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Hollywood-Star Viggo Mortensen im Interview über sein Regie-Debüt „Falling“
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Mit „Der Herr der Ringe” gelang Viggo Mortensen als Aragorn der Durchbruch. Den Sigmund Freud gab er danach in „Eine dunkle Begierde“ für David Cronenberg, der ihn zudem für „A History of Violence“ sowie den Mafia-Thriller „Tödliche Versprechen“ verpflichtete. Zu den weiteren Filmen des in Südamerika aufgewachsenen Dänen gehören „Die Akte Jane“, „Psycho“ oder „28 Tage“. Nach seinem für den Oscar nominierten Auftritt in der feinsinnigen Rassismus-Komödie „Green Book“, präsentiert der 62-Jährige nun mit „Falling“ sein Regiedebüt nach eigenem Drehbuch. Auch die Hauptrolle als schwuler Sohn, der mit dem homophoben Vater hadert, übernimmt er selbst. Mit dem vielseitigen Künstler unterhielt sich unser Filmexperte Dieter Oßwald.
Herr Mortensen, was hat es mit dem Titel „Falling“ auf sich?
Dieses ganze Projekt begann als eine Kurzgeschichte, die ich damals „Falling“ genannt hatte. Eigentlich war das nur als Arbeitstitel geplant, aber mir fiel danach keine Alternative ein, die mir besser gefallen hätte. Im Englischen hat das Wort ja etliche Konnotationen: „fall in love“ (sich verlieben), „fall from grace“ (in Ungnade fallen) oder ganz simpel das physische Hinfallen.

Was war dabei Ihre Absicht?
Mir ging es darum, die Geschichte einer Familie zu erzählen. Ich bin überzeugt davon, je spezifischer man die lokalen Details schildert, desto größer ist die Chance, eine universelle Story zu erzählen, mit der das Publikum etwas anfangen kann. Tatsächlich ist die Erfahrung bisheriger Vorstellungen von „Falling“, dass Zuschauer ganz unterschiedlicher Herkunft sehr persönlich auf diese Geschichte reagieren. Für mich war das eine wunderbare Erfahrung, die zeigt, dass der Film funktioniert.
Sie widmen den Film im Abspann Ihren Brüdern. Wie autobiographisch ist die Geschichte, die Sie erzählen?
Die Idee entstand auf dem Heimflug nach der Beerdigung meiner Mutter. Ich konnte nicht schlafen und begann, Ereignisse und Dialogschnipsel aufzuschreiben, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnerte. Je mehr ich über meine Mutter schrieb, desto mehr dachte ich über meinen Vater nach. Als wir landeten, hatten sich meine Notizen zu einer Geschichte entwickelt, die aus Gesprächen und Momenten bestand, die so jedoch nie wirklich stattfanden. Diese erfundenen Sequenzen erlaubten mir, der Wahrheit über meine Gefühle für meine Mutter und meinen Vater näherzukommen, als es jede einfache Aufzählung spezifischer Erinnerungen könnte.

Wie hätten Ihre Eltern reagiert, wenn Sie sich als schwul offenbart hätten?
Meiner Mutter hätte es wohl nicht gefallen, aber sie hätte es akzeptiert. Ihr war immer wichtig, dass ich glücklich bin und andere Menschen mit Freundlichkeit behandele. Mein Vater hätte vermutlich größere Schwierigkeiten gehabt, einen schwulen Sohn zu akzeptieren. Aber im Nachhinein lässt sich das nicht eindeutig sagen.

