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„Rien ne va plus – nichts geht mehr!“ Die flüchtige Gunst des Glücksspiels und der Glücksspielstaatsvertrag.
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Das warmweiße Licht von Kronleuchtern durchdringt die dahinfließenden Rauchschwaden, die sich zu Jazz und Bossa-Nova wiegen, gespickt von den roten Augen feuriger Zigarren. Das Casino ist ein Ort der Laster, die pompöse Heimat der Glücksspiele, die ihrerseits beinahe so alt sind, wie die Menschheit selbst: Bereits in der frühen Steinzeit haben unsere Vorfahren Gefallen an Würfelspielen und dem Prinzip des Wettens gefunden. Doch Casinos und Spielbanken sind nur ein Teil dieser konjunktursicheren und milliardenschweren Industrie.
Nie war es so einfach, sich in den Fängen einarmiger Banditen zu verheddern wie heute. Die Digitalisierung verändert sämtliche Spielregeln: Aus Kronleuchter mach LED-Display, aus Chips mach Online-Banking, aus Anzug mach Jogginghose. Online-Casinos, Live-Streams und die daraus resultierende ständige Verfügbarkeit des Glücksspiels bringen die grellblinkende Reizüberflutung in jedes Wohnzimmer – ein Risiko, das besonders während des Corona-Lockdowns verheerende Folgen haben kann.
Die Hemmschwelle sinkt
„Letztendlich muss man überhaupt nicht mehr vor die Tür gehen oder echtes Geld in die Hand nehmen, um es online zu verlieren“, sagt Jonathan, ein 24-jähriger Lehramt-Student, der die Risiken des Glücksspiels am eigenen Leib erleben musste. Vor zwei Jahren ist er erstmals mit Glücksspiel in Berührung gekommen – und hat seitdem Summen im vierstelligen Bereich verzockt. „Anfangs ging ich nur in die richtige Spielbank, nach einiger Zeit habe ich dann das Online-Casino für mich entdeckt“, berichtet er.
Erst seit September letzten Jahres wird Online-Glücksspiel in Deutschland durch die Länder geduldet. Im kommenden Juli soll schließlich der neue Glücksspielstaatsvertrag in Kraft treten, der es offiziell macht: Online-Casinos werden hierzulande legalisiert.
Zu Recht hat dieser Entschluss für Kontroversen gesorgt. So gibt es zahlreiche Angebote mit Sitz in anderen EU-Ländern, die von Deutschen genutzt werden. Bliebe das Online-Glücksspiel in Deutschland verboten, entginge dem Staat die Möglichkeit, dieses zu regulieren, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen und Steuergelder zu generieren. Andererseits wird mit dem neuen Vertrag auch das grundsätzliche Verbot von Werbung für Online-Glücksspielangebote aufgehoben.
„Ich finde den Gedanken grausam, dass solche Angebote auch noch beworben werden sollen“, gibt Jonathan zu bedenken, „eine Verharmlosung vom Glücksspiel und ein Zugänglichmachen an eine breite Masse, auch Minderjährigen, empfinde ich als hochgradig problematisch.“
Die Stadt Braunschweig erhöhte im Februar 2020 zum ersten Mal seit acht Jahren die Steuern auf Glücksspiel am Automaten. Gewerbliche Geldspielautomaten sind die Glücksspielform mit dem statistisch höchsten Suchtpotenzial – dabei gelten sie offiziell gar nicht als Glücksspiele, sondern als „Unterhaltungsautomaten mit Gewinnmöglichkeit.“ Doch auch Online-Slotgames haben einen hohen Anteil an Problemspielenden – Tendenz steigend. Die Hemmschwelle sinkt durch das bargeldlose Spielen immer weiter und wird einem das eine Glücksspiel langweilig, so kann man zwischen zahlreichen weiteren wählen. Außerdem können die Spiele blitzschnell umprogrammiert und weiterentwickelt werden – ganz im Gegensatz zu klassischen Glücksspielautomaten.

Seit einigen Jahren kommen auch immer mehr Live-Streams dazu, die ihrem Publikum auf perfide Weise das Geld aus der Tasche ziehen: Streamer werben für Glücksspiel-Plattformen und erhalten eine teilhabende Provision am Verlust ihrer Zuschauer. Obwohl Jonathan sich völlig im Klaren über die Risiken ist, reizen ihn solche Angebote. „Die Hemmschwelle beim Schauen von Videos sinkt enorm und man möchte unbedingt dieselben Gewinne einbringen, die man dort beobachtet.“

Dieser Drang, den Jonathan spürt, lässt sich durchaus erklären. „Das Gefühl, gar nicht zu wissen, was eigentlich abgeht hat mir immer am besten gefallen. Es hat etwas Schicksalhaftes, sich hinzugeben, die Kontrolle abzulegen. Einfach staunen und hoffen“, erzählt er. Tatsächlich spielt die hohe Ereignisfrequenz beim Glücksspiel eine wichtige Rolle. Es gibt viele Fast-Gewinne, die einem vorgaukeln, kurz vor dem großen Coup zu stehen. Geschwindigkeit, Jingles, Töne und Effekte – all dies zielt darauf ab, das Belohnungszentrum im Gehirn zu aktivieren. So fällt es nicht schwer, an nur einem Tag einen Monatslohn zu verspielen.
Anonym beraten lassen
Jonathan hat pünktlich die Reißleine gezogen und sich Hilfe gesucht. Ein Selbsttest hat ihm geholfen, die eigene Sucht zu reflektieren. Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kann man sich unter der Nummer 0800 1372700 anonym beraten lassen. Doch auch innerhalb Braunschweigs gibt es zahlreiche Hilfsangebote.
„Ich war definitiv süchtig, und merke das auch immer noch, wenn ich mit Glücksspiel konfrontiert werde. Allerdings weiß ich nun das Gefühl einzuordnen und kann die Risiken besser einschätzen. Außerdem habe ich klare Regeln für mein Verhalten. Ich denke nur noch selten an Glücksspiel, wenn ich nicht durch irgendetwas getriggert werde“, sagt Jonathan.
Ihm ist klar, dass man beim Glücksspiel nicht gewinnen kann. „Es ist nun mal – oberflächlich betrachtet – ein total dummes Laster, mit dem man sich nicht so leicht identifizieren kann. Deshalb ist es auch so schwierig, Menschen von den eigenen Problemen mit dem Glücksspiel zu erzählen“. Trotzdem ist Jonathan froh, dass er den entscheidenden Schritt gegangen ist und seine Jagd nach Fortuna ein Ende genommen hat. „Ich habe mir irgendwann gedacht: Noch hast du den Karren nicht komplett vor die Wand gefahren. Also hör auf, dem verlorenen Geld nachzutrauern, das war Lehrgeld, nimm den Denkzettel mit, sonst nichts“.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
check-dein-spiel.de | spielen-mit-verantwortung.de
Telefon: 0800 1 37 27 00 Braunschweig
Kinder- und Jugendtelefon: 0 800 111 0 333

Text Isabel Pinkowski
Foto Netfalls-stock.adobe.com

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