Wie es Euch gefällt

2. bis 5. August /
Theater am Aegi (H)


Vertauschte Identitäten, Irrungen, Wirrungen und ein Happy End – alles genau
„Wie es euch gefällt“. Musical-Autor Heinz Rudolf Kunze im Interview.
Die ganze Welt ist eine Bühne und Fraun wie Männer nichts als Spieler“, so ein Zitat der Figur Jacques aus einer von Shakespeares bekanntesten Komödien, „Wie es euch gefällt“. Was auch schon ganz gut die Handlung des Stückes zusammenfasst, in dem Geschlechter vertauscht und mit der Erwartungshaltung des Publikums gespielt wird. Das Musical aus der Reihe des Duos Kunze und Lürig findet erstmals im Hannoveraner Theater am Aegi statt, Erfolg hatten die beiden schon mit ihren Inszenierungen „Sommernachtstraum“, „Kleider machen Liebe, oder was ihr wollt“ und „Sturm“ im Gartentheater Herrenhausen. Wir sprachen mit Texter Heinz Rudolf Kunze über die Umsetzung des Stücks, die sagenumwobene Figur William Shakespeare und den Umzug an die neue Spielstätte.
Die Handlung von „Wie es euch gefällt“ ist recht komplex und verschachtelt. Wie würden Sie sie in wenigen Sätzen erklären?
Ich möchte nichts vorwegnehmen, aber ich kann sagen, dass es eine typische Shakespeare-Komödie ist. Ich nenne es immer etwas respektlos „Kasperletheater für Erwachsene“. Das ist aber nur dann eine richtige Formulierung, wenn man weiß, dass ich davor sehr große Achtung habe. Natürlich spielt die Shakespeare‘sche-Komödie nicht auf so komplexen Ebenen wie die Tragödie. Da sind viel mehr Gedanken und komplizierte Probleme im Spiel. Bei Komödien steht das Vergnügen der Leute im Vordergrund, er macht die Zuschauer zu Mitwissern, genau wie das Kinder-Publikum beim Kasperletheater auch Mitwisser ist. Wenn der Kasper rhetorisch in die Runde fragt: „Na, wo ist denn das Krokodil?“, und alle schreien: „Hinter dir!“. Genauso ist es bei Shakespeare auch. Da verkleiden sich immer wieder Männer als Frauen und Frauen als Männer. Das wissen natürlich alle im Publikum und nur die armen Helden sind die Dummen, die es nicht wissen. Dadurch entsteht viel Schadenfreude und Vergnügen. Gerade der Liebhaber, der reinherzige Orlando, ist eigentlich der größte Tölpel, der am wenigsten mitkriegt. Das Besondere an diesem Stück ist, dass Rosalinde für meine Begriffe die stärkste und selbstständigste Frauen-Rolle ist, die Shakespeare je geschrieben hat – zumindest in den Komödien. In anderen Komödien sind die Frauen doch oft ein bisschen tumb und absolute Kinder ihrer Zeit, kurzgehalten mit Geist und Bildung. Rosalinde ist eindeutig der Motor dieses Stückes, sie hat den Laden in der Hand und ist die Einzige, die richtig durchblickt. Sie weiß, was sie will, und im Vergleich mit ihr ist ihr Auserwählter eigentlich ein ziemlich einfältiger Hanswurst (lacht).
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Zu Shakespeares Zeiten durften Frauen nicht auf der Bühne spielen. Daraufhin schrieb Shakespeare den Part der Rosalinde, die 40 Prozent Textanteil hatte, seinem Darsteller auf den Leib. Wie ist Ihre Arbeitsweise im Vergleich, nehmen Sie nach dem Casting noch Änderungen vor?
Der Text war fix und fertig, als wir die Schauspieler gecastet haben. Wir hatten eine große Auswahl, mehrere Hundert Leute haben sich beworben. Es hat deshalb mehrere Sessions gedauert, bis wir das Ensemble zusammenhatten. Wenn bei mir ein Text fertig ist, wird kein Komma mehr gesetzt.
Wie viel an Eigenem haben Sie reingegeben?
Ich bemühe mich, die Absichten von Shakespeare zu transportieren, sodass ein Effekt entsteht, den er auch hätte haben wollen. Es soll zum Beispiel Rührung oder Gelächter an den Stellen vorkommen, an denen er es vorgesehen hat. Dass ich das zum Teil mit anderen Mitteln tun muss, ist klar. Berühmtere Leute als ich, unter anderem Goethe, haben schon gesagt, dass es literarische Übersetzungen eigentlich gar nicht gibt, sondern nur literarische Nachdichtungen, bei denen man eigene Mittel nutzen muss. Eine Eins-zu-eins-Übersetzung von poetischen Texten ist unmöglich, weil Bilder und Metaphern in jeder Sprache anders funktionieren.

