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2020 ist ein Doppeljubiläumsjahr für Ton Steine Scherben. Unter dem Titel „Wir müssen hier raus“ erscheint am 20. November ein einzigartiger Tribute-Sampler.
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Wer Ton Steine Scherben nicht kennt, an dem ist ein Stück deutscher Kulturgeschichte vorbeigezogen. Nicht nur die Hymnen zur Berliner Hausbesetzerszene der 70er und 80er Jahre schrieb die alternative Deutschrock-Band, auch zeitlose Balladen wie „Junimond“ oder NDW-Charterfolge wie „König von Deutschland“ stammen aus der Feder ihres charismatischen Sängers Rio Reiser. Ein Künstler mit Persönlichkeit, wie es sie in Deutschland nicht oft gegeben hat, mit einer Poesie voll Gesellschafts- und Sozialkritik, stets im Fokus die Befreiung des Individuums aus den Fängen, der Frustration und Unterdrückung der gnadenlosen bürgerlichen Kapital- und Spießgesellschaft. 2020 feiern Ton Steine Scherben 50 Jahre Bandjubiläum, Rio Reiser wäre 70 Jahre alt geworden. Zu diesen Anlässen erscheint nun ein Tribute-Sampler, über den Scherben-Fanboy, Plattenkenner und Riptide-Geschäftsführer Chris ein paar Zeilen verlieren möchte. Bitte, Chris!
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Ich muss so etwa 13 Jahre alt gewesen sein, als ich mich eines Samstagabends wie oft zu dieser Zeit mit Schneider und Kati an der Sporthalle in Mascherode getroffen habe, um gemeinsam abzuhängen. An diesem Samstag trank ich den vermutlich ersten Sekt meines Lebens – selbstverständlich aus einem weißen Plastikbecher. Kati hatte zudem ihren Ghettoblaster mit einer Kassette von einer Band dabei, die sich Ton Steine Scherben nannte. Ich hörte zu dieser Zeit Bands wie Ackerbau und Viehzucht, Abstürzende Brieftauben oder die Dimple Minds. So war das halt auf dem Dorf als Punkrocker und Metalhead.

Was ich dann zu hören bekam, sollte mein Leben nachhaltig verändern. Mit einer für mich als Punk ungewöhnlich ruhigen Instrumentierung sang eine ergreifende Stimme über seine Träume, davon, dem Boss die Möbel geraderücken zu müssen – von Kampf, Hoffnung, Veränderung und Liebe. Sehnsucht und Wut ziehen sich wie ein roter Faden durch die Songs. Die Inhalte erschienen mir so krass und revolutionär. Als Dorfjunge kam ich ja schließlich aus einem erzkonservativen Haushalt. Rio Reiser, der junge Mann mit dieser besonderen, sehnsüchtigen Stimme, ist nun schon knapp 25 Jahre tot. Tragischerweise wurde er nur 46 Jahre alt. 2021 soll endlich ein Platz in Berlin nach ihm benannt werden. Seine einzigartigen Texte, seine Musik, seine Träume und Sehnsüchte leben weiter und haben kaum an Dringlichkeit und Relevanz verloren. Die bessere Gesellschaft, von der die Scherben stets sangen und träumten, scheint gerade in diesem verflixten Jahr 2020 so weit entfernt wie selten zuvor.

Ihm zu Ehre wurden nun ein paar der schönsten Reiser- und Scherben Songs gecovert und neuinterpretiert von Künstlern, für die die Scherben selbst ein großer Einfluss gewesen sein dürften – zudem Künstler mit sozialem Gewissen. Mit dabei sind unter anderem die Beatsteaks, Fehlfarben, die Sterne, Fettes Brot, Wir sind Helden, Rocko Schamoni, aber auch tolle Popkünstler wie Gisbert zu Knyphausen oder Bosse, unser chartstürmender Braunschweiger Junge. Die Tracklist liest sich wie das Who is Who der politischen deutschen Pop- und Indie-Welt.
KF 01 Pressebild Fettes Brot Lovestory c Jens Herrndorff art
KF Beatsteaks05 c Ute Langkafel art
KF BOSSE AIJ2018 Portrait 03 Foto Tim Bruening art
KF DHE 1 credit Joachim Gern vor
KF gisbertzuknyphausen2017 credit denniswilliamson art
KF JAN DELAY Nils Muller art
„Wir müssen hier raus“ heißt diese grandiose Songsammlung, benannt nach einem der bekanntesten und prägnantesten Scherben-Songs. Am 20. November erscheint die Compilation beim Kölner Label „Unter Schafen Records“. Insgesamt 21 Songs, liebevoll gestaltet als CD oder limitierte, farbige Doppel-Vinyl, dazu gibt‘s ein dickes Booklet mit einem Vorwort von Frank Spilker und einigen Gedanken von Judith Holofernes.

Eröffnet wird der Sampler mit dem titelgebenden Song von Ton Steine Scherben selbst. Abgeschlossen wird der Tonträger mit einer seltenen Piano-Version Rios „Der Krieg“. Auf den 19 Songs dazwischen interpretieren die Künstler etliche ihrer Scherben-Lieblingssongs neu. Lediglich Slime`s „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ ist eine alte Aufnahme von ihrem 1990er Album „Die Letzten“. Spannend ist dabei, zu erleben, wie manche Künstler sich eher am Original orientieren, während andere den bekannten Songs ihren eigenen, besonderen Stempel aufdrücken. Hier wären zum Beispiel der unnachahmliche Jan Delay oder die Hamburger All-Star-Band Das Bierbeben zu nennen. Eines der Highlights des Albums ist für mich die Interpretation von „Schritt für Schritt ins Paradies“ der Berliner Band Die Höchste Eisenbahn. Wie betörend Liny Malys unfassbare Gänsehautstimme in ihrer Version von „Zauberland“ ins Ohr geht, sei ebenfalls noch erwähnt.

Ich bin mir sicher, Rio hätte diese Auswahl extrem gut gefallen, wenngleich einige wichtige Songs wie der „Rauch-Haus-Song“, „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ oder „Lass uns ein Wunder sein“ fehlen.
Die Scherben haben genug großartige und wichtige Songs und ihre Inhalte tun unserer Gesellschaft auch heute noch extrem gut. Eine würdige Ehrung einer der wichtigsten und einflussreichsten deutschsprachigen Bands der Musikgeschichte.

Text Chris Rank, Benyamin Bahri
Fotos Rio Reiser Archiv, DennisWilliamson, Jens Herrndorff,
Paul Gärtner, Paul Ripke , Tim Brüning, Marco Sensche

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