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Er begann seine Regie-Karriere mit Werbefilmen und Musikvideos. 2004 gehörte Yorgos Lanthimos zum Team, das die Eröffnungs- und Abschlussfeier der Olympischen Spiele in seiner Heimat Athen entwarf. Mit „Dogtooth“ gelang dem Griechen 2009 der Durchbruch. Neben der Einladung nach Cannes gab es eine Nominierung für den Oscar sowie etliche nationale Filmpreise. Für „Alps“ folgte in Venedig ein Drehbuchpreis. Mit „The Lobster“ holte Lanthimos den Europäischen Filmpreis sowie eine weitere Oscar-Nominierung. Für sein jüngstes Drama „The Killing of a Sacred Deer“ mit Nicole Kidmann und Colin Farrell gab es in Cannes einen weiteren Drehbuchpreis.
Herr Lanthimos, um einen Dialog des Films aufzugreifen: Was wäre Ihr Geheimnis, das Sie noch niemandem verraten haben?
Ich habe keine Geheimnisse! Ich habe alles in den Film gesteckt! (lacht)

Die Dialoge wirken auffallend künstlich. Was steckt dahinter?
Das würde ich so gar nicht sehen. Unsere Dialoge könnten durchaus in dieser Form im wirklichen Leben stattfinden. Aber wenn man Texte gestalterisch für einen Film zusammenfügt, scheinen sie bisweilen anders zu klingen als in der Realität. Ich hatte jedenfalls nicht die Absicht, die Dialoge bewusst künstlich ausfallen zu lassen, um damit eine Distanz zu schaffen.

Wie groß war die Absicht, das Publikum zu verunsichern?
Es war nie mein Plan, die Zuschauer zu verunsichern. Für mich und meinen langjährigen Co-Autor Efthymis Filippou beginnt ein Projekt immer mit der Frage, welche Themen uns interessieren. Dann suchen wir nach möglichen Geschichten, Situationen und Konflikten, die sich daraus ergeben könnten. Ich finde es spannend, menschliches Verhalten und Beziehungen zu hinterfragen. Wobei ich dem Publikum ausreichend Raum lassen möchte, die aufgeworfenen Debatten selbst fortzuführen. Ich stelle nur die Fragen, die Antworten soll der Zuschauer selbst finden. Wenn das zur Verunsicherung führt, umso besser. Das wäre eine großartige Reaktion.
Was war der Auslöser für diese Geschichte?
Unsere erste Idee war es, dass ein Junge die Kontrolle über einen erfolgreichen, gebildeten und selbstbewussten Erwachsenen übernimmt. Der Teenager findet einen Weg, das Leben seines Opfers vollständig zu verändern. Die Themen „Rache, Schuld und Gerechtigkeit“ spielen eine sehr große Rolle, aber das stand zu Beginn des Projektes für uns gar nicht fest. Das hat sich alles aus der Struktur allmählich so entwickelt.

Können Sie sich vorstellen, ähnliche Rache-Phantasien zu entwickeln, wenn ein nahestehender Mensch zu großem Schaden käme?
Das kann ich nicht sagen. Deswegen haben wir diesen Film gemacht. Ich habe keine Antworten, wenn ich solche Geschichten entwickle. Wir suchen in der Story nach einer möglichst extremen Situation und bringen sie zu einem Punkt, in dem nichts mehr weitergeht. Dann beginnen die Fragen. Doch die muss jeder für sich selbst beantworten. Meine persönliche Meinung ist dabei völlig unwichtig.

Bieten griechische Tragödien die besten Vorlagen für Kinostoffe?
Wir hatten nie eine griechische Tragödie im Kopf. Erst im Verlauf des Schreibens wurde uns klar, dass es gewisse Ähnlichkeiten mit der griechischen Tragödie gibt. Es ist faszinierend, dass solche Fragen um Schuld und Sühne die Menschen seit antiken Zeiten beschäftigen. Und bis heute scheint es keine schlüssigen Antworten darauf zu geben.

