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Regisseur Burhan Qurbani im Interview zur Romanklassiker-Adaption
„Berlin Alexanderplatz“
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Mit seinem erst dritten Spielfilm stemmte Burhan Qurbani, 39, die Verfilmung von Alfred Döblins Jahrhundertroman „Berlin Alexanderplatz“, der voraussichtlich am 21. Mai in den deutschen Kinos startet. Er verlegt den Klassiker in das heutige Berlin. Aus Franz Biberkopf wird Francis, ein Flüchtling aus Westafrika, der ein guter Mensch sein möchte, doch die Verhältnisse erschweren sein Vorhaben. Realisiert wurde das dreistündige Mammutwerk vom Ludwigsburger Produzenten Jochen Laube, mit dem Qurbani einst an der dortigen Filmakademie studierte und mit dem er vor sechs Jahren mit dem Neonazi-Drama „Wir sind jung. Wir sind stark.“ bereits für Furore sorgte. Auch auf der Berlinale kam die moderne Romanverfilmung bei Presse und Publikum gleichermaßen glänzend an. Mit dem Regisseur unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.
Herr Qurbani, „Berlin Alexanderplatz“ zählte zu den Favoriten der Berlinale. Dennoch gingen Sie völlig leer aus. Sind Festivals so ungerecht wie jene Wirklichkeit, die im Film geschildert wird?
Ungerecht finde ich das nicht. Mich freut der Goldene Bär für das politische Drama „Es gibt kein Böses“ aus dem Iran. Natürlich bin ich traurig, dass wir nichts gewonnen haben, aber es können eben nicht alle Filme im Wettbewerb einen Preis gewinnen. Zudem war es eine wunderbare Erfahrung, wie wir mit „Berlin Alexanderplatz“ durch das Festival regelrecht getragen worden sind. Ganz besonders freut mich das für unsere Schauspieler.

Man könnte den Film als Mogelpackung verstehen: Ursprünglich wollten Sie ein Drama über Asylanten im Drogenpark drehen. Weil das nur wenige interessiert hätte, kamen Sie auf den Trick mit Döblin und seinem „Berlin Alexanderplatz“...
Als Schwabe würde ich den Ausdruck „Gottesbscheißerle“ für Maultaschen vorziehen: Das Fleisch ist im Teig versteckt, damit es in der Fastenzeit gegessen werden darf.

In der Schule haben Sie bei Döblin kaum geglänzt. Ist die Verfilmung des Jahrhundertromans nun Ihre verspätete Reifeprüfung?
Döblin hat mir damals tatsächlich meine Abitur-Note versaut. (lacht) Für mich war es spannend, mich jetzt auf eine ganz andere Art mit Döblin auseinanderzusetzen. Döblin war wild. Seine Sprache ist total aufregend und fesselnd. Wenn man jung ist und mit höherer Literatur gerade zum ersten Mal in Kontakt kommt, weiß man das noch nicht so richtig zu schätzen.
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Im Roman wird Franz Bieberkopf als hässlich und dick beschrieben. Bei Ihnen könnte der Francis alias Welket Bungué auch als Model durchgehen ...
Welket ist ein gut aussehender Mann. Aber ich beurteile das anders, weil ich die Schauspieler zunächst als Mensch wahrnehme. Wir haben nach einem Darsteller gesucht, der dieses Glitzern in den Augen besitzt. Ob hübsch oder nicht, Welket ist ein großartiger Schauspieler mit einer enormen Leinwandpräsenz. Er kann sensibel sein und im nächsten Moment beängstigend.

Ihr Werk dauert stolze drei Stunden. Weckt Überlänge beim Publikum keine ­Berührungsängste, zumal in schnellen Netflix-Zeiten?
Ich bin selbst ein Netflix-Kind und halte viel von diesen neuen Erzählformen der Streaming-Anbieter. Aber es ist eben ein enormer Unterschied, ob man sich etwas auf dem Fernseher anschaut oder dieses Erlebnis gemeinsam mit anderen Menschen im Kino teilt. Ich möchte das Publikum wieder auf lange Geschichten, in denen viele Aspekte vertieft werden können, hungrig machen. Nach meiner Einschätzung hat unser Film keine Längen, ich wüsste auch gar nicht, wo man ihn hätte kürzen können. Ursprünglich hatten wir eine Spielzeit von fünf Stunden, die hat mein Editor Philipp Thomas dann auf knackige drei Stunden heruntergeschnitten.

Kleine Anspielungen im Film schicken das Publikum fast auf eine kleine Schnitzeljagd. Was hat es mit der Telefonnummer von Reinhold zu tun, die ganz groß auf einem Zettel zu sehen ist?
Bei der Telefonnummer von Reinhold handelt es sich um ein Easter Egg, einen heimlichen Hinweis auf den Roman. Solche Anspielungen finden sich immer wieder im Film. Seien es Autokennzeichen oder die Zahlen auf dem Sträflingsanzug von Francis. Auch der deutsche Pass, den Francis bekommt, hat eine kleine Überraschung: Sein Nachname, Cabeza de castor, ist das portugiesische Wort für Biberkopf.
Die Migranten im Film sind durchweg kriminell, auch Francis neigt zur Gewalt, obwohl er den Wunsch nach einem besseren Leben hat. Kann man sich solche politische Unkorrektheit leisten, wenn man wie Sie, selbst einen Migrationshintergrund hat?
Eines unserer Vorbilder bei dem Projekt war „Scarface“ von Brian de Palma. Darin geht es um einen kubanischen Flüchtling, der alles andere als gut ist. Trotzdem ist dieses Werk so wichtig für die Filmgeschichte, weil er etwas über die Zerrissenheit in einem Land erzählt. Die Figur ist nicht positiv besetzt, dennoch leidet man mit ihr und versteht ihr Handeln. Solange wir nicht behaupten, die Kriminalität hätte etwas mit der Mentalität von Migranten zu tun, sondern zeigen, dass sie etwas mit den äußeren Umständen zu tun hat, finde ich diese Darstellung legitim.

Was halten Sie von Fassbinder, der den Stoff zuvor als Mehrteiler verfilmte? Was würde er über Ihre Version sagen?
Ich mag Fassbinder, aber ich bin kein Fan-Boy. Fassbinder war ein Punk, ich bin in den 90er Jahren groß geworden und meine Attitüde ist Grunge. Damit verbindet uns eine gemeinsame Basis. Ich glaube, Fassbinder hätte sich bei unserem Film gut unterhalten. 

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Interview Dieter Oßwald
Fotos Entertainment 0ne

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