150 Jahre Graff

150 Jahre Graff | Der Geruch frischer Romane und stetiges Stimmengewirr: Ein Besuch in der Buchhandlung Graff endet bei mir immer mit neuem Buchbesitz. Vielleicht habe ich ja Glück und ein Interview bewahrt meinen Bücherschrank vor neuer Last. Zum 150. Geburtstag der Buchhandlung traf ich mich mit den Geschäftsführern Joachim & Thomas Wrensch.

Was haben Sie zuletzt gelesen?

Joachim Wrensch: Ich lese gerade von Sabine Ebert „Schwert und Krone“, die Autorin ist heute Abend zur Lesung hier. Ich versuche, vor den Veranstaltungen die Bücher zu lesen. Ich habe zudem immer ein Hörbuch im Auto, das ist in diesen Tagen „Selfies“ von Jussi Adler-Olsen, der ist ebenfalls Ende März bei einer Lesung hier.

Thomas Wrensch: Mir geht es öfter so, dass ich nicht weiß, was ich lese, vom Titel her. Es ist das neue Buch von Gila Lustiger und vorher war es „Die Terranauten“ von T.C. Boyle.

Joachim Wrensch: Im Urlaub habe ich „Elefant“ von Martin Suter gelesen, das hat mir sehr gut gefallen. Und dann auch das grandiose Hörbuch „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ von Wolf Biermann, der kommt im April zur Lesung.

 

Lesen Sie alle Bücher, die Sie bei Veranstaltungen und Lesungen vorstellen?

Joachim Wrensch: Ich lese zumindest rein, aber es sind viele Veranstaltungen innerhalb kurzer Zeit. Ich habe das Bestreben, zu wissen, was der Autor geschrieben hat, auch damit ich ihm die richtigen Fragen stellen kann, um eine Diskussion in Gang zu bekommen. Und natürlich laden wir uns Autoren ein, die wir selbst schätzen und gerne lesen.

Thomas Wrensch: Da mein Bruder für die Veranstaltungen zuständig ist, muss er viel mehr lesen, weil er die Anmoderation macht. Ich muss das nicht machen. Ich entscheide immer nach der Lesung, ob es mir gefallen hat.

Die Buchhandlung gibt es 150 Jahre und sie hat etliche Veränderungen hinter sich. Wie schafft man es, so lange erfolgreich zu sein?


Joachim Wrensch: Indem man immer wieder etwas Neues bietet. Wir sind nie eingeschlafen und stellen uns auf die aktuellen Kundenbedürfnisse ein. Zum Beispiel sind wir schon seit 20 Jahren im Internet vertreten mit www.graff.de.

Thomas Wrensch: Unsere Buchhandlung war eine der ersten mit eigener Webseite.

Joachim Wrensch: Außerdem liefern wir bundesweit versandkostenfrei. Und wir haben mit dem Neubau Räumlichkeiten erschaffen, wo viele Kunden uns sagen, dass sie sich sehr wohlfühlen. Das spürt man auch.

Thomas Wrensch: Wir arbeiten mit den sozialen Medien: Facebook, Twitter, Instagram. Und in absehbarer Zeit werden unsere Kinder dazu kommen: Die Tochter meines Bruders und mein Sohn. Sie werden einsteigen und bringen wieder neue, andere Ideen mit.

Joachim Wrensch: Dazu kommt, dass wir ganz wunderbare Mitarbeiter haben, die mitunter schon lange da sind und sich in ihren Abteilungen sehr gut auskennen und gut beraten können. Viele Kunden kommen regelmäßig zu ihnen. Es gibt persönliche Beziehungen zwischen Kunde und Buchhändler. Das macht den Reiz des Berufes aus.

Was mich immer wieder überrascht, die Jugendlichen lesen weiterhin. Es heißt ja immer, sie würden weniger lesen, aber es ist eigentlich das stabilste Geschäft.

Wie hat sich das Leseverhalten in den letzten Jahren verändert?

Thomas Wrensch: Was mich immer wieder überrascht, die Jugendlichen lesen weiterhin. Es heißt ja immer, sie würden weniger lesen, aber es ist eigentlich das stabilste Geschäft. Die Umsätze dort gehen nicht zurück. Sie gehen woanders zurück, im Fachbuchbereich etwa. Die Menschen arbeiten heutzutage einfach anders mit Fachtexten. Aber die Jugend liest immer noch gerne Bücher und das freut mich. Die Belletristik-Bücher werden gerade immer dicker vom Seitenumfang her. Das widerspricht dem sonstigen Lesen im Internet, wo die Texte immer kurz sein müssen. Gute Bücher wurden vor 50 oder 150 Jahren gelesen und das ist auch heute noch so.

