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Die Berliner ZerstörungstheoretikerInnen Grossstadtgeflüster performen am 17. Juli mit bandtypischer Mittelfinger-hoch-Attitüde bei den „Back on Stage – Open Airs“ in Hannover.
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Rotzige Lyrics, bassgeschwängerte Kopfnickerbeats und ne Berliner Kodderschnauze – dafür stehen Grossstadtgeflüster mit ihrem Namen. Die selbsternannten Branchen-Weirdos mischen seit 2003 die deutsche Elektro-Punk-Szene auf, produzieren Über-drüber-Pop und feierten 2015 mit dem anarchischen Drei-Minüter „Fickt-Euch-Allee“ ihren bislang größten Erfolg. Obwohl die Bandmitglieder alterstechnisch bereits die 40 knackten, haben Jen, Raphael und Chriz ihren postpubertären Trotz nie verloren. Wer behauptet, das Berliner Trio würde wie Deichkind klingen, kassiert unverzüglich eine liebevolle Verbalschelle.
2019 erschien nach sechs Jahren Wartezeit endlich das fünfte Studioalbum der Eskapisten. „Trips & Tricks“ pöbelte sich auf Platz 15 der Deutschen Charts. Bevor es aber mit der 15-Track-starken Platte 2020 auf ausgedehnte Tour gehen konnte, fielen die Konzerte allesamt der Pandemie zum Opfer. Doch schon ganz bald können sich Grossstadtgeflüster wieder in ihr schickstes Bühnenoutfit werfen, denn am 17. Juli geht es für sie in Hannover „Back on Stage“. Im Interview haben wir mit (Anti-)Rolemodel und Bandfrontfrau Jen über Tabus, Spießigkeit und unverblümte Sprache gesprochen.


Jen, wie habt ihr die Corona-Zwangspause verbracht? Habt ihr auch an neuer Musik gearbeitet?
Jupp, haben wir. Allerdings haben wir die erste Zeit vor allem damit verbracht, gegen Wände zu starren. War halt nicht so richtig Feier-Stimmung im Raum.

Die Grossstadtgeflüster-Attitüde ist laut, rotzig und direkt. Warum seid ihr Fans der unverblümten Sprache?
Das sind so Attribute, die wir uns nicht überlegt haben. Ich weiß nicht mal, ob ich uns so beschreiben würde. Das überlasse ich auch lieber anderen. Wie auch immer ist es irgendwie so gekommen und entspricht halt in erster Linie am ehesten unserer Alltagssprache ... Also nicht, dass ich den ganzen Tag rumbrüllen würde oder sich maximal viel reimt, aber einen Duden braucht man bei unseren Texten wahrscheinlich eher selten.

Jen, von Frauen wird häufig erwartet und gefordert, nicht so vulgär zu sein. Warum bist du es trotzdem? Warum ist es so wichtig, diese altmodische Vorstellung zu brechen?
Als wir Anfang der Nullerjahre angefangen haben, war das definitiv noch krasser und ich hab mir eine Menge dämliches Zeug abgeholt. Vulgäre Worte aus weiblichem Mund waren für die allermeisten Sender und Medien ein reales und ausgesprochenes Ausschlusskriterium. Vielleicht hat mich das herausgefordert. Ich habe aber das Gefühl, dass da zumindest in Subgenres auch fernab von Punk oder ähnlichem etwas passiert ist. Das finde ich großartig! Klar, die die frei Schnauze, direkt oder vulgär sind, stoßen oft ordentlich an. Natürlich auch unverhältnismäßig doller, weil sie eben keine Männer sind, aber es gibt sie. Aber zurück zu mir, Vorstellungen konnte ich eh nie entsprechen. Nicht mal meinen eigenen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Also fuck off. Vielleicht hat aber auch mein Unterbewusstsein versucht, selbst das Rolemodel zu werden, das ich gesucht habe ... Wie auch immer – manche nennen es feministisch, ich glaube, das sagen die nur, weil ich eine Frau bin ... (lacht)
Wenn man euren Texten lauscht, könnte man glauben, nichts und niemand ist vor euch sicher. Gibt es Tabus?
Ja, nach unten treten. Mit dem Finger bitte nur auf Augenhöhe, nach oben oder auf sich selbst zeigen.

Welches Schimpfwort nutzt du am liebsten und warum?
Klassiker wie „Scheiße“ überleben alles. Zeitlos, minimalistisch und klar in Klang und Bedeutung!

Eure Songs sind lustig, smart und geradeheraus. Ist die Sarkasmus-Flucht für euch ein Ventil, bei all dem gesellschaftlichen und politischen Schmarrn, der gefühlt seit einiger Zeit herrscht?
Es gibt ein wunderbares Ringelnatz-Zitat: „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.“ Das bringt es für mich auf den Punkt.

