Die Tasche zog unangenehm an meinen Haaren, einige Strähnen hatten sich unter dem Träger verfangen. Ungelenk versuchte ich sie zu befreien, ohne dass die Tasche von mei-ner Schulter rutschte und ich mit dem Fahrrad das Gleichgewicht verlor. Es kam wie es kommen musste, ich befreite zwar die Strähnen, risse mir jedoch einzelne Haare raus und die bis oben vollgestopfte Tasche sauste meine Schulter herunter. Einige Lebensmittel hüpften heraus und landeten auf der Straße. Es folgte eine Vollbremsung meinerseits. Ich bücke mich um die Lebensmittel einzusammeln und da lag es vor mir: das Symbol der Schande. Das Sinnbild meiner nicht vorhandenen Selbstbeherrschung. Was für Adam und Eva der Apfel war, war für mich die Avocado. Schamerfüllt fuhr ich nach Hause.

„Tausend Liter Wasser für die Produktion von nur zweieinhalb Avocados. Findest du das nicht schockierend? Dazu die Transportwege und Rodung der Wälder“. Nick hasste es, wenn ich so sprach. Sätze wie: „Was soll man denn überhaupt noch essen?“ und „Keine Avocados zu kaufen wird die Welt auch nicht retten“, gehörten zu seinem Standard Re-pertoire. Einmal waren wir zusammen im Urlaub. Das Hotel war schön, toller Pool, nettes Personal. Nur das Essen war sehr Vegetarier feindlich. Nachdem ich freundlich darauf hin-gewiesen hatte, dass die Tageskarte nur fleischhaltige Gerichte aufweist erwiderte der Kellner: „Dann nehmen Sie doch den Lachs“.
„Ich esse auch keinen Fisch.“
„Aber warum denn das? Der ist ganz frisch. Es ist wirklich der Beste der Region, probie-ren Sie mal!“
Ich fing eine Diskussion an, was Nick natürlich total peinlich war. Am nächsten Tag standen Spagetti mit Tomatensoße auf der Karte. Immerhin. Nick nahm das Milchkalb an Kartof-felklößen und das, obwohl wir am selben Tag Kälber auf einer Weide gestreichelt hatten. Der darauffolgende Meinungsaustausch verlief so gut, dass ich die Nacht auf dem Sofa verbrachte.

Wenn er jetzt wüsste, dass ich eine Avocado gekauft hatte, würde er mich tagelang damit aufziehen. Eine Avocado, in den letzten zehn Monaten. Ich habe sie gekauft, jetzt werde ich sie auch essen, ich musste ja nicht zusätzlich noch Lebensmittel verschwenden. Tau-send Liter Wasser, ging es mir durch den Kopf, während ich die Frucht halbierte. Schließ-lich akzeptierte ich meine Schwäche und beschloss, mein Avocadobrot einfach zu genie-ßen. Es war lecker. Es war so lecker. Kurz vergaß ich all meine Bedenken und Selbstzweifel. Mein Handybildschirm leuchtet auf und zeigte mir eine neue Nachricht an. Sie war von Nick.
Hey, ich wollte nur mal hören wie es dir so geht. Mir geht’s super. Ich bin jetzt übrigens Veganer. Aber ich esse Ei. Und bei dir so? Immer noch Umweltschützerin?

Ich starrte auf den Bildschirm, dann auf das Brot in meiner Hand. Konnte der Typ hellse-hen? Er meldete sich immer zu den unpassendsten Momenten. Entweder dann, wenn ich glaubte über ihn hinweg zu sein, nur um mich dann mit einer Nachricht komplett zurück-zuwerfen. Oder um mir von seinem geilen Leben zu erzählen, wenn bei mir grade alles schief ging. Oder wenn ich versuchte ein verdammtes Avocadobrot zu essen, ohne des-wegen Selbstkasteiung zu verüben. Und überhaupt, was interessierte es mich ob er Ei isst? Mir viel nichts Intelligentes ein, also tippte ich eine knappe Antwort:
Mir geht’s gut. Umweltschutz läuft super.

Und du immer noch Arschloch? Würde ich am liebsten ergänzen. Ich schaltete den Flug-modus ein, um von keiner weiteren Nachricht von ihm genervt zu werden. Nicht nur hatte er es geschafft, mir die erste Avocado nach zehn Monaten zu verderben, zudem fühlte ich mich ihm mal wieder unterlegen. Trotzdem kam ein Gefühl des Vermissens auf. Ich fasste zwei Entschlüsse: Erstens, ich war ein für alle Mal über Nick hinweg. Und zweitens, ich würde nie wieder Avocados kaufen. Leider verhielt es sich bei mir mit solchen Entschlüs-sen ähnlich wie mit dem allseits bekannten „Ich trinke nie wieder“ nach einem schlimmen Kater.

Text Alexa Knieriem
Foto PicsArt-stock.adobe.com

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