„Da verkleiden sich immer wieder Männer als Frauen und Frauen als Männer“

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Haben Sie eine Lieblings-Textzeile?
Ja, es gibt einen ganz großen Monolog der Figur Jacques, in dem der berühmte Satz „Die ganze Welt ist eine Bühne“ vorkommt. Jacques ist ein depressiver Zyniker, der die ganze Welt für ein Affentheater hält und keinem über den Weg traut. Er denkt, alle machen sich gegenseitig nur etwas vor. Das ist vor allem in Zeiten von Fake News und Donald Trump eine höchst aktuelle Zeile.

Sie arbeiten schon seit 1985 und der Erfolgs-Single „Dein ist mein ganzes Herz“ mit Heiner Lürig zusammen. Wie ist Ihre gemeinsame Vorgehensweise beim Texten und Lieder schreiben für das Musical?
Wir arbeiten ja schon seit mindestens 15 Jahren nicht mehr in meiner Band zusammen. Heiner komponiert jetzt nicht mehr die Songs für mich. Wir beide behandeln Shakespeare mit einer klaren Rollenverteilung. Heiner macht die Musik, ich den Text. Da reden wir dem anderen auch nicht rein. Insofern kann man das nicht mit dem vergleichen, was wir unter dem Namen Heinz Rudolf Kunze gemacht haben. Es sind nicht mehr Lieder, die zu mir passen, sondern wir einigen uns auf einen Dritten. Den Text für das Musical mache ich erst fertig, schicke ihn dann Heiner und er vertont ihn.
Sie sind nun erstmals von der Außenbühne im Gartentheater ins Theater am Aegi umgezogen. Warum der Wechsel?
Wir können nicht mehr in Herrenhausen spielen, unter anderem weil uns der Chef dort nicht mehr haben will. Er hat jahrelang gegen uns polemisiert und damit argumentiert, dass die viel zu vielen Zuschauer – die ihm ein Dorn im Auge waren, weil keine seiner Veranstaltungen so erfolgreich ist – ihm die Beete zertrampeln und andere an den Haaren herbeigezogene Vorwürfe. Daraufhin wurde auch die Sitzzahl in Herrenhausen verkleinert, sodass dort keine Produktion mehr erfolgreich stattfinden kann. Selbst wenn du ständig ausverkaufst, machst du Minus. Das kann sich niemand mehr leisten, er hat uns also erfolgreich rausgeekelt. Das haben wir uns nicht gefallen lassen und das müssen wir auch nicht, denn Hannover Concerts besitzt nun mal dieses schöne Theater am Aegi. Ich als Autor bin damit mehr als glücklich, ich habe immer dort sein wollen. Dort sind wir wetterunabhängig, was in Hannoveraner Sommern eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Viele Aufführungen in den letzten 13 Jahren sind verregnet. So schön der Garten auch ist, hat mich zum anderen in Herrenhausen immer gestört, dass die gesamte erste Halbzeit bis zur Pause immer im Tageslicht stattfand. Ich möchte aber eine gewisse Illusion bauen. Das kann ich im Aegi mit den Scheinwerfern und dem geschlossenen Raum viel besser kontrollieren als draußen.
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„Wie es euch gefällt“ hebt Standes- und Geschlechterrollen auf. Wie passt das in den heutigen Gender-Kontext, in dem das Geschlecht zunehmend unverbindlicher wird?
Ich habe das auch überlegt, weil ich natürlich die Rezeptionsgeschichte dieses Stückes vorher studiert habe. Es gab hitzige Auseinandersetzungen mit Feministen oder Homosexuellen. Es gab Versuche, Shakespeare wieder aufzugreifen und nur von Schwulen spielen zu lassen, eher so, wie es bei Shakespeare auch tatsächlich war. Ich halte das alles für ein bisschen hysterisch. Es ist einfach ein modernes Märchen für die ganze Familie, in dem spielerisch mit Geschlechteridentität umgegangen wird. Man sollte nicht zu viel hineingeheimnissen. Von Feministinnen mit einem Mindestmaß an Humor dürfte es eigentlich keine Einwände geben, denn in diesem Stück sind die Frauen eindeutig die Stärkeren und wissen, was sie wollen.