Bieten Regenbogen-Familien Ihrer Meinung nach die besseren Eltern?
Wenn die gleichgeschlechtliche Familie funktioniert und eine heterosexuelle Familie ihre Probleme hat, heißt das ja nicht, dass ich Regenbogenfamilien als das bessere Modell betrachte. Diese Familie funktioniert nicht besser wegen ihrer sexuellen Orientierung, sondern wegen ihrer menschlichen Qualitäten. Die beiden Väter und ihre Tochter respektieren sich, sie hören einander zu und die Kommunikation klappt. Das ist keine Super-Familie, sondern sie leben ganz einfach völlig normal zusammen. Warum sollten schwule Eltern besser sein als andere? Sollen sie einen ausgewählteren Geschmack haben? Sich netter unterhalten? Oder intelligenter sein? Die lieben sich einfach und lassen einander Freiraum. Davon war der Vater von John mit seiner Familie weit entfernt.

Aktuell gab es bei „Berlin Alexanderplatz“ Diskussionen: Darf ein Cis-Mann eine Transfrau spielen? Die alte Thematik: Sollten queere Figuren nur von queeren Menschen gespielt werden?
Ich kenne die Diskussion, bin jedoch mit dieser Forderung nicht einverstanden. Natürlich gibt es bestimmte Grenzen. Ich würde naheliegenderweise keinen Afro-Amerikaner spielen, das wäre respektlos und dumm. Aber ich finde nichts Falsches daran, die Rolle eines schwulen Mannes zu übernehmen. Ich glaube nicht, dass ich damit jemandem etwas weggenommen habe. Hätte ich das Gefühl gehabt, die Figur nicht zu verstehen, dann hätte ich sie nicht gespielt. Ich habe immer Respekt vor der Meinung von anderen, aber ich sehe hier kein Problem.

„Mir missfällt Ausschluss in jeglicher Art, für mich bedeutet das immer eine Diskriminierung“

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Dass Proktologen nicht nur von Proktologen gespielt werden sollten, zeigen Sie mit der Besetzung von Regisseur David Cronenberg in dieser Rolle ...
Zugegebenerweise hatte ich keine Ahnung, was David Cronenberg von Proktologie versteht. Aber ich habe ihm diese Rolle ohne jeglichen Zweifel zu jeder Zeit abgenommen. David und ich sind befreundet und wir verstehen uns gut. Ich hätte jedoch nie gedacht, dass er die Figur spielen würde. Den Gefallen brauchst du mir nicht zu tun, sagte ich David noch, als ich ihm das Drehbuch gab. Zum Glück mochte er es und sagte zu.

Wie war die Erfahrung beim ersten Mal auf dem Regiestuhl?
Ich hatte das Glück, von einigen wirklich guten Regisseuren lernen zu können. Diese Lektionen wollte ich bei meiner eigenen Regie anwenden. Als Schauspieler war ich immer ziemlich neugierig. Mich interessierte, welche Linse jemand gewählt hat, warum und wie eine Szene auf eine bestimmte Weise beleuchtet wird, warum ein bestimmter Mantel oder ein bestimmtes Kleid gewählt wurde. Mir hat immer der kollaborative Aspekt des Filmemachens gefallen. Wenn ein Film funktioniert, funktioniert er nur so gut, wie der Kompromiss, den alle eingehen.

Sie bekamen drei Nominierungen für den Oscar. Was halten Sie von den neuen Regeln der Academy, wonach Filme mehr Minderheiten-Themen und Diversität haben müssen, um sich zu qualifizieren?
Die Absicht ist wirklich gut, denn dafür muss ein Bewusstsein geschaffen werden. Aber ich halte es für einen Fehler, das als feste Vorgaben in die künftigen Regeln zu schreiben. Mir missfällt Ausschluss in jeglicher Art, für mich bedeutet das immer eine Diskriminierung. Ein großartiger Film wie „1917“ von Sam Mendes wäre nach den neuen Regeln nicht mehr qualifiziert. Das ist doch lächerlich. Hinzu kommt, dass Kultur in der letzten Zeit nicht nur in den USA für die extreme Rechte zu einem Sandsack geworden ist, auf den man gerne einprügelt. Für diese Leute sind solche Vorgaben ein Geschenk: „Seht, wir haben es schon immer gesagt.“
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Interview Dieter Oßwald
Fotos Prokino

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