Joachim Wrensch: Bei Kinder- und Jugendbüchern merkt man, dass Eltern nach wie vor großen Wert darauf legen, dass ihre Kinder Bücher lesen. Da gibt es viel Beratung, meine Frau arbeitet in der Jugendbuch-Abteilung und liest immer die neuen Kinder- und Jugendbücher, um gut beraten zu können. Und wir haben ein Leseteam im Jugendbuch. Das sind zwölf Jugendliche, die sich regelmäßig treffen und ihre Leseerfahrungen machen. Vor allem versorgen sie uns mit Buchbesprechungen aus der Sicht von Jugendlichen. Das ist für uns sehr hilfreich, so wissen wir, was wirklich bei der Zielgruppe ankommt. Sie geben uns wertvolle Informationen und werden natürlich mit Lesestoff versorgt. Ein tolles Team.

Thomas Wrensch: Sie beraten übrigens auch. Es gibt Tage, da sind sie im Laden und beraten junge Kunden und geben Tipps.

Joachim Wrensch: Das Leseteam begleitet die Lesungen für Kinder- und Jugendliche. Cornelia Funke wurde beispielsweise von einem Mitglied des Leseteams vor ihrer Lesung interviewt. Die Autorin und das Buch wurden dann während der Veranstaltung entsprechend vorgestellt. Das fand ich großartig.

Wie werden wir in 150 Jahren lesen?

Thomas Wrensch: Es ist schwierig, das zu beantworten. Ich glaube, dass nach wie vor das Papierbuch existieren wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass zum Beispiel Kunstbände, schöne Kochbücher oder ähnliches abgelöst werden durch etwas Elektronisches. Aber es kann natürlich auch sein, dass das Fachbuch weitgehend verschwinden wird. Man sieht es ja: Lexika gibt es nicht mehr, weil sie durch das Internet abgelöst wurden. Ich glaube an die Zukunft des gedruckten Buches.

Joachim Wrensch: Das glaube ich auch. Wir haben natürlich gerade einen Medienwandel. Als vor 70 Jahren das Fernsehen kam, hat man das Ende des Buches ausgerufen, aber das war es beileibe nicht. Mit der Kassette und der CD wurde es wieder gesagt, aber das Buch hält sich.

Thomas Wrensch: Es wurde auch gesagt, dass das E-Book ganz schnell einen Anteil von 50 Prozent bekommen würde, aber das hat es bei Weitem nicht. E-Books sind jetzt bei fünf bis sechs Prozent und da stagniert es. Vielleicht gibt es irgendwann neue Formen, die wir uns noch gar nicht vorstellen können. Es wird Sachen geben, die durch Multimediales angereichert werden, wie beim Kunstreiseführer, bei dem man die Bilder gleich angucken kann.

Joachim Wrensch: Und wer weiß, was sich in Richtung des autonomen Fahrens entwickelt. Wenn man im Auto automatisch zum Ziel gefahren wird, dann hätte man wieder mehr Zeit zum Lesen.

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Wie blicken Sie auf so ein Jubiläum?

Beide: Mit Stolz.

Joachim Wrensch: Eine meiner frühesten Erinnerungen ist die an das 100-jährige Jubiläum in der Neuen Straße. Damals gab es ein großes Fest mit den Mitarbeitern. Wir beide haben das 125. und das 140. Jubiläum schon organisiert. Jedoch wird so etwas nicht zur Routine, jedes Jubiläum ist ein neuer Zeitpunkt der Freude und ein Grun,d neu kreativ zu sein. Es ist schön und macht stolz, dass man immer wieder feiern darf und kann. Es ist toll, wie treu uns die Braunschweiger sind, denn nur weil die Braunschweiger weiter ihre Bücher bei Graff kaufen, können wir überhaupt feiern. Wir haben für den Anlass einen Stadtplan mit Leseorten entwickelt, den es als Dankeschön gibt.

Thomas Wrensch: Diese Leseorte haben zum größten Teil die Kunden ausgesucht. Wir haben dazu eine Frage bei Facebook gestellt und unsere Kunden haben uns ihre Leseorte genannt.

Joachim Wrensch: Es gibt auch viele Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.

Wie funktioniert eine gute Buchberatung?

Thomas Wrensch: Da müssen wir eigentlich die Kunden fragen. (lacht)

Joachim Wrensch: Dazu muss man gutes Backgroundwissen haben, über das, was am Markt ist. Dann muss man durch Fragen erspüren, was der Kundenwunsch ist. Die direkte persönliche Beratung und die Geschenkberatung funktionieren in der Regel sehr gut. Man muss sich herantasten. Was wird gerne gelesen, was sind die Interessen. Es muss nicht immer ein Roman sein – es kann auch ein Kochbuch oder ein Ratgeber sein.

Thomas Wrensch: Und manchmal muss der Kunde auch unsere Mitarbeiter ausprobieren. Es haben ja alle einen unterschiedlichen Geschmack – und wir merken, dass sich bestimmte Kunden auf bestimmte Mitarbeiter einschießen.

Joachim Wrensch: Wir haben eine sehr hohe Kundenbindung. Es gibt Kunden, die fast täglich bei uns sind und stöbern, ein nettes Gespräch suchen, ihre Zeitung kaufen. Unsere Mitarbeiter haben zudem ein gutes Händchen für die Präsentation – die Tische werden immer wieder neu und spannend gestaltet, sodass es nie langweilig ist.