Wie kann man den Titel verstehen?
Shakespeares Titel, gerade bei den Komödien, waren oft einfach so hingerotzt. So aus der Hüfte, zack, schnell. Natürlich mache ich mir über den Titel auch im Abschlusssong Gedanken, in dem ich das Stück noch mal zusammenfasse und sage: Die Liebe ziert sich schon manchmal ziemlich. Sie ist nicht immer so, wie sie uns gefällt. Aber wenn es gut ausgeht – und in diesem Märchen geht es natürlich gut aus –, dann ist sie hoffentlich, wie es den Liebenden auf der Bühne gefällt und auch den Zuschauern im Saal.
Die Person Shakespeare lässt bis heute viele Fragen offen. Haben Sie trotzdem das Gefühl, ihn nach all Ihrer Recherche mit den Jahren besser zu verstehen?
Es gibt ja diese sehr plausible Theorie, dass ein Mensch aus dem niedrigen Bürgertum zu der damaligen Zeit um 1600 gar nicht so gebildet gewesen sein kann, dass er das hätte schreiben können. Dass es ein Adliger war, der sich Shakespeare als Namensgeber gekauft hat. Diese Theorie ist sehr plausibel, viele englische Sprachwissenschaftler haben sich daran abgearbeitet. Es wird aber nicht so richtig verfolgt, weil, wie ich glaube, die Engländer ihren Mythos nicht zerstören wollen. Sie wollen nicht, dass er angekratzt wird. Wenn es Shakespeare nicht nur gegeben hat – und wir wissen, dass es ihn gegeben hat –, sondern er wirklich auch der Autor von all diesem Zeug war, dann ist das platt gesagt ein noch größeres Wunder als dass J. K. Rowling „Harry Potter“ geschrieben hat. Wenn es nämlich stimmt, dass das ihr erstes Werk war, dann halte ich das für ein literarisches Weltwunder in ähnlichem Ausmaß wie die Pyramiden. Ein so gut gebautes Riesenwerk von einem Anfänger – das ist eigentlich nicht möglich. Noch viel weniger möglich erscheint mir William Shakespeare.
Was war das wohl für ein Typ, hätte man mit dem auch ein Bier trinken gehen können?
Das ist jetzt reine Spekulation, denn wir wissen ja so gut wie nichts von ihm. Es ist ja kaum mal irgendwo eine Unterschrift von ihm vorhanden, geschweige denn viel Privatkorrespondenz. Ich stelle ihn mir als einen Theaterpraktiker vor, als einen Mann, der sehr viel mehr Ähnlichkeit mit Willy Millowitsch hat als mit Heiner Müller. Ein Mann, der unter großem Stress, unter enormem Druck immer wieder neue Hämmer in einem Theaterbetrieb raushauen musste und das ja dann mit einem beachtlichen Niveau getan hat. Wenn er das alles tatsächlich selber gemacht hat, dann würde ich natürlich wahnsinnig gerne mit ihm in den Pub gehen, um herauszukriegen, was sich in so einem Kopf alles abspielt. Dass man nicht viel über ihn weiß, macht ihn auch sehr zwielichtig und nährt immer wieder den Verdacht, dass da irgendwas faul ist. Aber wir wollen die Engländer nicht allzu sehr erschüttern (lacht).

„Die Liebe ziert sich schon manchmal ziemlich. Sie ist nicht immer so, wie sie uns gefällt“

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Ihr Album „Schöne Grüße vom Schicksal“ ist seit Mai erhältlich. In „Schäme dich nicht deiner Tränen“ besingen Sie sogar die „Hamlet“-Figur. Da spielte wohl Ihre Musical-Erfahrung rein?
Das hat damit nichts zu tun. Hamlet ist einfach ein Sinnbild für den grübelnden, zögernden Menschen mit vielen Handlungshemmungen und Skrupeln. Da es in diesem Lied um Gefühle und Menschen geht, die sie nicht gerne offen zeigen und sich ihrer Tränen schämen, ist Hamlet für mich metaphorisch naheliegend. Es ist jemand, der in der Literaturgeschichte dafür berühmt geworden ist, ein Mensch zu sein, der Probleme mit seinen Gefühlen hat.

Glauben Sie an Schicksal?
Nein. Wenn, dann nur an eines, das man auch beeinflussen kann. Zumindest kann man in den Dialog damit treten. An ein Schicksal in Form von Verhängnis oder Kismet glaube ich nicht.

Interview Katharina Holzberger
Fotos Martin Huch, Veranstalter

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