Noch immer ist Sexismus tief in der Gesellschaft verankert: Die Initiative #MeToo kam vor allem durch die ans Licht gekommenen Taten des Hollywood-Produzenten
Harvey Weinstein ins Rollen. Unter anderem erhoben Schauspielerinnen wie Uma Thurman und Salma Hayek ihre Stimmen. Die Debatte schwappte über.
Auf der ganzen Welt teilen Frauen ihre Geschichten im Netz.

Die Indie-Rock-Sängerin Kate Nash stellt in ihrem Song „Rap For Rejection” die Fragen: „You’re trying to tell me sexism doesn’t exist? If it doesn’t exist then what the fuck is this?” Auch in meinem Kopf sind jene Fragen hängen geblieben. Vor allem in Zusammenhang mit Erfahrungen der sexuellen Gewalt, auf die ich gut hätte verzichten können. #MeToo – auch ich reihe mich in die Debatte ein:
Nach einem Treffen mit alten Freunden in einer Berliner Bar laufe ich die Friedrichstraße hoch zum Bahnhof. Am Bahnsteig steht ein Mann mit einem Fliegenlandeplatz auf dem Kopf in kariertem Hemd. Er starrt mich an, hat keine Scheu, mich langsam von oben bis unten mit sexuellem Blick zu mustern. Verunsichert ziehe ich mein Ticket am Automaten, versuche mich abzulenken, denke an die Anekdoten meiner Freunde. Die Bahn fährt ein. Mit zittriger Hand drücke ich den grün aufleuchtenden Knopf. Die Tür öffnet sich. Beim Überschreiten des Übergangs zwischen Bahnsteigkante und Zug schubst mich jemand von hinten und greift mir mit voller Wucht in den Schritt. Es tut weh, ich verliere das Gleichgewicht und stürze in den Wagon. Es ist der Kahlkopf. Er dreht sich ab. Als hätte er nichts getan, läuft er den Gang entlang, ausschauhaltend nach einem Sitzplatz. Mir bleiben die Worte im Hals stecken. Ich kann nicht schreien, auf seine Tat aufmerksam machen. Viel zu tief sitzen der Schock und die Demütigung. Keiner der Fahrgäste schreitet ein, fragt mich, ob alles in Ordnung ist.
In Braunschweig erfahre ich ebenso Sexismus, sei es verbal oder physisch. An einem Sommernachmittag laufe ich die Straße entlang. Ein Taxi fährt hupend mit heruntergekurbeltem Fenster an mir vorbei. Der Fahrer brüllt: „Ey Süße, steig ein und wir haben Sex.“ Als ich später einer Freundin davon berichte, entgegnet sie nur: „Gehst du in kurzer Hose und Top auf die Straße, ist es deine Schuld.“ Diese Antwort beweist: Auch Frauen sind sexistisch, indem sie meinen, sie müssten sich anders anziehen, anders verhalten, ansonsten seien sie selbst schuld, wenn sie der Gewalt zum Opfer fielen. Im Netz regen sich Menschen auf, Frauen bekämen Komplimente in den falschen Hals. Sexuelle Gewalt ist kein Kompliment.
Lange vor #MeToo, Anfang 2013, initiierte die Medienberaterin und Feministin Anne Wizorek die #aufschrei-Debatte, durch die ein Sturm im deutschen Netz ausbrach. Betroffene machten sich Luft, indem sie ihre Erfahrungen mit alltäglichem Sexismus posteten. Nach einiger Zeit verstummten die Stimmen und medialen Berichte. Unter #MeToo kommt der Diskurs zurück, noch weitreichender als zuvor. Von überall auf der Welt twittern Betroffene. Nicht zu vergessen: Auch Männer leiden unter Sexismus, Menschen werden zu Opfern, die durch rassistische oder homophobe Chauvinisten angegriffen werden. Die Übergriffe weiten sich auf sozialen Plattformen in Form von Hate-Speech aus. Es ist nicht ausreichend, #MeToo im Sexismus-Kontext zu betrachten. Der Begriff muss ausgedehnt werden, um jede alltägliche Gewalt online sowie offline zu umfassen.

DH Anne Wizorek Medienberaterin Autorin und Feministin Copyright Kristin Schaper Art

DH Twitter Anne Wizorek Aufschrei Art

Sexismus und Hass erreichten auch Wizorek. Im Interview spricht sie darüber:
Anne, die mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete Initiative #aufschrei sowie die Initiative #ausnahmslos machten dich bekannt. Was hat es mit den Debatten auf sich?
#aufschrei war eine Ad-hoc-Kampagne, um Alltagssexismus und sexualisierte Gewalt sichtbar zu machen. Das ist damals aufgrund eines Blog-Posts auf kleinerdrei entstanden, in dem eine Autorin von uns ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung auf der Straße geschildert hat. Das hatte so eine große Resonanz, weil es auch derzeit in den Medien ein Thema war, dass wir das Ganze auf Twitter weitertrugen. #Ausnahmslos war eine Aktion mit 21 anderen Aktivistinnen als Reaktion auf die rassistisch geführte Debatte um die sexuellen Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof, weil wir gemerkt haben, dass feministische Positionen stark vereinnahmt worden sind, um pauschal gegen geflüchtete Männer zu hetzen.

