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Tony Cragg

noch bis 25. Oktober /

Schloss Museum (WF)

Weltklassekunst in Wolfenbüttel: Die dynamischen Skulpturen
des bedeutenden britischen Bildhauers Tony Cragg können
im Schloss Museum Wolfenbüttel erlebt werden.
PK Tony Cragg 2019 Schloss Museum Wolfenbuttel Foto Florian Kleinschmidt bestpixelsde art
Eine 2,20 Meter hohe, nach oben hin breiter werdende, geschichtete Skulptur windet sich auf einem wuchtigen Betonsockel, platziert direkt am Wolfenbütteler Schloss Museum gegenüber des Lessinghauses im Museumsdreieck. Tief rotbraun und matt glänzend wirkt sie wie ein geschliffenes Edelholzstück, doch es ist glatt gegossene, massive Bronze, die das Straßenbild zwischen Schloss und Lessingplatz seit Anfang Juli einschneidend verändert hat. „Stack“ heißt die beeindruckende, öffentlich zugängliche Stapelplastik, geschaffen vom Weltklasse-Bildhauer Tony Cragg, der eine besondere Auswahl seiner Werke – Skulpturen aus Bronze, Holz und Glas, außerdem Bleistift-Zeichnungen und Radierungen – noch bis zum 25. Oktober im einzigartigen Ambiente des Schloss Museums zeigt. Cragg ist eher für seine großen, beeindruckend-ausladenden Skulpturen bekannt. Die Ausstellung im Inneren des Schloss Museums hingegen zeigt viele kleinere seiner Werke – die Statik des jahrhundertalten Gebäudes erlaubt ausschließlich Objekte bis zu 200 Kilogramm Gewicht. „Points of View“ ist der Titel der Ausstellung, die Arbeiten des bedeutenden Künstlers aus den 1990er Jahren bis heute in Wolfenbüttel zeigt.
Das erfüllende Gefühl, ein Stück Holz zu schnitzen, am Strand statisch Steine zu stapeln oder aus Ton eine Vase zu töpfern, kennt jeder. Organisches Material zu formen und zu verändern, ist ein besonderer Erfahrungsprozess. Während etwas Neues entsteht, hinterlässt das Empfinden beim Kreieren Spuren im Selbst. „Ein Fluss von Emotionen, den ich durch die Hände spüre“, so beschreibt Künstler Cragg diesen Prozess. „Das verspreche ich mir von der Bildhauerei. Sie hat eine wahnsinnige Dynamik. Bildhauerei ist eine mächtige, kraftvolle Entwicklung durch Raum und Zeit. So, wie die Alpen sich aus dem Meer erhoben haben.“
Tony Cragg sieht darin den Versuch, die Natur der Dinge zu ergründen. Mit naturphilosophisch-wissenschaftlichem Blick betrachtet er sein Werk. „Kunst hat die Kraft, am Mysterium unserer Existenz zu kratzen, auch wenn wir nie in der Lage sein werden, sie komplett zu begreifen. Und zwar mehr noch als die Wissenschaft. Kunst bietet die bessere Sprache zur Beschreibung der Welt. Ein Kunstwerk ist das Tor zum Selbstverständnis einer Sache.“ Seine Herangehensweise verortet er universell: „Ich bin kein Designer, der mit einer konkreten Vorlage arbeitet. Aber auch niemand, der etwas gegen eine Wand schmeißt und hofft, dass es gut aussieht. Ich bilde auch die Natur nicht eins zu eins ab. Seit meiner ersten Skulptur 1969 bewege ich mich in dem unglaublich großen Raum, der sich zwischen diesen Methoden befindet.“
Schon seit den späten 1960er Jahren, als Bildhauerei noch längst nicht das Ansehen hatte, das sie heute genießt, beschäftigt sich der Engländer Cragg mit dem Verwandeln von Stoffen in Formen und Skulpturen. Gesammelte organische Materialien wie Ziegel, Bretter, Teppiche oder Rohre in eine neue, homogene Form zu transformieren, machte er sich damals zur Lebensaufgabe, angetrieben von purem Idealismus. Heute gehört der inzwischen 71-Jährige zu den berühmtesten Bildhauern weltweit, ein namhafter Künstler, der die Kunst der Moderne in dieser Gattung maßgeblich mitgeprägt hat. Craggs Skulpturen fanden schon überall auf dem Globus einen Platz: Ausgestellt hat er auf der documenta 7 und 8, bereicherte als Vertreter für Großbritannien die Biennale in Venedig und erhielt Auszeichnungen wie den Lifetime Achievement in Contemporary Sculpture Award oder den Turner Prize der Tate Gallery in London. Seit Anfang Juli prägt auch am Berliner Bundestag, vor dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, ein Objekt des Künstlers das Straßenbild – „Werdendes“ heißt diese mächtige, sechs Meter hohe Bronzeskulptur. Nun schon seit mehr als 40 Jahren lebt und arbeitet Cragg in Deutschland, lehrte an Hochschulen wie der Akademie der Künste in Berlin oder der Kunstakademie Düsseldorf, der er auch vier Jahre als Rektor vorstand. In seinem Wohnort Wuppertal eröffnete er mit seiner eigenen Stiftung 2008 den Skulpturenpark Waldfrieden, in dem neben seinen imposanten Werken auch andere namenhafte Künstler ausgestellt sind, unter anderem auch der Spanier Joan Miró.
PK Tony Cragg c Benyamin Bahri art
Perspektivfragen
Das geschichtsträchtige Wolfenbütteler Barock-Schloss ist ein sehr außergewöhnlicher Ausstellungsort für Craggs sehr moderne Exponate, die sonst in hohen, weitläufigen, weißwandigen Galerien oder unter freiem Himmel ausgestellt werden. Seit Jahrhunderten hat sich im Schloss augenscheinlich nicht viel verändert, dabei erzählen die Skulpturen von Wandel, Entwicklung und Veränderung. Ein besonderer Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart, den auch Museumsleiterin Sandra Donner im SUBWAY-Interview als besonderes Merkmal der „Points of View“-Ausstellung beschreibt: „In einem Museum, einem Schloss mit barocker Kunst, haben Ausstellungen zeitgenössischer Kunst einen besonderen Reiz, im Kontrast von Vergangenheit und Gegenwart. Wir bekommen nicht nur neue Perspektiven auf das Zeitgenössische, sondern sehen auch das Historische anders und neu. Das gibt dem Projekt in unseren Augen die besondere Spannung. Auf den ersten Blick scheint die Kombination von zeitgenössischer Kunst in barocker Umgebung schwierig, aber wenn ein Künstler von Weltrang wie Tony Cragg sich dieser Aufgabe stellt, ist das eine große Chance, mehr Menschen anzusprechen.“ So wird die prestigeträchtige Ausstellung sicherlich auch zahlreiche Gäste von außerhalb anziehen, die sich im Idealfall für historische ebenso wie für zeitgenössische Kunst begeistern lassen wollen.

