz aus Glas. Marie war sichtlich verwundert. Sie kochte einen Tee, setzte sich Hans gegenüber, legte die drei Herzen auf den Tisch und schaute ihn an. Er blickte ihr ebenfalls in die Augen und lächelte. Es war ein schwaches Lächeln, aber es sagte ihr, dass er bereit war die Geschichte zu erzählen. Mit sanfter, leicht zittriger Stimme fing er an zu berichten:

„Es war im Jahr 1955. Ich war ein junger Bengel und von Mädchen wollte ich nichts wissen. Ich wohnte mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder in einem bescheidenen Dorf. Nachdem unser Nachbarhaus lange Zeit leer stand, zog ein Ehepaar mit ihrer Tochter dort ein. Als ich sie sah, empfand ich das erste Mal ein Gefühl in meiner Brust, welches ich nicht in Worte fassen konnte. Ich war fasziniert, aber auch ängstlich. Was geschieht mit mir? – habe ich mich gefragt. Ich wusste es nicht. Nachdem die neue Familie einige Zeit neben uns wohnte und ich dieses komische Gefühl beim Anblick der Nachbarstochter nicht loswurde, sprach ich meine Mutter an. Sie sagte mit einem breiten Lächeln im Gesicht zu mir „Du hast dich in sie verguckt, ganz klar“. Ich weiß noch, dass ich sie anstarrte, hektisch den Kopf schüttelte und in mein Zimmer rannte... Stimmte das, was meine Mutter sagte? Nachdem ich grübelnd im Bett eingeschlafen bin, träumte ich von roten Herzen. Kleine rote Herzen aus Glas, die überall auf dem Boden verteilt lagen. Als ich am nächsten Tag aufwachte, wusste ich, dass ich sie ansprechen muss. Aber ich war zu schüchtern – ich hatte ja noch nie mit einem Mädchen gesprochen.

Der Tag verging und ich wusste nicht, wie ich handeln soll – doch dann kam mir mein Traum in Erinnerung. Ich beschloss ihr ein rotes Herz zu schenken. Am folgenden Tag kaufte ich ein kleines, fingernagelgroßes rotes Herz aus Glas. Ich legte es heimlich auf ihre Fensterbank und wartete. Gegen Abend öffnete sie ihr Fenster und fand das kleine Herz. In ihrem Gesicht erkannte ich Verwunderung. Sie guckte das Herz an, nahm es in die Hand und ließ es achtlos auf der Fensterbank zurück. Ich war traurig, doch ich beschloss auch am nächsten Tag erneut ein Herz aus Glas zu kaufen und ebenfalls auf ihre Fensterbank niederzulegen. Doch auch diese Mal war es vergebens. Tage, sogar Wochen vergingen. Täglich legte ich ein Herz nieder, da ich nicht aufgeben wollte. Ich war zu schüchtern, um bei ihr zu klingeln, also hielt ich an meiner Idee fest. Nach und nach, wenn ich sah, dass sie ein neues Herz entdeckte, konnte ich ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht erkennen. Eines Tages, ich denke es waren ungefähr 43 Herzen später, wollte ich gerade das 44 Herz niederlegen, als plötzlich ihr Fenster aufging und sie mir direkt in die Augen schaute. Dann lachte sie. Sie lachte laut und lange. Ich verstand überhaupt nicht, was geschah. Und ehe ich mich versehen habe, gab sie mir einen Kuss auf die Stirn

Ein Herz aus Glas

und schloss das Fenster wieder. Das war der Moment in meinem Leben, in dem ich die meiste Verwirrung spürte und mir dachte „diese Mädchen“.“
Marie hatte ihrem Großvater gebannt zugehört und eine Träne kullerte über ihre Wange. Sie nahm ihren Großvater lange in den Arm, steckte die drei Herzen in Tasche und machte sich auf den Weg. An ihrem Ziel angekommen, nahm sie ein Glasherz aus ihrer Tasche und legte es nieder. Nieder vor dem Stein auf dem Geschrieben stand: An Hanna: In Erinnerung an das Mädchen, an das ich mein Herz verloren habe. In Liebe, Dein Hans.

Text Luisa Wichmann
Foto Romolo Tavani-stock.adobe.com

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