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Lesetage Hallenbad

3. bis 27. November
Kulturzentrum Hallenbad (WOB)

hallenbad.de
Nach Corona-bedingter Pause starten die Wolfsburger Lesetage im Hallenbad
endlich wieder voll durch und bringen den November über eine bunte Mischung
an auserwählten Autor:innen auf die Bühne.
PK Baier Henning Michel Abdollahi c Max Baier u Arian Henning art
Lesen ist Kino im Kopf“ – ein Satz, der einst das Deckblatt meines Lesetagebuchs in der Grundschule zierte. Damals war Lesen eine Tortur und das Lesetagebuch fiel dementsprechend mager aus. Ein Zustand, der glücklicherweise nicht lange anhielt. Diese Geschichte könnte manchen aus der Seele sprechen. Manch andere:r wiederrum bekam bereits zu Schulzeiten die Diagnose Bücherwurm gestellt.



So oder so – Lesen ist und bleibt ein wichtiger Teil des täglichen Lebens. Dieser Ansicht sind auch die Organisator:innen der Lesetage im Wolfsburger Kulturzentrum Hallenbad, die sich nach Pandemie-bedingter Pause mit acht besonderen Autor:innen zurückmelden. Vom 3. bis zum 27. November lassen sie Gelesenes wie einen lebhaften Film vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Obwohl – Vorgelesenes sollte es eher heißen, denn die Autor:innen höchstpersönlich bringen ihr Niedergeschriebenes vor Publikum zu Gehör.
Die Wolfsburger Lesetage glänzen im November wieder mit namhafter Literatur-Prominenz, nachdem in der Vergangenheit Persönlichkeiten wie Harry Rowohlt, Max Goldt, Linda Zervakis oder Roger Willemsen zu Gast waren. Auch in diesem Jahr haben sie sich nicht lumpen lassen und begrüßen nun unter anderem Axel Hacke, Heinz Rudolf Kunze oder auch Paula Irmschler, deren Debütroman „Superbusen“ wir bereits im vergangenen Jahr vorstellten. Anlässlich dieses Spektakels möchten wir euch drei weitere Autor:innen vorstellen, deren Werke unterschiedlicher nicht sein könnten.
Never give up
Mehr oder weniger subtilen gesellschaftlichen Rassismus gab es schon immer. Auch schon vor der Gründung der AfD 2013 und auch schon vor dem 2010 erschienenen, antimuslimischen Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Zehn Jahre später kommt nun mit „Deutschland schafft mich“ die Antwort von Journalist und Moderator Michel Abdollahi. Der Hamburger prangert die gesellschaftliche Verharmlosung von rechtem Gedankengut an und die Tatsache, dass Rechten immer noch eine Bühne in den Medien gegeben wird, um sich Gehör zu verschaffen – wie auch im Fall von Sarrazin.
Beleidigungen, Diskriminierungen und Übergriffe sind für viele Menschen mit Migrationshintergrund heute wie damals noch immer knallharter Alltag. Auch der gebürtige Teheraner Michel Abdollahi ist von Rassismus betroffen und sah sich deshalb gezwungen, seine Vorstellung von sich als waschechten „Hamburger Jung“ zu überdenken.
In seinem Sachbuch erzählt Abdollahi davon, wie ihn seine scheinbar vorbildliche Integration und sein deutscher Pass heute nicht mehr vor Beleidigungen und rassistischen Übergriffen schützen. Aber sich davon unterkriegen lassen? Niemals. Aufgeben ist für den 40-Jährigen keine Option.
So moderiert der studierte Jurist und Islamwissenschaftler neben seinen Tätigkeiten als Autor und Podcaster die Late-Night-Talkshows „Käpt‘ns Dinner“ sowie „Der deutsche Michel“ im NDR. Für seine Dokumentation im Nazidorf Jamel und seine konfrontativen Straßenaktionen als NDR-Reporter, bei denen er unter anderem Bürger:innen zum Islam befragte, sahnte er 2016 den Deutschen Fernsehpreis ab. Nicht schlecht, Herr Specht. Von dem Medien-Multitalent können wir sicher noch so einiges erwarten.