„Kunst hat die Kraft, am Mysterium unserer Existenz zu kratzen“

PK Tony Cragg in er Ausstellung Points of View im Schloss Museum Wolfenbuttel Foto Florian Kleinschmidt bestpixelsde art
Realisiert werden konnte die hochkarätige Ausstellung in Wolfenbüttel durch die großzügige Förderung der Curt Mast Jägermeister Stiftung, die es sich seit der Gründung vor 14 Jahren zu einer Kernaufgabe gemacht hat, Kultur und soziale Projekte in und um Wolfenbüttel zu fördern. „Die Kultur liegt uns wirklich sehr am Herzen und sie ist auch für die Menschen hier sehr wichtig. Gerade jetzt in Zeiten der Pandemie muss sie gefördert werden. Die Menschen sind hungrig nach Kultur und deshalb passt die Ausstellung gerade jetzt wunderbar“, erklärt Manja Puschnerus aus dem geschäftsführenden Vorstand der Stiftung über Craggs „Points Of View“.
„Auch Wolfenbüttel hat diese Kunst verdient, nicht nur Weltstädte wie Berlin oder Paris.“ Florian Rehm, Sprecher der Unternehmerfamilie Mast, der die Ausstellung mitentwickelt und deren Realisierung ermöglicht hat, fügt vielversprechend hinzu: „Vielleicht bleibt nach der Ausstellung ja sogar auch eine Skulptur Craggs in Wolfenbüttel.“
Schon jetzt zeigt sich auch in Wolfenbüttel: Craggs Kunst polarisiert. Besonders „Stack“, außen vor dem Schloss, sorgt für Diskussionen über Geschmack, Sinn und Unsinn der Werke. Diese Meinungsvielfalt und Uneinigkeit begrüßen alle Beteiligten jedoch sehr. „Das ist eine Diskussion, die es hier sonst vielleicht nicht geben würde“, findet Stiftungsvorstand Puschnerus und auch Museumsleiterin Donner meint: „Die Außenskulptur ist eine Einladung und Möglichkeit für die Wolfenbüttelerinnen und Wolfenbütteler, sich kostenlos mit der Arbeit eines der bedeutendsten Bildhauer der Welt auseinanderzusetzen und diese auf sich wirken zu lassen. Wie schon der Titel der Ausstellung sagt, „Points of View“, kommt es auf den Blickpunkt an, die Sichtweise. Kunst muss nicht gefallen, sie soll uns anregen zum Betrachten, zum Nachdenken und zum Fühlen.“
Mehr als 2 000 Besucher ließen sich bislang von der Imposanz von Craggs Arbeiten mitreißen. Ursprünglich sollte die Ausstellung nur bis zum 13. September laufen. Erst kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns die Nachricht, dass Kunstliebhaber Florian Rehm, die Curt Mast Jägermeister Stiftung und das Schloss Museum Wolfenbüttel diese einzigartige und vielschichtige Ausstellung bis zum 25. Oktober verlängert haben. Eine Entscheidung, die für sich spricht.

Text Benyamin Bahri
Fotos Florian Kleinschmidt bestpixels.de, Benyamin Bahri

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