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SUBWAY im offenen Talk mit dem Hanffreunde Braunschweig e. V. über die Legalisierung von Cannabis, Sucht und Nutzhanf
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„Cannabis ist verboten, weil es illegal ist“ ist nicht nur das wohl prominenteste Zitat der ehemaligen Drogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU), sondern gefühlt auch das einzige Argument, das immer wieder gegen Cannabis angebracht wird. Als illegale Droge lässt man besser die Finger davon, sonst gibt’s Ärger. Marihuana wird als Einstiegsdroge gehandelt, die den Weg in die Kriminalität ebnet und in die Abwärtsspirale verführt. Dass vieles, was dieses Bild von Hanf prägt, einer langanhaltenden, von Rassismus und Hetze geprägten Geschichte geschuldet ist, wissen dabei die wenigsten. Angefangen hat alles im frühen 20. Jahrhundert mit der Einwanderung von Mexikanern in die USA, die mit dem „magischen Kraut“ Frauen und die Jugend unsittlich gemacht haben sollen. Auch in der schwarzen Musikerszene war Cannabis damals beliebt und somit war das Feindbild klar. 
Um mit diesen auf diskriminierenden Werten basierenden Klischees aufzuräumen, haben sich in Braunschweig 2018 die Hanffreunde zu einem Verein zusammengeschlossen. Inzwischen sind sie die einzige Ortsgruppe des Deutschen Hanfverbands Niedersachsens und zählen 29 Mitglieder. Jährlich veranstalten sie den Global Marijuana March, so wie auch in diesem Oktober, und setzen sich für die Legalisierung von Cannabis ein. An Infoständen klären sie über Hanf sowohl als Rauschmittel als auch als Nutz- und Heilpflanze in all ihren Formen und Farben auf.

Vorbelastetes Kraut
Mit etwa vier Millionen Verbrauchern ist Cannabis die am meisten konsumierte Droge Deutschlands, die unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Deshalb bekommt sie in der Politik besonders große Aufmerksamkeit – was auch gut und wichtig ist, schließlich kann das Kraut Psychosen verursachen und natürlich auch abhängig machen. Eine faktenbasierte, zeitgemäße Neubeurteilung der Pflanze, die weit mehr als eine Droge ist, sucht man jedoch vergeblich.
Hier werden die Hanffreunde aktiv: „Es gibt so viele überzeugende Gründe, diese Pflanze nicht zu verbieten“, meint Azra von den Hanffreunden überzeugt, „deshalb leisten wir als Ortsgruppe des Hanfverbands Aufklärungs- und Präventionsarbeit.“
Noch immer repräsentiert das grüne Zeug für viele einen klischeehaften Lifestyle von barfüßigen Kiffern, die den ganzen Tag auf dem Sofa hängen und Chips essen. Oder es wird das Bild geweckt, wie ohnehin schon vorurteilsbehaftete Ausländer an der Straßenecke stehen, um dort ihr Gras an Kinder zu verticken. „Die Deutschen sieht man da eben nicht. Die verkaufen entspannt zu Hause von der Couch aus und niemand kriegt es mit“, verdeutlicht Azra die noch immer vorherrschenden, diskriminierenden Strukturen im Kampf gegen Cannabis. Klar, dass das einer konservativen Politik ganz und gar nicht gefällt. Maßlose Besäufnisse an Karneval oder auf dem Oktoberfest hingegen werden gesellschaftlich nicht nur toleriert, sondern offenkundig gefeiert und gefördert – schließlich gehört das zum deutschen Kulturgut. „Wir fordern da ganz klar Gleichbehandlung statt Willkür“, so die Meinung des Vorsitzenden der Hanffreunde Braunschweig Benjamin.

Gleichbehandlung würde konkret bedeuten, Hanf sowohl als Medizin, Nutzpflanze sowie als Rauschmittel zuzulassen. Das Argument, Cannabis sei eine Einstiegsdroge und müsse deshalb verboten werden, zündet nicht ganz. Denn sind wir mal ehrlich: Sind nicht bereits das Bier, das man mit 16 Jahren am Kiosk kaufen kann, und die Zigaretten, die man ab 18 Jahren bekommt, die tatsächlicheren Einstiegsdrogen? Nur sind sie eben legal. Der Spruch auf Benjamins T-Shirt, das er beim Interview trägt, verbildlicht diese Message: „Cannabis ist kein Brokkoli und Bier ist kein Apfelsaft“. Sogar der medizinischen Nutzung von Hanf werden seit Jahrzehnten große Steine in den Weg gelegt. Dabei verzeichnet Cannabis bei Schmerzpatienten, Schlafstörungen, als Substitutionsmittel bei Suchtproblemen sowie bei Nervenkrankheiten wie dem Tourette-Syndrom enorm große Erfolge – ganz ohne Chemiecocktail.

