Ich will einen Vorab-Blick darauf erhaschen, was Moderator Markus Schultze beim kommenden Pop Meets Classic für eine
Überraschung parat hält. Darum habe ich mir ordentlich Proviant eingepackt und besuche das ferne Salzgitter-Bad.
Für sein diesjähriges Projekt hat er sich nämlich vier starke Männer von der Tom-Mutters-Schule in Gebhardshagen ins Boot geholt.
Nils, Phillipp, Tim und Tim haben donnerstags jetzt nicht mehr den langweiligen Schulalltag mit Mathe, Deutsch und Sachkunde auf dem Plan, denn sie bauen zusammen ein Holzkanu. Ein wenig handwerkliche Erfahrung brachten einige schon mit, aber ein ganzes Boot, das zwei ausgewachsene Männer auf dem Wasser tragen soll, vom Kiel bis zum Steckpaddel – so ein großes Vorhaben hatten sie noch nicht.
„Die Konstruktionsweise nennt man Skin on Frame, Haut auf Rahmen“, erklärt Markus, für den dieses schon das dritte selbstgebaute Boot ist. „Die Inuit und andere Native Americans haben das schon vor Jahrhunderten ganz ähnlich gemacht: Man baut ein Gerüst aus dem Material, das man hat, etwa angeschwemmtes Holz oder Tierknochen, und bespannt das mit einem wasserundurchlässigen, möglichst hartnäckigen Material, das Stöße abkann und das Boot über Wasser hält.“ Vor seiner MTV- und Rockband-Karriere hatte der 47-Jährige einst eine Tischlerlehre begonnen und die handwerkliche Leidenschaft seitdem nicht verloren.
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Flussaufwärts
Darum kam er auch 2016 darauf, einfach mal für sich selbst ein Boot zu bauen: „Das war ein etwas komplexeres Modell und mit Epoxidharz, das giftig und sehr kompliziert in der Verarbeitung ist. Was mich dabei aber so richtig fasziniert hat, war, dass da vorher gar nix ist und man etwas schafft, was einen auf dem Wasser trägt. Im Erschaffungsprozess liefen bei mir immer wieder Tränen, erst recht, als ich dann nach langer Zeit damit fertig wurde. Das ist eine unglaubliche Erfahrung, die ich teilen wollte“, erzählt er begeistert. Für den Workshop mit den vier geistig beeinträchtigten Jugendlichen hat sich Markus viele Gedanken gemacht, „welcher Bootstyp überhaupt möglich ist, wenn man nicht genau einschätzen kann, was wir in einer Arbeitseinheit schaffen und wie die jeweiligen handwerklichen Fertigkeiten ausgebildet sind.“
„Ich weiß noch, beim ersten Meeting hier haben alle noch rumgedaddelt und ungeduldig gefragt: ‚Kann ich schon nach Hause?‘ (lacht, lautstarker Protest von den Jungs; Anm. d. Red.) Und wenn ich euch heute sehe, mit welchem Fleiß und welcher Hartnäckigkeit ihr dabei seid, dann ist das ganz, ganz toll und genau das, was wir uns gewünscht haben“, ergänzt Steffen Krollmann, erster Vorsitzender der Lebenshilfe Salzgitter, stolz. „Inklusion beginnt in den Köpfen. Wenn wir aber keine kreativen Ideen oder nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, dann ist Inklusion schwer umzusetzen. Darum sind wir so dankbar für das Kindernetzwerk der Volksbank BraWo und dieses Projekt.“

Im Erschaffungs-prozess liefen bei mir immer wieder Tränen, erst recht, als ich dann nach langer Zeit damit fertig wurde. Das ist eine unglaubliche Erfahrung, die ich teilen wollte.