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Was hat es eigenlich mit dem Titel Ihres Filmes auf sich?
Die Titel unserer Filme haben nie eine eindeutige Bedeutung. Auch hier handelt es sich mehr um eine Assoziation. In der „Verginius“-Tragödie wird zu Beginn der heilige Hirsch eines Gottes getötet, was schließlich die ganze Geschichte auslöst. Ich finde, das passt assoziativ recht gut zu einem Film, der ebenfalls von Opfer und Tod handelt.

Welche Rolle spielt der Humor für Sie?
Ohne Humor kann man solch eine Geschichte gar nicht erzählen. Ohnehin habe ich eine prinzipielle Abneigungen gegen alles, was sich selbst zu ernst nimmt – insbesondere Filme. Man muss über sich selbst und seine Arbeit lachen können, erst dadurch wird die Lächerlichkeit bestimmter Situationen sichtbar. Auch in den größten Dramen gibt es immer Lächerliches und Absurdes zu entdecken, wenn man in gewisser Distanz darauf blickt. Genau dieser Abstand ist notwendig, um den richtigen Blick auf die Dinge zu bekommen.

Es ist faszinierend, dass solche Fragen um Schuld und Sühne seit antiken Zeiten die Menschen beschäftigen

Wie kamen Sie bisher auf Ihre Besetzung der Rollen?
Mit Colin Farrell war es relativ einfach, wir hatten uns bereits bei „The Lobster“ sehr gut verstanden. Für den Darsteller des Teenagers haben wir hunderte Kandidaten angeschaut, bis wir schließlich mit Barry Keoghan die perfekte Besetzung fanden – ich weiß nicht, wie der Film ohne ihn geworden wäre. Mit Nicole Kidman schließlich wollte ich schon lange arbeiten. Ich schickte ihr das Drehbuch und nur wenige Tage später kam die SMS: „Ich bin dabei!“
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Was macht nun mehr Vergnügen bei der kreativen Arbeit? Das Schreiben oder das Inszenieren?
Offen gestanden gar nichts. Alles ist mit viel Stress und Quälerei verbunden. Lediglich ganz zu Beginn eines Projektes gibt es jenen Moment, wo man glaubt, eine gute Idee zu haben. Und dass sich daraus etwas Interessantes entwickeln lassen könnte. Da hofft man, es wird ganz großartig. Aber natürlich entstehen bei der Umsetzung schnell viele Probleme. Man beginnt mit dem Dreh und stellt fest, dass man längst nicht so viel Geld und Zeit zur Verfügung hat, wie man dachte. Egal, ob das Budget größer wird, es reicht nie aus. Allerdings gibt es immer wieder kleine Momente, die man genießen kann. Es ist ein gutes Gefühl, wenn das ganze Team auf deiner Seite steht.
War die Arbeit bei Ihren ersten Filmen eigentlich vergnüglicher?
Meine ersten Filme in Griechenland habe ich mit nur fünf Freunden gedreht. Wir haben nicht viel gebraucht. Wir hatten alle Freiheiten, das zu tun, was wir wollten. Jeder hat mitgemacht, weil er das Kino liebte. In einer professionellen Struktur sieht das anders aus. Klar, hat man mehr Geld. Aber nun sieht das Team die Arbeit vor allem als Job. Und mehr als vertraglich vereinbart mag keiner leisten. Die Flexibilität wird dadurch schon spürbar eingeschränkt.
Sie stehen bei Festivals regelmäßig auf dem Siegertreppchen. Welche Rolle spielen Preise für Sie?
Es ist schön, Preise zu bekommen. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass solche Entscheidungen von einer Handvoll Leuten in einer Jury getroffen wird. Ob man deren Geschmack getroffen hat, bleibt Glücksache. Insofern sind Preise kein Gradmesser für Qualität. Allerdings ist es wunderbar, wenn Leute, die man schätzt, die eigene Arbeit auszeichnen. Das verschafft einem Film mehr Aufmerksamkeit und hilft mir, mein nächstes Projekt zu realisieren. Preise sind also wichtig – aber ich nehme sie nicht allzu ernst.

Text: Dieter Oßwald
Fotos: Alamode

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