Der bundesweite Fachkräftemangel verschärft sich abermals durch die Corona-­Pandemie. SUBWAY spricht mit Pflegedienstleiterin Birgit Förster aus dem Herzogin Elisabeth Hospital Braunschweig über die gefährliche Zukunftstendenz.
HEH Foerster Birgit c Herzogin Elisabeth Hospital art
Mangel in deutschen Krankenhäusern“, „Intensivpflege am Limit“, „Corona bringt Altenpflege an den Rand des Kollapses“ – erneut überschlugen sich in den letzten Monaten die Schlagzeilen zum bundesweiten Pflegenotstand. Ein Phänomen, das jedoch weder neu noch unbekannt ist. Bereits Ende der 60er hieß es: Fachkräfte fehlen hierzulande. Mit dem demographischen Wandel im Nacken sucht die Politik schon jahrzehntelang erfolglos nach Lösungen für diese herausfordernde Problematik. Pflegekräfte aus dem Ausland sowie ein Wechsel des Personals von Teilzeit auf Vollzeit sollten gegen geschlossene Stationen, fehlende Hebammen und Überlastung im Job helfen. Ein Maßnahmen-Tohuwabohu, das jedoch stets auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Zeitgleich leiden auch viele Patienten und Pflegebedürftige unter diesem Notstand. Circa 3,3 Millionen Menschen in Deutschland sind nämlich zurzeit auf professionelle Hilfe angewiesen.

Um den Pflegeberuf für Berufseinsteiger attraktiver und zugänglicher zu machen, hat sich Gesundheitsminister Jens Spahn die neue Pflegereform auferlegt. Dreh- und Angelpunkt des im Juli 2017 verkündeten Pflegeberufegesetzes ist die Einführung einer generalistischen Pflegeausbildung zur „Pflegefachfrau“ beziehungsweise zum „Pflegefachmann“. Das bedeutet, dass die ursprünglichen Ausbildungsberufe der Alten-, Kranken- sowie Kinderkrankenpflege ineinander verschmelzen und die Azubis zur Pflege von Menschen aller Altersgruppen in jeglichen Versorgungsbereichen befähigt werden. Ob das jedoch den erhofften Aufschwung bringt, bleibt fraglich.

„Es wird über die Pflege, aber nicht mit der Pflege geredet“, betont Birgit Förster, Pflegedienstleiterin im Herzogin Elisabeth Hospital Braunschweig. Auch an dem HEH geht der Fachkräftemangel nämlich nicht spurlos vorbei – aufgrund von Covid-19 werden momentan händeringend Intensivpflegekräfte gesucht. Im Interview mit Frau Förster erfahren wir aus erster Hand, wie es wirklich im Angesicht der Pandemie um die Pflege steht und wie der Notstand verbessert werden kann.



Frau Förster, wie sind Sie bislang durch die Corona-Krise gekommen?
Wie alle anderen Krankenhäuser haben wir uns sehr vielen Herausforderungen stellen müssen, die wir durch wöchentliche Treffen im Krisenstab immer sehr schnell bearbeiten konnten. Ich kann von unserem Haus sagen, dass wir ein hervorragend entwickeltes Hygienekonzept für Patienten und Mitarbeiter haben.

Inwieweit hat die Corona-Pandemie den Pflegenotstand sicht- und spürbar gemacht?
Der Pflegenotstand ist schon seit vielen Jahren da, er ist durch die Pandemie nur mehr in den Fokus geraten. Da gerade zu Beginn der Pandemie den Mitbürgern bewusst gemacht wurde, dass unser Beruf ein systemrelevanter ist, wurden wir beklatscht, doch damit hat sich die Situation nicht geändert.
Seit dem 1. August wird der Pflegebonus vom Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie ausbezahlt – bis zu 1 000 Euro als Einmalzahlung. Viele sagen allerdings: Das reicht nicht. Was sagen Sie?
Die Einmalzahlung ist nach meiner Kenntnis gerade mal bei 30 Prozent der Pflegekräfte angekommen. Wir haben uns in der Pandemie alle den Gefahren gestellt und nicht nur uns, sondern auch unsere Angehörigen einer großen Gefahr ausgesetzt. Die Zahlung ist davon abhängig, wie viele Patienten mit Corona in einem bestimmten Zeitraum behandelt wurden. Ist es nur einer zu wenig, dann heißt es: „Pech gehabt“. Zudem ist die Zulage auch nur für die Pflegekräfte, die Corona-Patienten versorgt haben. Das HEH hat keinen Pflegebonus erhalten, sodass wir uns als Arbeitgeber daher entschieden haben, den Mitarbeitern einen Bonus aus eigener Tasche zu zahlen.

