31. Braunschweig International Filmfestival | Das Highlight des Braunschweiger Festival- und Filmjahres steht kurz bevor. Über das Festivalprogramm und allerlei Lieblingsfilme haben wir mit Filmfestdirektor Michael P. Aust gesprochen.
 
Termin 17. bis 22. Oktober | diverse Orte (BS & WOB)
filmfest-braunschweig.de

Das Programm ist wieder sehr vielfältig. Gibt es ein Wort , welches das 31. Filmfestival beschreibt?
Drama! Liebe! Wahnsinn! (lacht)


Warum denn das?
Es sind aktuell viele Dramen im Umlauf. Dabei zahlreiche Filme, die sich mit der Ablösung vom Elternhaus beschäftigen. Ich dachte eigentlich, dass sich die Filmemacher eher die ganzen politischen Konflikte zur Brust nehmen. Diese Sachen spielen zwar auch alle eine Rolle und kommen vor, aber es geht doch immer wieder darum, den eigenen Weg zu finden. Vielleicht ist es gerade in diesen unsicheren Zeiten wichtig, dass man seinen eigenen Weg gehen und sich vom Elternhaus, der Geborgenheit, lösen muss.

HACHIKO 01

Hachiko - Eine wunderbare Freundschaft

LITTLE CRUSADER 01

Little Crusader

Ihr habt eure Filmreihen in ihren Profilen weiter geschärft und nach neuen Themen gesucht. In der Reihe „Beyond“ etwa geht es um den Begriff „Faith“, also Glauben.
Das Thema ergab sich von allein. Wir haben viele Filme geguckt, die für die Idee von „Beyond“ stehen. Also Filme, die einfach anders sind, die sich trauen, edgy zu sein und Risiken einzugehen. Es sind viele Filme aufgetaucht, die sich in dieser Begriffswolke von Glauben, Nichtglauben und Schicksal aufhalten.

Da gibt es zum einen den Film „Jeanette: The Childhood of Joan of Arc“, den finde ich sehr lustig. Denn es ist ein Musical, welches im Mittelalter spielt und von Laien gesungen wird … mit tanzenden Nonnen. Ganz zauberhaft. Es wird die Kindheit von Jeanne D’Arc gezeigt, die mal nicht als fanatische Glaubenskämpferin dargestellt wird, sondern als ein Mädchen, welches an seiner Berufung durchaus zweifelt. Direkt daran schließt sich ein weiterer Mittelalter-Film an, „Little Crusader“. Er zeigt das Gleiche, was wir heute oft andersherum haben, wenn sich junge Menschen dem IS anschließen. Im Mittelalter war es schick, in den Heiligen Krieg zu ziehen und Jerusalem von den Muselmanen freizukämpfen. Ein kleiner Junge läuft in seiner Kinderrüstung von zu Hause weg, um sich dem Kreuzzug anzuschließen und sein Vater will ihn zurückholen und begibt sich ebenfalls auf diese beschwerliche Reise. Der Film präsentiert diese Eltern-Kind-Gefühle auf besondere Weise.

Es gibt natürlich noch andere Filme in dieser Reihe. „The Endless“ ist ein Film, in dem die Regisseure gleichzeitig Drehbuchautoren, Kameraleute und Hauptdarsteller sind. Zwei Brüder sind aus den Fängen einer Sekte entkommen. Allerdings packt sie die Sehnsucht und sie kehren für einen Besuch wieder zur Sekte zurück. Sie stellen fest, dass der Kult eigentlich viel schlimmer war, als sie sich das in ihrer verklärten Erinnerung ausgemalt hatten. Denn die Leute werden von einem Gott beherrscht, der Abtrünnige in Zeitschleifen einsperrt. Je nachdem, wie gut oder schlecht seine Laune ist, werden die Loops länger oder kürzer.

Genau diese Sache verbindet den Film mit einer anderen Reihe des Festivals. Gemeinsam mit dem Kunstmuseum Wolfsburg zeigen wir passend zur Ausstellung „Neverending Story“ fünf Filme, die sich mit Zeitschleifen befassen. Sie werden einerseits hier auf dem Festival gezeigt und später, während die Schau in Wolfsburg läuft, im Hallenbad-Kino. Mit dabei sind „Und täglich grüßt das Murmeltier“, „Remainder“ vom Video-Künstler Omar Fast und „Moon“ von Duncan Jones.

