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Ophüls-Gewinner Jonas Holdenrieder über seine Hauptrolle im Drama „Trübe Wolken“
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Einst war er in „Fack ju Göhte“ im Süßwaren-Automat eingeklemmt. Daneben hatte Jonas Holdenrieder, Jahrgang 1999, etliche Auftritte als Kinderdarsteller; unter anderem in „Die Vampirschwestern“, „Das kleine Gespenst“ oder „Ballon“. Mit Til Schweiger kam er voriges Jahr in der Bestseller-Verfilmung „Gott, du kannst ein Arsch sein!“ in die Kinos. Den frustrierten Ex-Ganoven gab er im ZDF-Mehrteiler „Am Anschlag – Die Macht der Kränkung“. Für seine aktuelle Hauptrolle als verschlossener Außenseiter im Drama „Trübe Wolken“ folgte beim Saarbrücker Max-Ophüls-Preis die Auszeichnung als Bester Schauspielnachwuchs. Mit Jonas Holdenrieder unterhielt sich SUBWAY-Filmexperte Dieter Oßwald.
Herr Holdenrieder, die Jury von Max Ophüls attestiert Ihnen: „Das Nichterklärbare spürbar zu machen. Chapeau für diese Leistung!“. Wie gelingt das?
Für einen Ausdruck braucht man einen Eindruck. Für dieses Projekt habe ich das Drehbuch sehr oft gelesen. Hinzu kamen viele und intensive Gespräche mit Regisseur Christian Schäfer. Unser Ansatz war ein psychologischer, ohne dabei den Charakter von Paul oder seine Handlungen zu bewerten. Es ging darum, die inneren und äußeren Konflikte zu verstehen und sie ohne viele Worte spürbar werden zu lassen.

Woran denken Sie, wenn Sie mit psychopathischem Blick durch die Gegend laufen?
Bereits beim Casting fiel der Begriff „Weiße Wand“: Die Aufgabe bestand darin, ein leeres Gefäß zu spielen. Daran habe ich mich dann vor der Kamera erinnert und versucht, dieses Undurchsichtige immer wieder hervorzuholen. Hilfreich ist dafür ein möglichst großes Hintergrundwissen über die Figur und was in der jeweiligen Situation geschieht. Damit wird einem klar, was in diesem Moment in Paul vorgeht.
Könnten Sie diesen leeren Blick auf Knopfdruck für die nächsten fünf Minuten einschalten? Auf die Gefahr, dass man ein bisschen Gänsehaut bekommt ...
Das ist schon ein bisschen zu lange her. (lacht) Vermutlich würde mir das spontan nicht mehr so gut gelingen. Im Unterschied zum gespielten Paul ist der reale Jonas ja auch hoffentlich etwas anders.

Mit welchen Gefühlen sieht der reale Jonas die gespielten Figuren?
Mich selbst sehe ich mit einem sehr selbstkritischen und distanzierten Blick. Wenn mir mein Spiel nicht gefällt, bricht diese Distanz auf einmal. Dann ist es für mich schwierig, das so hinzunehmen.

Im ZDF-Mehrteiler „Am Anschlag – Die Macht der Kränkung“ kommen Ihnen die Tränen in Großaufnahme. Helfen dabei Zwiebeln?
Es gibt natürlich Hilfsmittel für solche Szenen. Es hängt aber von der jeweiligen Tagesform und der Situation ab, ob man die überhaupt benötigt. In der erwähnten Szene ist mir das auf natürliche Weise gelungen, weil ich die Emotionen von Lorenz nachempfinden konnte.
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Sie begannen Ihrer Karriere im Alter von elf Jahren mit einem Werbespot für Bärenmarke. Gab es keine Bedenken wegen der „Kevin - Allein zu Haus“-Gefahr, dessen jungen Darsteller der Erfolg ziemlich aus der Bahn warf?
Diese Bedenken hatten meine Eltern absolut und wollten mir das nicht erlauben. Deshalb musste ich sie ein Jahr überreden, um schließlich ihre Erlaubnis zu bekommen. Wäre mir die Kinderdarstellerei zu Kopf gestiegen, hätten sie mich wohl sofort enterbt! (lacht) Zum Glück war die Gefahr abzuheben gering. Dafür war die öffentliche Aufmerksamkeit für meine Rollen nicht groß genug. Zudem hatte ich immer Leute um mich herum, die mich mögen, wie ich bin. Und nicht dafür, was ich mache.