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Seemannsgarn
Zur Vorbereitung hat Markus in einem Workshop extra sein zweites Boot gebaut, nach dem Bauplan eines nordamerikanischen Kanu- und Kajakbauers. „Es sollte eines sein, das relativ überschaubar vom Arbeitsaufwand und Materialeinsatz ist.
Und dabei trotzdem genügend Arbeitsschritte liefern, um die Jungs ordentlich zu fordern. Spannend ist, dass es eine ganz althergebrachte Bauweise ist, die heute noch genauso funktioniert“, berichtet er. Allein die Tatsache, dass sämtliche Verbindungen an dem Boot weder geschraubt noch geleimt, sondern komplett gewickelt werden, ist eine große Schwierigkeit: „Diese Wickeltechnik wurde schon vor langer Zeit verwendet, damals noch mit Tiersehnen oder Baumwurzeln. Das ist eine total coole Arbeit, mit der wir sehr lange zu tun haben werden. Es hat etwas Rudimentäres: Nur ein Band und das soll halten? – Das tut es absolut.“

Im selben Boot
Das Verhältnis der fünf Bootsbauer ist sichtlich vertraut, alle scherzen und lachen viel miteinander. „Zwischendurch muss man mal einen Witz machen und Feierabend muss auch mal sein.“ – „Ja, auch mal Pause und was anderes machen, was trinken oder zocken“, meint Phillipp. – „Es macht echt großen Spaß. Ich freue mich total, dass ich diese vier jungen Männer kennengelernt habe. Und ich finde, dass ihr das astrein macht. Wir kriegen das hin und es wird super, da habe ich keinen Zweifel.“ Kapitän Markus drückt seine Bootskameraden. „Und was macht euch am meisten Spaß?“ – „Sägen“, sagt Nils, „und bohren!“ „Bohren oder schrauben machen alle gern. Mittlerweile sind auch die
Schraubzwingen ganz begehrt. Es geht alles schon ganz gut von der Hand. Hauptsache in Ruhe und so sauber es geht. Das ist ein wichtiger Aspekt bei dem Projekt: Geduld haben und sich darauf einlassen, dass es ein langer Weg und eben nicht nächste Woche fertig ist. Vier, fünf Stunden konzentriert bei der Sache zu bleiben ist schon eine Herausforderung, aber man merkt, dass das mit der Zeit immer besser wird.“
Beim letzten Pop Meets Classic kam Markus als singender Astronaut auf die Bühne geschwebt. Vielleicht bekommt er in diesem Jahr ja einen Okerarm direkt in die Volkswagen Halle geleitet, damit er das Gemeinschaftswerk angemessen präsentieren kann?

Informationen
Die Lebenshilfe Salzgitter und ihre Werkstatt „Sölter Dienstleister“ ermöglichen mit neuen und kreativen Arbeitsangeboten Menschen mit Beeinträchtigungen einen besseren Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt.


Gute Aussichten
Nach der Erschließung der Tischlerei 2017 planen die „Sölter Dienstleister“ nun Arbeitsangebote für insgesamt 130 Mitarbeitende mit Beeinträchtigung, mit zusätzlichen Gebäuden in 2018/2019. Neben der Tischlerei entstehen eine Metallbearbeitung, die Konfektionierung und Verpackung, der Bereich Lagerlogistik, die beruflichen Bildungen in Handwerk und Hauswirtschaft sowie mehrere neue Schulungs- und Therapieräume.


Tolle Leistung
Seit 2009 in Salzgitter-Bad zuhause, hat sich das Arbeitsangebot stets erweitert: Beginnend mit Arbeiten in der Mensaküche der Ostfalia-Fachhochschule Salzgitter, kam 2013 der Bereich Garten- und Landschaftsbau in Ringelheim mit einer Imkerei und hauseigenen Honigprodukten sowie 2016 weitere Gebäude in Bad hinzu. Heute zählen die „Sölter Dienstleister“ 85 Mitarbeitende mit Beeinträchtigung.

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Prima Partner

Neben finanziellen Unterstützern und der Umsetzung von Einzelprojekten helfen viele regionale Unternehmen dadurch, dass sie Arbeitsplätze für Mitarbeitende mit Beeinträchtigung in ihren Betrieben einrichten.
Besonderen Dank für das Bootsbau-Projekt verdienen u. a.
Carsten Ueberschär, Leiter Direktion Braunschweig der Volksbank BraWo (Kindernetzwerk United Kids Foundations) und Paul Kunze, Projektleiter bei undercover.

Text: Evelyn Waldt
Fotos: Evelyn Waldt, Lebenshilfe Salzgitter

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