Ihr widmet euch aber auch den „Neowestern“.
Genau. Man könnte sich eigentlich fragen, wie viel Western man heute noch braucht, schließlich wurde das Western-Thema schon zur Genüge ausgereizt. Es gibt tatsächlich unglaublich viele Filme, die mit diesen Bildern und Konventionen des Genres arbeiten. Auch hierbei dreht sich viel um Familien. Einer der Beiträge ist „Law of the Land“, der im kalten Finnland spielt, aber es gibt auch Filme aus Rumänien, Irak, Ungarn und Indonesien. Zum Teil auch mit weiblicher Hauptrolle wie „Marlina the Murderer in Four Acts“, ein indonesischer Film. Die Filme sind sehr tiefsinnig, aber auch spannend. Sie zeigen vor allem, wie man bei einem solchen Genre immer wieder neue Sachen herausholt.

Und ihr habt auch eine Reihe zum Queer-Cinema.
Das ist eine der Kooperations-Reihen, die wir in den letzten Jahren immer wieder veranstaltet haben wie etwa zum israelischen oder polnischen Kino. In diesem Jahr geht es eben um das LGBTQI* (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, transsexuell, queer, intersexuell und weitere Formen; Anm. d. Red.). Da haben wir Filme, die für jeden der Buchstaben stehen. Der neue Film von Rosa von Praunheim, „Überleben in Neukölln“, ist dabei.

Was sind die Herausforderungen bei der Programmgestaltung für das Festival?
Es gibt eine Menge Sachen, die miteinander kombiniert werden müssen. Wir stehen etwa in Konkurrenz zu anderen Festivals wie Hamburg und Oldenburg, aber auch zu den anderen Herbstfestivals von Cottbus über Lübeck bis Hof. Dazu kommen durchchaus die internationalen Festivals wie Gent in Belgien, die greifen alle auf den gleichen Pool an Filmen zu und alle möchten die Premieren zeigen. Da braucht man die richtigen Connections. Und auch der Verein hat seinen Einfluss. Wir haben dadurch, dass es im Verein Sichtungsgruppen für viele der Reihen gibt, ein gutes Testpublikum, das sich die Filme vorab anschaut. So können wir oft schon vorab einschätzen, wie ein Film ankommen wird. Andererseits hat so eine Gruppe auch immer die Tendenz, eine demokratische Entscheidung zu fällen, und damit fallen die Extreme weg. Was für ein Filmfestival gefährlich ist. Man braucht schließlich auch Filme, die Ecken und Kanten haben oder Geschichten anders erzählen. Über solche Filme wird dann ausgiebig diskutiert.

Es gibt andererseits gerade eine Diskussion in der Filmbranche, die ich auch für unser Festival für wirklich relevant halte, nämlich, dass auch beim Filmemachen Frauen und Männer gleichberechtigt sein sollten. Eigentlich ganz selbstverständlich – sollte man meinen. Das ist in Deutschland im europäischen Vergleich jedoch noch extrem weit von der Realisierung entfernt. Wir haben aber gerade festgestellt, dass von unseren zehn europäischen Wettbewerbsbeiträgen je fünf von Frauen und fünf von Männern sind. Und dies, ohne dass wir extra danach ausgesucht haben. So soll es sein!

Man braucht schließlich auch Filme, die Ecken und Kanten haben oder Geschichten anders erzählen.

Michael P. Aust

KATIE SAYS GOODBYE 3 a

Katie Says Goodbye

Wie sucht ihr die Filme für den Wettbewerb aus?
Es gibt viele Wege: Einen Teil entdeckt man auf Festivals oder man spricht mit den Weltvertrieben. Wir schauen für den Wettbewerb nach Erstlings- oder Zweitlings-Werken, es sollte außerdem eine deutsche Premiere sein. Das schränkt die Auswahl ein, da einige der Filme schon auf anderen Festivals gezeigt wurden. Und dann muss der Film europäisch sein. Das sind drei Bedingungen, die die Menge an Filmen immer weiter reduzieren.

Viele Filme werden auch eingereicht. Es sind um die 500 Filme, die uns über unsere Einreichplattform zugesandt werden. Ich glaube, am Ende sind es über 1 200 Filme, die gesichtet werden. Da wird dann geschaut, ob die Filme gut fürs Festival sind und ob sie zu den anderen Beiträgen passen. 

Wenn Sie sich ein Ranking für das Festival ausdenken würden, welche Filme sehen Sie auf den vorderen Plätzen?

Wir haben mit dem Publikumspreis natürlich ein Ranking. Ich habe auch mein eigenes Ranking von Filmen, die mir Spaß gemacht, mich begeistert haben. Einer meiner Lieblinge ist aus der Reihe Neues Internationales Kino: „Katie Says Goodbye“. Ein Film, der mich sehr berührt hat. Dann ist da noch „Free and Easy“, ebenfalls in der Reihe, ein verschrobener chinesischer Film. Den habe ich sehr gemocht. Im Wettbewerb sind „A Date for Mad Mary“ und „Les Cowboys“ auf meiner Favoritenliste.