Es gibt Listen, auf denen stehen die schönsten Buchhandlungen der Welt, wie etwa Shakespeare & Company in Paris. Besuchen Sie im Urlaub solche Buchhandlungen?

Thomas Wrensch: Wir wundern uns immer, dass wir noch nicht auf diesen Listen auftauchen. (lacht) Es sagen uns viele, wie toll es bei Graff ist, aber Braunschweig ist eben nicht dieser Reiseort. Wir gucken uns natürlich andere Läden an. Der Buchhandel ist so etwas wie eine große Familie.

Joachim Wrensch: Wir hören immer wieder von Kunden, dass ein Besuch bei Graff einfach dazu gehört, wenn die Familie zu Besuch kommt.

Auf was freuen sie sich besonders?

Joachim Wrensch: Wir haben großartige Autoren zu Gast. Das hat schon angefangen mit T.C. Boyle. Im Mai wird Eva Mattes aus den Büchern von Elena Ferrante lesen. Hannelore Hoger kommt mit ihren Memoiren im Mai. Jostein Gaarder kommt auch. Und wir haben beim Krimifestival im Oktober ein Doppeljubiläum, denn das Festival wird zehn Jahre alt. Da warten wieder einige internationale Highlights.

Gibt es Dauerbrenner im Sortiment, die sich immer verkaufen?

Joachim Wrensch: Wir sind ja im Reformationsjahr – also 500 Jahre Thesenanschlag durch Martin Luther …

Thomas Wrensch: … Bibeln sind mit Abstand die meistverkauften Bücher über all die Jahre. Es gab jetzt eine neue Übersetzung, das sind schon Bestseller kann man sagen. Es ist auch spannend zu sehen, dass die Bekanntheit eines Autors keine Garantie für einen besonders guten Verkauf ist. Man kann den Erfolg eines Buches nie wirklich vorhersagen. Es gab viele schöne unbekannte Bücher, die überraschend gut gelaufen sind.

Joachim Wrensch: Das ist ja das Schöne am Buchhändler-Dasein. Man kann seine Lieblingsbücher empfehlen. Das sind vielleicht Bücher, die in den Medien nicht so häufig besprochen wurden. Die von unseren Buchhändlern empfohlenen Bücher verkaufen wir auch 100 bis 200 Mal. Das ist dann ein interner Bestseller, darüber freuen wir uns. So kommen nämlich Bücher auch abseits des Mainstreams an den Leser.

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Das ist ja das Schöne am Buchhändler-Dasein. Man kann seine Lieblingsbücher empfehlen. Das sind vielleicht Bücher, die in den Medien nicht so häufig besprochen wurden.

Wie entdecken Sie Bücher?

Thomas Wrensch: Ich gehe am liebsten am Sonntag durch den Laden, damit mich keiner stört und dann stöbere ich und lasse mich inspirieren, durchaus auch vom Äußeren. Ich lese dann in die Bücher rein und nehme mir bei Gefallen ein Buch mit. Ich entdecke auch viele Bücher durch unsere Lesungen.

Joachim Wrensch: Ich lasse mich auch von unseren Mitarbeitern inspirieren. Wir haben regelmäßig Buchvorstellungen im Laden und in der Stadtbibliothek. Da sind immer interessante Dinge dabei. Ich lasse mir auch von Kunden Bücher empfehlen.

Wenn Graff ein Roman wäre, wie würde der Titel lauten?

Joachim Wrensch: Im April erscheint eine Zeitungsbeilage von uns und die Überschrift lautet „Der Zauber des Ortes“, das ist aus dem neuen Roman von Carlos Ruiz Zafón („Das Labyrinth der Lichter“, Anm. d. Red.), in dem dieser besondere Ort vorkommt. Der Verlag hatte für die Werbung drei verschiedene Überschriften zur Auswahl. Mir hat dann „Der Zauber des Ortes“ besonders gut gefallen und ich glaube, ein Roman über die Buchhandlung könnte auch so heißen.

Oder?

Roman oder Biografie?
JW: Roman
TW: Guter Roman.

Apfel oder Birne?
TW: Birne.
JW: Apfel süß-sauer und Birne nicht zu saftig. Beides gerne. Es sind beide oft im Obstsalat, den meine Frau mir morgens macht.

Goethe oder Lessing?
Beide: Goethe.

Bier oder Wein?
TW: Bier gegen den Durst. Wein zum Genießen mit einem schönen Buch.
JW: Beides, je nach Stimmung.

Oder?

Meer oder Berge?
JW: Sonne!
TW: Für mich steht beides an.

„Der Hobbit“ oder „Die Zwerge“?
TW: Der Hobbit
JW: Nachts am Berge, da tanzen Zwerge...

Smartphone oder Lexikon?
JW: Mittlerweile das Smartphone.
TW: Das muss ich auch sagen, es gibt ja kein aktuelles Lexikon mehr.

Times New Roman oder Helvetica?
TW: Helvetica.
JW: Arial (beide lachen)

Text: Kathleen Kalle
Fotos: Buchhandlung Graff, Tim Schulze

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