PK lisa eckhart omama c Zsolnay Verlag Paula Winkler art
Hart, härter, Oma
Dass Omas wahre OGs sind und ihren Enkel:innen heimlich Bonbons und Fünfer zustecken, ist kein Geheimnis. Sie konnten aber häufig nur deshalb so krass werden, weil sie schon vieles erlebt haben und daher nur so vor Weisheit strotzen.
So auch die Oma im Romandebüt von Autorin und Kabarettistin Lisa Eckhart. Die gebürtige Österreicherin erzählt in „Omama“ die Geschichte von Großmutter Helga, deren Leben geprägt war von jugendlichen Eifersüchteleien in den 40ern, einer arrangierten Ehe in den 50ern und internationalem Fleischschmuggel in den 80ern. Das klingt wyld. Mit 80 Jahren bedient sie schließlich das Renter:innen-Klischee und unternimmt mit ihrer Enkelin eine Kreuzfahrt, auf der die beiden in handgreiflichem Wettbewerb um den Schiffskapitän buhlen. Von wem ihre Enkelin das wohl hat?
Die 29-jährige Lisa Eckhart erzählt tabulos und amüsant die Lebensgeschichte dieser besonderen Oma, von der man nicht genau weiß, ob es sich um ihre eigene handelt. Interviewt doch mal eure Großmütter, -väter oder Eltern und findet heraus, ob sie heimlich auch solche Original Gangster waren.
Selbst ist die Wahl-Leipzigerin regelmäßig in diversen Fernsehsendungen zu sehen und steht als scharfzüngige Kabarettistin auf Klein- und Großbühnen. Nach einem Auftritt im September 2018 musste sie für einige ihrer grenzwertigen Äußerungen allerdings ordentlich Kritik einstecken. Aus diesem Grund wurde sie von den einen an den Pranger gestellt; Kabarett und Satire müssen aber auch wehtun dürfen, verteidigten sie die anderen. Bleibt abzuwarten, ob Lisa Eckhart mit „Omama“ genauso polarisiert.
Wenn Eltern zu Ältern werden
Jan Weiler ist kein Unbekannter in Deutschlands Kinos und Bücherregalen. Mit Kolleg:innen verfasste er Drehbücher für Filme wie „Das Pubertier“ oder auch „Maria, ihm schmeckt´s nicht!“. Zu seiner „Pubertier“-Reihe gesellt sich nun der vierte Band „Die Ältern“.
Der zweifache Vater kennt sich bestens mit dem Familienalltag aus und hat einen hinreißend amüsanten Roman mit Geschichten über Eltern verfasst, deren Nachwuchs flügge wird. Die liebevoll animalisch als „Pubertiere“ bezeichneten Jugendlichen werden erwachsen und auch die Eltern machen dabei einen Entwicklungsprozess durch. Gestern noch Endgegner mutieren sie nun zu milde belächelten, ahnungslosen „Ältern“.
Im so betitelten Roman erzählt der gebürtige Düsseldorfer von dem Moment, wenn Eltern der harten Realität ins Auge blicken müssen und erkennen, dass sie nicht länger gebraucht werden. Ein Zustand, auf den man sich nur schlecht vorbereiten kann. Das Beseitigen von Wäschebergen und leeren Chipstüten der Teens bestimmt nun nicht mehr den Alltag. Wohin mit der neugewonnenen Freizeit? Niemand weiß, ob die „Pubertiere“ noch einmal den Weg zurück in den heimischen Stall finden werden. Ist man dann für immer allein? Da könnten so manche „Ältern“ leicht in Panik geraten.
Was nach einer herausfordernden Zeit klingt, wird von Jan Weiler amüsant und mit einem Augenzwinkern literarisch aufgearbeitet. Da wird sich bestimmt so manche Mutter oder mancher Vater im Hallenbad-Publikum ertappt fühlen. Aber nehmt es mit Humor – zum Lachen wird man wenigstens nie zu alt.
PK Jan Weiler c Tibor Bozi art

Text Marie Vahldiek
Fotos Max Baier & Arian Henning, Tibor Bozi, Zsolnay Verlag/Paula

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