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Kontrolle statt Prohibition
Gehen wir einen Schritt in Richtung Aufklärung: Auch wenn Cannabis sowohl einen nachweislichen medizinischen Nutzen hat, bringt die Pflanze in ihrem Gebrauch als Rauschmittel natürlich Risiken mit sich und sollte trotz ihrer stimulierenden Wirkung nicht verharmlost werden, denn Gras kann ganz klar süchtig machen. Ab wann wird also der Cannabis-Konsum gefährlich? „Die Regel ist ganz einfach und gilt eigentlich für alles: Wenn es zu viel wird und du es nicht mehr kontrollieren kannst, ist es nicht gut. Da gibt es auch keinen Unterschied zwischen Cannabis und Alkohol, Kaffe oder Schokolade. Man muss sich seines Konsums bewusst sein und ihn regulieren“, erklärt Benjamin. Würde mit Cannabis offener umgegangen, könnte Süchtigen auch besser geholfen werden.
Lauscht man den Hanffreunden, wird klar, dass wir uns nicht nackig ausziehen und high über die Wiese tanzen werden, sobald das Kraut als legal erklärt wird. Vielmehr kann Hanf mit der Legalisierung als ganzheitliche Pflanze genutzt sowie ein kontrollierter, bewusster und sicherer Konsum erreicht werden. Ein Paradoxon, denn eigentlich wünschen sich Politiker und Hanffreunde das Gleiche: Jugend- und Verbraucherschutz sowie Aufklärung. Nebenbei bringt der legale, versteuerte Cannabisverkauf auch noch ne Menge Kohle. „Das Problem ist jedoch auch, dass unsere aktuelle Bundesdrogenbeauftragte, Frau Ludwig, keine Expertenkommission zulässt. Diese würde sich aus Ärzten, Wissenschaftlern und Psychologen zusammensetzen und nicht aus einer Lobby. Wenn sowas aber abgelehnt wird, verändert sich auch nichts“, so Benjamin. Bleibt Marihuana jedoch verboten, regiert weiterhin der unregulierte Schwarzmarkt, auf dem gestrecktes Gras an Minderjährige verkauft und wo einem schnell doch auch mal was Härteres angeboten wird. „Der eigentliche Sinn der Prohibition, nämlich die Jugend zu schützen, ist damit total verfehlt“, stellt Jannik, Vorstandsmitglied des Vereins, klar. „Unser Ziel sind deshalb Fachgeschäfte mit Beratung und Verkauf durch Menschen, die Ahnung haben. Es soll kein McDonalds für Cannabis sein, sondern ein Fachgeschäft, zu dem nur Volljährige Zugang bekommen.“ Würde es Stores geben, wäre der Schwarzmarkt für die meisten keine Option mehr.

„Der eigentliche Sinn der Prohibition, nämlich die Jugend zu schützen, ist total verfehlt“

Hanf als Nutzpflanze
In unsere Diskussion vertieft widmen wir uns noch einem weiteren Thema: Wie kann man Hanf noch nutzen? „Man kann daraus Bio-Plastik herstellen, damit könnte man 90 bis 100 Prozent des Plastiks im Supermarkt ersetzen. Hanf-Plastik zersetzt sich nach ein paar Monaten. Außerdem kann man daraus Bio-Treibstoff und Klamotten herstellen“, zählt Azra begeistert auf, „man könnte damit der Umwelt und unserer Gesundheit enorm helfen.“ Hinzu kommt, dass Hanf etwa vier Mal schneller wächst als Holz und man die Cannabispflanze während der unterschiedlichen Phasen ihres Wachstums für verschiedene Produkte nutzen kann: die Fasern als Rohstoff, die Samen als Superfood, die Blüten zur THC-Gewinnung. Ähnlich wie Bambus wächst Hanf extrem schnell – nicht umsonst trägt es auch den Kosenamen „Weed“ – „es wächst wie Unkraut“, lacht Jannik. „Die Bürokratie erschwert allerdings den flächendeckenden Anbau und die Verarbeitung. Die Hanfbar ist das beste Beispiel dafür – wie viele Hürden die meistern mussten! Obwohl sie Lizenzierungen hatten, alles abgesprochen war und sie so viel Arbeit da reingesteckt haben, haben sie nur Schwierigkeiten“, ärgern sich die Hanffreunde. Und so ist das grüne Business in Deutschland bisher nicht sonderlich lukrativ. „Irgendwann werden aber sämtliche Felder aus Hanf bestehen und es wäre das Normalste der Welt, weil man einfach alles daraus machen kann“, träumt Azra.
Damit die Pflanze an sich in allen ihren Bereichen funktionieren kann, muss gesellschaftlich ein großes Umdenken stattfinden. Die Frage ist, was zuerst geschieht – der Sinneswandel oder die Legalisierung? „Ich behaupte, der Mind-Change kann erst durch die Legalisierung geschehen“, meint Azra. Wann es aber soweit ist, steht noch in den Sternen. 

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Jannik, Azra und Benjamin

Text Louisa Ferch
Fotos Louisa Ferch, Hanffreunde Braunschweig e. V.

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