Wie äußerte sich der Pflegenotstand abseits der Corona-Krise?
Wir haben immer weniger Pflegekräfte auf dem Markt, weil sich diese entscheiden, in andere Berufszweige oder in Zeitarbeitsfirmen zu gehen. Sie entfliehen dem Schichtdienst – früh, spät, nachts –, der Arbeit an Wochenenden und Feiertagen, dem Stress bei zu geringer Besetzung und zu wenig Gehalt. Die Anzahl der Bewerber wird von Jahr zu Jahr geringer. Ein weiteres Problem sehe ich auch darin, dass Pflegekräfte statistisch gesehen nur noch circa fünf Jahre im Beruf bleiben.
HEH Pflegekraft blond c Stiftung Herzogin Elisabeth Hospital 2 art
Ist die Einführung der generalistischen Pflegeausbildung ein guter Ansatz zur Bewältigung des Pflegenotstands?
Die generalistische Ausbildung sehe ich aus Qualitätsgründen positiv, da alle drei Pflegeberufe kompetenzbasiert die gleiche Ausbildung erhalten. Eine Ausbildung dauert drei Jahre. Es müssten mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden, dann wäre das sicher eine kleine Möglichkeit. Aber auch der Ausbildungsmarkt wird immer leerer. Mit der generalistischen Ausbildung allein wird kein Notstand verbessert.

Was müsste die Politik Ihrer Meinung nach tun, um den Notstand bewältigen zu können?
Von der Politik erwarte ich, dass den vielen Versprechungen endlich Taten folgen. Dass Ausbildung gefördert wird und die Wertschätzung auch im Gehalt erkennbar ist. Die Rahmenbedingungen des Pflegeberufes müssen attraktiver gestaltet werden. Es war der Schritt in die falsche Richtung, die Pflegekammer Niedersachsen wieder abzuschaffen, bevor sie überhaupt arbeitsfähig war. Hier hat die Politik aus meiner Sicht versagt.
Wenn in den Medien über Pflegeberufe gesprochen wird, fallen oft die Begriffe Überstunden, Unterbesetzung, geringe Wertschätzung und Unterbezahlung. Wie wirkt das HEH dieser negativen medialen Konnotation des Pflegeberufs entgegen?
Wir sind sehr bemüht, freie Stellen schnellstmöglich nachzubesetzen. Gelingt uns das nicht, werden Vakanzen mit Zeitarbeitsfirmen aufgestockt. Wir bieten unseren Mitarbeitern ein gutes Arbeitsklima, ein Gehalt nach Tarifniveau und andere Vergünstigungen wie Erholungsbeihilfe, Jobticket, Prämien für Dienste zum Einspringen, regelmäßige Besprechungen, Fort- und Weiterbildungen oder auch Prävention am Arbeitsplatz. Grundsätzlich sind wir sehr familiär im Umgang miteinander.

Was macht den Pflegeberuf Ihrer Meinung nach attraktiv?
Es ist ein attraktiver, abwechslungsreicher Beruf mit sehr vielen Chancen der Weiterentwicklung in akademische Richtungen oder mit sehr vielen Weiterbildungsmöglichkeiten in verschiedenen Gebieten wie zum Beispiel Fachkraft für Intensiv, Notfallpflege, Geriatrie, Onkologie, Palliativ, Wundmanagement und viele weitere.

„Von der Politik erwarte ich, dass den vielen Versprechungen endlich Taten folgen“

Das HEH sucht zurzeit vor allem Pflegepersonal auf der Intensivstation. Welchen Herausforderungen muss man sich in der (Intensiv-)Pflege stellen?
Die Patienten der Intensivstation sind häufig in einem kritischen, teils lebensbedrohlichen Zustand und benötigen längerfristig eine ständige medizinische Behandlung oder Pflege. Die Pflegekräfte der Intensivstation leisten eine hochtechnisierte Pflege, die einer sehr intensiven Einarbeitung und die Weiterbildung zur Fachkraft benötigt. Unsere Mitarbeiter werden kontinuierlich weitergebildet. Es ist sehr schwer, schon weitergebildete Fachkräfte einzustellen, da sich aktuell sehr wenige bis keine auf dem Markt befinden.


HEH Sven Grunert Intensiv c Stiftung Herzogin Elisabeth Hospital 1 art


Welche Zukunftsperspektiven bietet das HEH seinen Mitarbeitern und Auszubildenden?
Grundsätzlich zunächst einen sicheren Arbeitsplatz mit hervorragenden Arbeitsbedingungen. Mitarbeiter, die in der Pflege eingestellt werden, erhalten von uns prinzipiell einen Festvertrag. Bei dem Wunsch, weiter in unserem Haus zu arbeiten, wird jedem Auszubildenden ein Arbeitsplatz mit Festanstellung angeboten.

Interview Denise Rosenthal
Fotos Hanno Keppel Image Photography

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