Danger Dan hat vor Kurzem völlig unerwartet ein Album mit elf äußerst klugen Klavierstücken veröffentlicht. Inwieweit reizt euch der Gedanke, selbst mal etwas zu veröffentlichen, mit dem eure Fans nie rechnen würden? Wie sähe die Überraschung aus?
Wenn ich das sagen würde, wäre die Überraschung irgendwie nicht mehr so überraschend. Aber ich glaube, ich müsste mich erstmal selbst überraschen, bevor ich versuche, jemand anderen zu überraschen. Abgesehen davon finde ich es nicht überraschend, dass Dan ein kluges Klavier-Album gedroppt hat. Er ist klug und spielt Klavier. Ich finde das naheliegend.
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Grossstadtgeflüster verkörpern für mich Anti-Spießertum. Wann und wo wirst du mal kleinbürgerlich?
Ach, wahrscheinlich ständig und immer wieder mal. Ich betrete zum Beispiel äußerst ungern Rasen, den man nicht betreten soll, weil ich denke, es gibt schon einen Grund, den armen Rasen mal chillen zu lassen. Ich finde eh nichts an diesem Begriff. Unangenehm sind für mich eher die, die diese Klarheit und Sicherheit brauchen und ihre ganze Kraft dafür aufbringen, zu verdeutlichen, wie crazy sie so sind. Der echte „Spießer“ ist in meinem Leben bis jetzt vor allem jemand gewesen, der mir Anekdoten geliefert hat, Klischees in fast schon Sketch-artiger Komik in deutschen Einbahnstraßen oder Ämtern. Erst zum an die Wand klatschen, im Nachhinein ein guter Beitrag zum Party-Küchen-Talk.

Dein Rezept gegen vollkommene Spießigkeit?
Locker durch die Hose atmen.

Wie zutreffend findest du eigentlich die Aussage eines Kritikers, dass ihr wie „Rosenstolz auf Crack“ klingt?
Lass ich durchgehen.
Ihr seid inzwischen auch TikTok-fame, denn euer Song „Diadem“ ist dort mit mehr als 13 000 Videos richtig durchgestartet. Generell gilt die Plattform als Trendradar der Musikindustrie. Was bedeutet TikTok für euch als Band?
Boa, momentan echt noch nichts außer Irrsinn. So sind wir an alle sozialen Netzwerke rangegangen. Dementsprechend zu spät und nie so richtig enthusiastisch. Aber irgendwann musst du halt überlegen oder verweigern. Wir geben unser Bestes, um ein paar Menschis zu erreichen, die uns mögen, damit die halt auch mitbekommen, wenn wir auf Tour gehen oder neue Musik kommt. Ich fühle mich immer noch bescheuert bei dem Kram. Wir wurschteln uns da so durch, aber ich würde uns nicht als Content-Creator buchen.

Welches Möbelstück könnte die Couch in einem Battle besiegen?
Das Bett oder das Plattenregal. Je nachdem.

Eure „Trips & Tricks“-Tour ist im vergangenen Jahr ziemlich schnell Corona zum Opfer gefallen. Wie heiß seid ihr darauf, endlich wieder live spielen zu dürfen?
Ganz ehrlich? Das fühlt sich alles für mich noch überhaupt nicht greifbar an. Ich habe seit 20 Jahren nicht so lange auf keiner Bühne gestanden. Ich merke, dass ich mittlerweile zart besaiteter bin und glaube es erst, wenn ich da stehe und mich an meinem Klemmbrett festhalte, weil ich keine Ahnung mehr habe, wie das alles geht.
Bei euren Konzerten wird immer viel getanzt, geschwitzt, gegrölt und gepogt. Nun performt ihr am 17. Juli bei den „Back on Stage – Open Airs“ auf der Parkbühne Hannover, einer Sitzkonzertveranstaltung. Wie wollt ihr trotzdem die typische Grossstadtgeflüster-Atmosphäre kreieren?
Wollen wir nicht, können wir auch gar nicht. Unsere Konzerte sind nie durchchoreografiert oder mega durchgeplant. Wir versuchen immer, auf die Umstände und die Leute zu reagieren und gemeinsam mit den Leutis, die kommen, eine gute Zeit und Spaß zu haben. Das heißt, dass alles, was wir live kreieren, eh immer gemeinsam mit dem Publikum kreiert wird. Wir stellen nur ein paar Zutaten, gekocht wird gemeinsam.

Was möchtest du noch sagen?
Kommt vorbei und habt euch lieb! Wir freuen uns auf euch, auch wenn wir noch keine Vorstellung haben, was das wird.
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Interview Denise Rosenthal
Fotos Christoph Mangler

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