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Interview mit Palmen-Gewinner Ruben Östlund zu „The Square“ | Er wird gern als Wunderkind des schwedischen Kinos gehandelt. Mit seinem Jugendbanden-Drama „Play“ löste Ruben Östlund in seiner Heimat Kontroversen aus – und erhielt den schwedischen Filmpreis. In seinem für den Oscar nominierten Thriller „Höhere Gewalt“ schickt er eine Familie in einen Skiurlaub, in dem eine Lawine erschreckende Wahrheiten auslöst. In diesem Jahr holte der 43-jährige Schwede mit der bitterbösen Kunstbetrieb-Satire „Square“ die Goldene Palme in Cannes.
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Herr Östlund, hatten Sie nie daran gedacht, die Goldene Palme abzulehnen? Cannes steht ja auch für jenen Kunstbetrieb, über den Sie sich in Ihrer Satire lustig machen.
(lacht) Nein, eine Ablehnung der Palme kam mir nie in den Sinn, dazu habe ich mir diesen Preis viel zu sehr gewünscht. Allerdings hatte ich bei jener Szene mit dem luxuriösen Gala-Dinner und dem Affen durchaus ein bisschen an das Publikum von Cannes gedacht. Wenn die Zuschauer im Smoking und Abendkleid diese Szene sehen, ist das wie ein Blick in den Spiegel.

Affen kommen mehrfach in „The Square“ vor, was hat es damit auf sich?  
Bei jedem Zoo-Besuch lässt sich erleben, welche Begeisterung die Affen bei uns Menschen auslösen. Man erkennt sich in ihnen ein bisschen selbst, zugleich fühlt man sich überlegen, weil man als Mensch schließlich zivilisiert ist. Andrerseits findet man es faszinierend, dass Affen immer nur nach Instinkt und Bedürfnis handeln und sich daher für ihr Verhalten nie zu schämen brauchen – dieser Aspekt beeindruckt mich persönlich ganz besonders. 

Verhalten sich die Menschen tatsächlich so zivilisiert, wie sie es gerne vorgeben zu tun?
Vieles von unserem Verhalten wird von der animalischen Natur bestimmt. Das müssen wir uns bewusst machen, um uns selbst zu verstehen.

Verstehen Sie sich als Moralist?
Ich habe meine Schwierigkeiten damit, was mit dem Begriff Moralist genau gemeint sein soll. Jedenfalls gehöre ich nicht zu jenen, die sich anmaßen, das Verhalten von anderen Menschen zu beurteilen. Ich sehe mich mehr als Naturfilmer! Wer einen Löwen bei der Jagd auf einen Büffel filmt, der muss beide Seiten verstehen. Die Szenen mögen grausam aussehen, aber es gibt gute Gründe, weshalb das so passiert.

Lenin meinte einst, Film sei die wichtigste aller Künste. Kann Kino wirklich etwas an der Welt verändern?
Kino kann definitiv etwas verändern. Wobei man nicht vergessen darf, dass dies für jede Art von Film gilt. In Vorbereitung für eine Radio-Sendung bin ich vor Kurzem darauf gestoßen, welchen enormen Einfluss der Kriegsfilm „Der längste Tag“ von 1962 hatte. Danach galt allgemein die Meinung, allein die Alliierten hätten durch die Invasion an der Normandie das Nazi-Deutschland besiegt. Von der entscheidenden Rolle der Sowjet-Armee bei diesem Sieg war überhaupt keine Rede mehr. Lenin hatte also Recht. Und die Amerikaner perfektionierten seine These mit ihren Propagandafilmen, zumindest bei uns in Europa.

