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Fehler Kuti

2. Juli / Oker-Floßkonzert (BS)

Fehler Kuti eröffnet als erster musikalischer Act am 2. Juli das Festival Theaterformen.
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Wenn deutsche Fußballfans ihre Nationalmannschaft im Stadion anfeuern, führt die alkoholbeeinträchtigte Phonetik in der Regel zu einer Wegrationalisierung der ersten vier Lettern – übrig bleibt der Ausruf „Schland“. Der Münchner Musiker Julian Warner alias Fehler Kuti nahm dieses Phänomen, verschmolz es mit dem Songtitel „London Is The Place For Me“ des trinidadischen Sängers Lord Kitchener und nannte sein 2019 erschienenes Debütalbum „Schland Is The Place For Me“. Auf dem poppigen Experimentalalbum thematisiert der 35-jährige Musiker Alltagsrassismus, Ausgrenzung und Racial Profiling. Jedoch erhebt der studierte Theaterwissenschaftler und Anthropologe nie seinen Zeigefinger, vielmehr lädt Kuti mit seiner organisch klingenden Platte zum Neudenken und bedingungsloser Solidarität mit Migranten auf.
Am 2. Juli spielt Fehler Kuti als erster musikalischer Gast des Festival Theaterformen ein intimes Floßkonzert auf der Oker, welches auch in die heimischen Wohnzimmer übertragen wird. Wir haben mit dem singenden Anthropologen ein aufklärendes Interview über Rassismus, sein Debütalbum und die Kraft der Musik geführt.


Dein Künstlername ist eine Anlehnung an die nigerianische Afro-Beat-Ikone Fela Kuti. Warum hast du dich für den Namen entschieden? Warum „Fehler“?
Ich verehre die Musik von Fela Kuti, aber ich denke, der Kampf von People of Color in Europa ist ein anderer. Wir leben nicht in einer ehemaligen Kolonie, die um nationale Selbstbestimmung kämpft. Uns kann es nicht, wie Fela Kuti, um die Wiederherstellung des eigenen Spiegelbildes gehen. Wir leben in Europa, in Deutschland, in einem westlichen Zentrum der Moderne. Klar, wir gehören dazu: Viele von uns haben deutsche Pässe, viele haben Aufenthaltstitel, die meisten von uns haben keinen anderen Ort, den sie „Heimat“ nennen können. Und dennoch ist es Common Sense und Staatsräson, uns zu „Fremden“ und „Ausländern“ zu machen. Wir, People of Color in Deutschland, haben gebrochene Selbstbilder. Wir können nie „Fela“ Kuti sein, wir werden immer der „Fehler“ sein.
Im Dezember erschien dein Debütalbum „Schland Is The Place For Me“, das sich mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auseinandersetzt. Wie war der Entstehungsprozess des Albums für dich?
Ich behandele auf der Platte keine persönlichen Rassismuserfahrungen. Ich gehe vielmehr einem Gefühl nach, das ich allzu gut kenne: Der Entfremdung von sich selbst, dem Gefühl „Fehler“ zu sein. Und das ist eine Erfahrung, die jeder machen kann. Dafür muss ich nicht Opfer rassistischer Gewalt oder Diskriminierung sein. Für mich war es wichtig, diesem Gefühl der Minderwertigkeit Raum zu geben, weil ich wusste, dass ich Vater werde. Und rückblickend würde ich sagen: Als Vater of Color wollte ich meine emotionale Beziehung zu mir selbst, aber auch zu dem Land, in dem ich mein ganzes Leben gelebt habe, ein stückweit klären.

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Dein Albumtitel ist eine Referenz an das Lied „London Is The Place For Me“, einem sehr positiv klingendem Song vom trinidadischen Sänger Lord Kitchener. „Schland Is The Place For Me“ ist eher ein gesellschaftskritisches, ernstes Album. Was steckt hinter dem Albumtitel?
Ich würde Lord Kitchener unterstellen wollen, dass er ebenfalls ein ambivalentes Verhältnis zu seiner europäischen (Wahl)heimat besaß. Aber Kitchener besang 1948 mit dem Song die Euphorie der karibischen Arbeiter*innen, die dem Ruf des Empires gefolgt waren, um das „Mutterland“ wiederaufzubauen. Das ist die sogenannte „Windrush-Generation“ meiner Großeltern. Sie glaubten fälschlicherweise, jetzt sei ihre Zeit gekommen, an dem Wohlstand des Empires teilhaben zu können. Kitchener aber gelang es sich auf einer symbolischen Ebene, mit Schalk aber affirmativ, in die britische Erzählung einzuschreiben. Seine Performance besagten Liedes am Hafen für einen BBC-Reporter ist ein Stück britisches Kulturgut geworden. Darüber hinaus gibt es eine nicht-enden-wollende gleichnamige Compilation-Reihe Londoner afro-karibischer Musik. Und ich bin mir sicher, die Stadt London hat schon oder wird eines Tages mit dem Slogan Stadtmarketing betreiben. Wenn ich aber 60 Jahre später „Schland Is The Place For Me“ sage, dann spreche ich aus einem anderen historischen Moment heraus. Ich spreche nicht mit der Euphorie der aussteigenden Passagiere des Dampfers Windrush oder der ankommenden Gastarbeiter am Münchner Hauptbahnhof. Ich spreche mit der Bitterkeit und dem Sarkasmus ihrer Kinder und Kindeskinder, die hier geboren wurden und in den Schulen, bei der Arbeitssuche, bei der Wohnungssuche und im Umgang mit der Polizei rassistische Diskriminierung erfahren. Ich spreche mit der Angst derer, die im Angesicht des NSU-Komplexes und des europäischen Grenzregimes erkennen, dass aus der Sicht dieses Staates ihr Leben weniger wert ist als das anderer. Kitchener sagt im Angesicht rassistischer Diskriminierung trotzdem „Ja“ zu London. Ich sage „Nein“ zu dieser Stadt und zu diesem Land. Aber weil ich keinen anderen Ort habe, zu dem ich hin kann, sage ich „Ja“ zu dem Rassismus. Deswegen spreche ich von „Schland“. Ich richte es mir wohnlich ein, in dem Kotzfleck des deutschen Nationalismus: In diesem Moment, den ich am meisten fürchte, wenn die Massen im Stadion „Deutschland“ rufen und ein langgezogenes dröhnendes „Schland“ alles ist, was man noch wahrnimmt.