Der Auftritt in „Fack ju Göhte“, wo Sie im Süßwaren-Automat eingeklemmt sind, war klein, aber oho. Diese Szene wurde sogar für die DVD-Werbung eigens nochmal nachgedreht ...
Das stimmt. Die Szene war damals tatsächlich ein Thema auf meinem Schulcampus. Andere Schüler, die ich gar nicht kannte, boten mir sogar Hilfe an, falls ich mal im echten Leben ein Problem haben sollte.

Gab es je einen Karriereplan? Als Teenager dreimal in den „Vampirschwestern“ auftreten, mit 15 mit Elyas M’Barek drehen, mit 19 bei Til Schweiger, mit 21 den Max Ophüls Preis abräumen?
In meiner Schulzeit wollte ich einfach nur spielen. Mittlerweile weiß ich, was mich interessiert und welche Figuren mich faszinieren. Den klassischen Karriereplan gibt es bei mir nicht. Ich möchte möglichst unterschiedliche Rollen spielen und mich dabei immer wieder neu entdecken.
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Welche Schnittmengen gibt es zwischen Jonas und dem Paul aus „Trübe Wolken“?
Es gibt weder Schnittmengen noch Parallelen zu Paul, genau darin lag für mich der Reiz an dieser Rolle. Wenn man nicht direkt seine eigenen Erfahrungen für eine Figur beisteuern kann, wird das eine sehr spannende Sache, sie zu spielen.

Weshalb reagiert Paul derart heftig auf den spontanen Kuss-Versuch eines Jungen?
Paul ist ein hochsensibler Charakter. Er muss die Dinge um sich herum ständig kontrollieren, damit seine Fassade nicht zusammenfällt. Bei seinem Lehrer gibt er den Intellektuellen, bei seiner Klassenkameradin den Verliebten, bei seiner Familie den wohlerzogenen Sohn. Hinter dieser Fassade weiß er nicht, wer er eigentlich ist, welche Gefühle er hat. Bei einem Kuss gibt man die Kontrolle ab. Diese Gefahr ist Paul zu groß. Er muss sich aus dieser Situation befreien, koste es, was es wolle. Bei einem Mädchen hätte er in diesem Moment nicht anders reagiert.

Mit Ihrem Kollegen Timur Bartels sieht man Sie in einem seiner YouTube-Video. Beim Glühwein-Kochen gibt es diesen Dialog: „Deine Freunde dachten, dass wir zusammen sind. Sind wir?“ – „Ja!“. Liegt im Glühwein die Wahrheit?
Ich finde es einfach schön, wenn man jemanden mag und das allen zeigen kann. Ob es auf eine sexuelle Art und Weise passiert, ist gar nicht entscheidend. Wenn das einfach eine so gute Freundschaft ist und andere darüber denken, man sei zusammen, freue ich mich umso mehr über diese Freundschaft.

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Sie haben vor Kurzem Ihr Schauspiel-Studium begonnen. Ist dort die „ActOut“-Kampagne des SZ-Magazins ein Thema unter den Studierenden? Oder wird die sexuelle Orientierung Schnee von gestern sein, wenn Sie den Abschluss in der Tasche haben?
Es wäre schön, wenn die sexuelle Orientierung keine Rolle mehr spielen würde. Aber bis dahin ist diese ganze Kampagne sehr notwendig. Als heterosexueller Mensch muss man sich vor dieser Gesellschaft nicht outen. Für Personen der LGBTQ-Community hingegen steht diese Frage des Outings immer wieder im Raum. Von einer queeren Selbstverständlichkeit sind wir leider noch weit entfernt. Genau deswegen bedarf es der Aufmerksamkeit solcher Kampagnen wie jene des SZ-Magazins.

Was haben Sie von Elyas M’Barek und Til Schweiger gelernt?
Was man alles erreichen kann, wenn man an sich glaubt! Und sich dabei treu bleibt!

Was ist die wichtigste Qualität im Schauspiel-Beruf?
Die wichtigste Qualität für mich ist, authentisch zu sein und zu bleiben.

Würden Sie mit Paul eigentlich mal gern ein Bier trinken gehen?
Ja, allerdings nur ein kleines Bier. In einem sicheren Umfeld. Und er müsste die Hände auf den Tisch legen!

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Interview Dieter Oßwald
Fotos Salzgeber

1. Februar 2022

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