Auf welchen Plattformen im Netz ist Hate-Speech besonders verbreitet?
Im Grunde ist keine davon ausgeschlossen. Aber ich glaube, am Ende ist es auf Facebook und Twitter am schlimmsten. Es ist ein Problem, dass Kommentardiskussionen entsprechend ausufern.
Welche gravierenden Beispiele fallen dir ein?
Besonders beängstigend ist es, wenn persönliche Daten von Personen, die tatsächlich von Hassattacken betroffen sind, weitergegeben werden. Dabei werden die Adresse und die Telefonnummer gepostet mit der klaren Ansage: „Geht doch da mal vorbei und …“. Bis hin zu dem Phänomen des swattings, was oft in den USA passiert. Dabei ruft eine Person anonym bei der Polizei mit der Behauptung an: „Die Person XY plant einen Terroranschlag.“ Eine weitere Strategie ist, Einzelpersonen konstant zu belästigen, zu bedrohen, zu beleidigen und dafür zu sorgen, dass sie ihre Jobs verlieren.

Hast du selbst schon einmal etwas Derartiges erleben müssen?

Ich habe gerade im Jahr 2016 noch einmal sehr starke Angriffe über Twitter bekommen und habe dann auch mit einer Anwältin diskutiert, welche Schritte man überhaupt gehen kann. Unter anderem, weil auch meine Familie bedroht wurde. Ich musste aber feststellen, dass das deutsche Rechtssystem zu jenem Zeitpunkt noch nicht so up to date war. Am Ende wurde die Sache eingestellt. Das ist ein ziemliches Scheiß-Gefühl. Ich habe neulich erst festgestellt, dass es eine Person gibt, die mich seit mittlerweile zehn Jahren verfolgt. Damals gab es den Begriff Shitstorm noch gar nicht. (lacht)

Welche Auswirkungen haben Angriffe im Netz auf die Betroffenen?
Sie leiden unter Panikattacken, Suizidgedanken und Essstörungen. Dann entsteht diese Schere im Kopf, die Selbstzensur. Das geht so weit, dass sich Leute komplett zurückziehen und gar nichts mehr schreiben. Dadurch können gerade wichtige Stimmen verloren gehen.
DH Instagram Uma Thurman Art

Wie gehst du mit den Hassnachrichten um, die dich erreichen?

Ich lasse mittlerweile meinen Twitter-Account von einem guten Freund filtern. Das funktioniert für mich persönlich sehr gut, weil ich mich so wieder auf das Wesentliche konzentrieren kann.

Was ist zu tun, wenn die Kommentare zu geballtem Hass werden und sich in der Form von Stalking oder Drohungen niederschlagen?

Für mich gilt dann: Erst mal das Internet ausmachen! Einfach spazieren gehen, was Schönes erleben.
Wie kann ich helfen, wenn ich Zeuge einer solchen Situation werde?
Zunächst gilt es, die Plattform anzusprechen. Die betroffene Person kann man fragen: „Wie kann ich dir jetzt helfen? Was würde dir jetzt am meisten gut tun?“

Also sollte die Person gefragt werden, ob sie überhaupt Verteidigung möchte?
Ja, genau. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es manchmal gar nicht hilft, wenn Leute dazukommen, die dich eigentlich unterstützen wollen. Es kann helfen, die Person nicht in ihrer Betroffenenrolle zu thematisieren, sondern besondere Fähigkeiten hervorzuheben. Zum Beispiel: „Ich schätze Person XY, weil sie ihre Arbeit gut macht“, und dann einen Link dazu.

Die Debatten und Beispiele beweisen: Wir sind nicht alleine. Zahlreiche Menschen fallen sexueller Gewalt und Hate-Speech zum Opfer. Uma Thurman auch, Salma Hayek auch, Studentinnen auch, Mütter auch, Homosexuelle auch, Flüchtlinge auch, Anne Wizorek auch, ich auch – wir auch! Ob #MeToo etwas bewegen und den Sexismus und Hass bekämpfen wird oder ob Harvey Weinstein, Trump und Co. weiterhin ungeschoren davonkommen, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass die Initiativen #MeToo und #aufschrei Anreize bieten, daran anzuknüpfen, die Gesellschaft für diese Themen zu sensibilisieren und Mehr Respekt und Zivilcourage einzufordern.
DH Twitter Salma Hayek Art

Text: Kristin Schaper
Fotos: Matthew Brodeur/StockSnap.io, Kristin Schaper

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