„Wir, People Of Color in Deutschland, haben gebrochene Selbstbilder. Wir können Nie ‚Fela‘ Kuti sein, wir werden immer ‚Fehler‘ Sein“

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Der Sound des Albums wirkt experimentell, roh, fast schon skizzenhaft. Die Platte weist zwar keine klassischen Songstrukturen auf, die Tracks sind dennoch eingängig. Welches Gefühl wolltest du mit den Arrangements vermitteln?
Also dem möchte ich vehement widersprechen. Ich halte es für ein unglaublich poppiges Album. „Outsider Pop“ haben es meine beiden Produzenten Tobias Siegert und Markus Acher genannt. Das finde ich eine passende Bezeichnung. Zu den Arrangements: Ich empfinde diesen Hang, alles ausformulieren zu müssen, als eine der großen Krankheiten unserer Zeit. Alles soll eindeutig sein. Aber wo ist die Luft zum Atmen? Wo ist der Raum für die Ambivalenz? Für das „Sowohl-als-auch“? Für das „Ja, aber“? Die Songs sind skizzenhaft gehalten, damit die Zuhörer*innen den Raum haben, damit was zu machen.

Was kann Musik bewirken?
Musik kann konkrete Probleme, Situationen oder Personen an bestimmte Gefühle anbinden. Musikhören, Musikmachen, zu Musik zu tanzen sind wichtige Mittel, um gesellschaftliche Koalitionen zu bauen. Die Geschichte der deutschen Popkultur ist nicht umsonst eng verwoben mit der Geschichte der Entnazifizierung.
Dieser Tage werden vermehrt Debatten um kulturelle Aneignung geführt. Besonders problematisch ist das „Blackfacing“. Bei Letzterem bedienen sich beispielsweise Popmusikerinnen wie Shirin David und Ariana Grande durch vermeintlich äußerliche Accessoires an der „Black Culture“. Rapperin Nura nahm neulich auf Instagram Stellung zu Shirin David und schrieb: „Everybody wants to be black until the police show up“. Wie siehst du die Debatte?
Ich finde Debatten um kulturelle Aneignung müßig, weil sie oft auf der Repräsentationsebene bleiben. Die Skandalisierung der Nutzung von Blackface-Masken an deutschen Stadt- und Staatstheatern fand ich insofern produktiv, als dass aus der Debatte um ein Zeichen rasch eine Debatte um die Diskriminierung von Theaterschausspieler*innen of Color auf dem Arbeitsmarkt wurde. Wer of Color ist, wird gemeinhin nicht fest engagiert, weil die Ideologie der bürgerlichen Ästhetik nur dem weißen (meist männlichen) Körper universelle Repräsentationskraft, also die Kraft, alle repräsentieren zu können, zubilligt. Schauspieler*innen of Color hören bis heute immer wieder den Satz „Ich würde dich gerne engagieren, aber ich habe keine Rollen für dich.“ So, als könne jemand of Color nur eine Rolle of Color spielen. Das ist nichts anderes als rassistische Ideologie. Ich bin dankbar, dass „Blackfacing“ skandalisiert wird und dadurch Schauspieler*innen of Color in Lohn und Brot kommen. Wenn dies aber nur dazu führt, dass sie ihr „rassisches Selbst“ spielen, ist es geboten, unsere Strategie zu überdenken. Das grundsätzliche Problem des Begriffs „Kulturelle Aneignung“ liegt in der Annahme, Kultur sei etwas, das man besitzen könne. In München kann man tagtäglich am bayerischen Brauchtum die Effekte studieren, die folgen, wenn man Kultur und Besitz koppelt. Ich kann daran nichts Progressives erkennen, nur Nationalismus und Chauvinismus. 

Text D. Rosenthal
Fotos Peter Neusser

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