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Yella mit Eurpoa-Preisträgerin Nina Hoss

WOLFSBURG 01

Wolfsburg

An wen wird die Europa in diesem Jahr verliehen?
Wir sind sehr stolz, weil wir ein paar Jahre daran gearbeitet haben, dass sie endlich mal vorbeikommt. Unsere Preisträgerin in diesem Jahr ist Nina Hoss. Letztes Jahr hat es leider nicht geklappt, wegen der Dreharbeiten zu „Homeland“. In diesem Jahr haben wir ein Zeitloch gefunden. Wir sind gespannt und können tolle Filme zeigen. Angefangen bei „Wolfsburg“, dann „Barbara“, „Anonyma“ oder „Yella“. Es wird außerdem ein Filmgespräch mit ihr geführt. Dabei wird es sicherlich um ihre lange Zusammenarbeit mit Christian Petzold gehen, der ihre Karriere sehr geprägt hat. Es ist interessant zu sehen, dass sie zunehmend internationale Anerkennung findet. Zuletzt in „Rückkehr nach Montauk“, in dem Stellan Skarsgård mitspielt, der ebenfalls Preisträger der Europa ist. Oder eben „Homeland“, wo sie in der dritten Staffel mitspielt.

Welche Filme würden Sie nie beim Festival zeigen? Und welche würden Sie gern zeigen?
Eigentlich gibt es nichts, was man nicht zeigen könnte – abhängig vom Kontext. Man kann in einem Festival-Rahmen nahezu alles zeigen. Selbst wenn es Trash-Horror ist, das kann schon Sinn machen. Horror zeigen wir ja auch in unserer Mitternachtsreihe, wobei das in diesem Jahr durchaus ganz intelligente Filme sind, die sich mit dem erwähnten Thema „Hexen“ auseinandersetzen, eher Arthouse-Crossover. Es gibt dann natürlich Filme, die man gerne gehabt hätte oder die man zu einem bestimmten Zeitpunkt gern gezeigt hätte.

Gibt es einen Film, den Sie gern empfehlen?
Ja, klar gibt es solche Filme. Es hat jeder seine Best-of-Liste. Also nehmen wir mal „Brazil“ – das ist für mich ein Film, den jeder mal in seinem Leben geschaut haben muss, weil er ein totaler Meilenstein war. Oder unser Eröffnungsfilm „Matrix“ ist auch so ein Werk, zu dem man sagen muss, dass er zu den Höhepunkten der Filmgeschichte gehört. Darum macht es Sinn, ihn zu zeigen. Gerade in diesem Jahr, denn er hat was mit Glauben zu tun, etwas mit Zeitschleifen und er hat auf eine Art und Weise Western-Elemente. Man kann ihn immer wieder neu in andere Richtungen lesen. Wir zeigen „Matrix“ als Filmkonzert mit dem Filmkomponisten Don Davis als Dirigenten. Das ist etwas Besonderes, darauf freue ich mich schon.

 

Ein Film ohne Filmmusik ist wie …
… eine andere Art von Film. Mit Filmmusik kann man viel mehr erzählen, weil die Musik ein paar zusätzliche Erzählebenen aufmacht. Für mich ist das meist spannender als ein Film ohne Musik.

Blockbuster sind … 
... wichtig und toll, aber nicht der Weisheit letzter Schluss. Schon gar nicht für unser Festival. Wobei man sagen muss, dass wir schon Blockbuster dabei haben. In diesem Jahr mit „Preacher“, der ist ein Blockbuster in Ägypten. Und in Deutschland ist es ein Arthouse-Film.

Der deutsche Film …
… ist für mich eine Hassliebe. Es gibt immer wieder supertolle Filme. Ich finde sie jedoch oft etwas bräsig, aber wir haben in diesem Jahr wieder eine tolle Auswahl an deutschen Filmen dabei.

Ich schaue mir einen Film gern an, wenn …
… mich die Story interessiert, der Film verspricht, dass er eine gewisse Art von Neuigkeit mitbringt und wenn ich eine Ahnung habe, dass er mich berühren und mir langfristig etwas bedeuten könnte.

Das 31. Filmfestival wird ...
… superklasse mit total irre guten Filmen. Es wird ein Fest.

THE LOVE WITCH 01

The Love Witch

 

PK Filmfest A LIFE IN WAVES big

A Life in Waves

 

PK Filmfest AVA big

Ava

Das komplette Programm ist unter filmfest-braunschweig.de zu finden. Und in der begleitenden App, die für die Planung des eigenen Festival-Programms für Android und iOS digital bereitsteht.

 

Interview: Kathleen Kalle
Fotos: Braunschweig International Filmfestival, Element Pictures, Luxbox Films, Salzgeber & Company Medien,
Collective Eye Films, William Tanner Sampson, Hans Fromm /Piffl Medien, Prokino, Pathé International

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