In Ihrem Film werfen Sie dem Museum vor, mit Provokationen nach medialer Aufmerksamkeit zu schielen. Und im Trailer für Ihren Film machen Sie genau dasselbe ...
Es ist unmöglich, sich diesem Aufmerksamkeits-Monster, zu dem die Medien geworden sind, zu verweigern. Nur auf diese Weise kann man seine Ideen bekannt machen. Deswegen finde ich auch nicht, dass die PR-Leute im Film mit ihren Aktionen zynisch sind. Zynisch ist vielmehr unsere große Medienlandschaft, in der sich jeder mit bösartigen Kommentaren in sozialen Netzwerken äußern kann. Das kann man kritisieren. Gleichzeitig muss man nach den Regeln dieser Medienlandschaft spielen, um Gehör zu finden.

Etliche Aspekte sind autobiografisch. Vom gestohlenen Handy bis zum geschiedenen Vater, der an seinen Töchtern verzweifelt. Wie viel Östlund steckt in dem Helden?
Fast alles ist autobiografisch, bis auf die Slapstick-Szene mit den Kondomen, die frei erfunden ist. Insbesondere die Pressekonferenz am Ende von „The Square“ entspricht weitgehend den Kontroversen, die ich in Schweden mit meinem Film „Play“ über Jugendbanden erlebte.

Hatten Sie von Tesla eine Genehmigung für die Nutzung des Autos in Ihrem Film?
Natürlich mussten wir um eine Genehmigung bitten. Wir hatten Glück, weil der Europa-Chef meinen vorigen Film „Höhere Gewalt“ mochte. Er gab uns einen Tesla, obwohl wir ihn dann auf ironische Weise verwenden.

Noch größere Image-Sorgen müsste das Museum gehabt haben, als Kulissen für den  Jahrmarkt der Kunst-Eitelkeiten zu dienen. Wie bekamen Sie dort die Dreherlaubnis?
Das Gebäude im Film gehört zum Schloss in Stockholm. Mir gefiel die Idee, daraus ein Museum zu machen und so gleichsam das Ende der Monarchie vorwegzunehmen – schließlich haben die Franzosen aus dem Louvre und Versailles einst ja auch Museen gemacht. Der König hat uns den Zugang zum Schloss allerdings leider verweigert, er versteht einfach nicht, dass sein Schloss uns, dem Volk, gehört. So haben wir die Innenaufnahmen schließlich im Studio in Berlin gedreht – wo übrigens auch die Besetzung der Affen stattfand.

Netflix, Amazon und Co. versprechen ihren Regisseuren viel Freiheit und noch mehr Geld – wären diese Anbieter eine Option für Sie als Filmemacher?
Ich bin in der glücklichen Position, das machen zu können, was ich möchte. Im Augenblick brauche ich die Streaming-Anbieter noch nicht.

Ihr Hauptdarsteller beklagte, wie häufig Sie die Szenen wiederholen ließen. Sind Sie ein kleiner Diktator am Drehort?
Ich finde, ich bin ein sehr netter Diktator. Und mache das nur, damit alle das Beste bekommen. In den Jahren meiner Arbeit habe ich gelernt, dass man beim Drehen wirklich an die Grenzen gehen muss. Schließlich lebt man mit diesen Szenen bis zum Rest seines Lebens. Deswegen sage ich meinen Schauspielern: „Jeder Drehtag wird der härteste Tag eures Lebens werden.  Hoffentlich entsteht etwas, auf das wir danach stolz sein können.“ Meistens wird es natürlich nicht so hart, aber zumindest hat man sich mental darauf eingestellt.

Welche Regisseure haben Sie in Ihrem Schaffen beeinflusst? Vermutlich eher Bunuel als Bergman?
Auf jeden Fall eher Buñuel als Bergman. Roy Andersson gefällt mir sehr, ebenso Michael Haneke, ohne den die Welt des Kinos viel ärmer wäre und dessen Ernsthaftigkeit mich sehr inspiriert. Natürlich auch Maren Ade, sie saß schließlich in der Jury in Cannes, wo ich die Goldene Palme bekam. Meine Ex-Frau liebte „Toni Erdmann“ –  was mich eigentlich ärgern sollte, oder?

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Trailer zu "The Square"

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Interview: Dieter Osswald
Fotos: Alamode Film

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