Kennt ihr eigentlich schon...

… Kulturaktivist Markus Wiener?
NW Markus Wiener Tanja Hirt art
Als erster Vorsitzender des Vereins KufA e.V. „Kultur für Alle“ Braunschweig mit Zentrale im neuen städtischen soziokulturellen Zentrum am Westpark, besser bekannt auch als KufA Haus, kümmert sich Markus Wiener um Marketing, Personalplanung und die Koordinierung der Ereignisse im KufA Haus. Eigentlich ein Schreibtischhengst wie er im Buche steht – immer mit dem Ziel, die unabhängige Kulturszene in der Stadt zu bereichern, zu fördern und tolerant, offen und für jedermann erschwinglich auf die Bühne zu bringen. Der Weg bis zur Eröffnung des Zentrums im September 2019 (LINK: https://subway.de/magazin/leben-raum/im-westen-was-neues), dessen Geschäftsleitung der gelernte Kaufmann für Kommunikation und Marketing sich heute mit Oliver Ding und Bernd Müller teilt, war lang und streckenweise auch unklar. Viele lange Jahre mussten Markus und der KufA-Verein unter Schweiß und Tränen um Anerkennung und Unterstützung ihrer Arbeit kämpfen, die doch immer schon fundamental das Leben der Stadt, insbesondere des Westens, geprägt haben. Seit jeher ist er auch persönlich eng mit Braunschweigs Westen und dessen Kultur verbunden. Seit den 80ern hat er Konzerte veranstaltet, viele Jahre auch im JuZ Drachenflug, und Künstler aus aller Welt auf die Bühne gebracht, darunter Kultbands wie Agnostic Front, The Distillers oder Sham 69 in Clubs wie Meiers, in einstigen In-Locations wie Tempel X, Meier Music Hall, Lulu Bar, Café Zentral pder Tegtmeyer. 2009 dann mit der Initiative „Kulturschaufenster“ mit der Stadtteilarbeit im Westlichen begonnen, die 2013 in die Vereinsgründung KufA mündete. Die Errichtung des KufA Hauses geht auch auf die „Initiative neues FBZ“ zurück, bestehend aus diversen Kulturschaffenden, in Gang gebracht durch den Silver Club, mit dem Ziel, ein neues Kultur- und Veranstaltungszentrum in Braunschweig zu platzieren. Dass er heute mehr mit Telefon und Tastatur arbeitet als mit Kabeltrommel und Flaschenöffner – angekommen im Braunschweiger Establishment, wenn man so will – hätte sich der inzwischen 52-Jährige sicher als junger Mann sicher noch nicht träumen lassen, als er als junger Mann zwischen Jobs am Band, im Lager und auf dem Bau in Braunschweigs 80er-Jahre-Punkszene rumgetrieben, Kneipen und Konzerte besucht, Kontakte mehr in den Subkulturen, als im bürgerlichen Mainstream geknüpft hat. Die Arbeit im KufA Haus ist nun die logische Konsequenz seiner Laufbahn, Dort gibt es gibt diverse Veranstaltungsformate, darunter Konzerte, Kleinkunst, oder Musicals. Das Zentrum ist offen für Workshops, Seminare und Privatfeiern. Musikalisch sind die Partys geprägt von Alternative über Metal, vorbei an Jazz und Ska bis zu Elektro –  alles jenseits des Mainstreams, das in Beton manifestierte. Resultat eines Lebens abseits getrampelter Pfade. Denn wie hieß es doch einst immer so schön? Das System von innen verändern.
Was schätzt du an Braunschweig? 
Ich bin hier geboren und wollte auch niemals weg, schon gar nicht nach Berlin – es gab ja mal so eine Welle, da wollten alle nach Berlin. Ob ich in Hamburg, Berlin oder sonst wo zu Besuch war, wieder angekommen in Braunschweig war die Freude immer groß. Braunschweig hat Großstadt-Flair, ist dabei aber recht übersichtlich, familiär, bietet Potential für diverse Veranstaltungsformate und vor allem umgeben von viel Natur und alles lässt sich bequem mit dem Rad erreichen.

Warum ist dir die Kultur in der Stadt so wichtig?
Kultur ist Ausdruck der Stadt und im Allgemeinen überall wichtig, wo Menschen leben. In all ihren Facetten bringt sie Menschen zusammen, bildet, belebt wertet auf, bietet Anreize und sorgt letztendlich für Bewegung, solange sie erfahrbar für alle Menschen ist.

Was gefällt die besonders am Westlichen?
Der größte Stadtteil in Braunschweig mit Historie als Industrie- und Arbeiterviertel. Ein lebendiger Stadtteil voll Potential, mit Ecken und Kanten und vor allem noch günstigem Wohnraum.

Ist das westliche Ringgebiet dabei, das neue Östliche zu werden?
Jetzt male den Teufel nicht an die Wand! Gentrifizierung und Verdrängung sind logische Prozesse. Da sollte man sich nichts vormachen. Allerdings blieb es den Menschen im westlichen Ringgebiet, die hier bleiben möchten und hier verwurzelt sind, unter anderem durch das Projekt soziale Stadt bisher weitestgehend erspart, aufgrund von überteuerten Mieten oder Luxussanierungen ihre gewohnte Umgebung verlassen zu müssen.

Kam ein gutbürgerliches Normalo-Leben für dich je in Frage?
Das gutbürgerliche Leben im klassischen Sinne war nie Meins. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und vor allem Respekt sind allerdings – ob nun Normalo oder nicht – Grundvoraussetzung für jedes Zusammenleben oder Zusammenarbeiten.
Zumindest die Gabe, auch in den schwierigsten Situationen wieder etwas Neues entstehen zu lassen – auch ohne finanzielle Substanz – musste man sich erkämpfen. Solche Ereignisse können das Potential zur Improvisation, kreativ und lösungsorientiert zu agieren, positiv beeinflussen.

Bei all dem Auf und Ab in deinem Leben: Bereust du bestimmte Umwege, die du gegangen bist?

Nein. Heute ist ja eine klare Linie erkennbar. Holprige Wege oder extreme Steigungen auf unbekanntem Terrain zu meistern, ist immer auch ein Erfahrungswert, der sich produktiv nutzen lässt. Für mich war dabei immer wichtig, gesellschaftliches Engagement und Berufung zu verbinden, als Realist und Lebenskünstler.

Wie viel Punk steckt heute noch in dir?
Neben der Musik, die ich immer noch höre und die zu meinen Wurzeln gehört, hat mich explizit der DIY-Gedanke beeinflussest und maßgeblich zu meinem Status Quo beigetragen. Ansonsten gilt: „feel the roots, see the future“.

Damals Subkultur, heute Zusammenarbeit mit der Stadt. Hättest du dir das mal vorstellen können?
Ohne finanziellen Background wäre Kulturarbeit, auch mit niedrigschwelligen Angeboten, gar nicht möglich, um zumindest kostendeckend arbeiten zu können. Wir können diversen Veranstaltungsformaten, Künstlern, Bands, Projekten und sozialen Initiativen Raum und Support bieten.

Wie wichtig ist es, öffentliches Leben auch selbst mitzugestalten, wenn man etwas ändern will?
Anders geht es gar nicht. Vor allem ist es wichtig, die Möglichkeiten der Mitgestaltung anzubieten und gegebenenfalls weiter zu fördern und auszubauen.
Heute gibt es ja eigentlich keine richtigen Subkulturen mehr. Stört dich das?
Den Begriff Subkultur halte ich für etwas altbacken. Es gab immer Gruppen von Jugendlichen, die sich über Kleidung, Style, Tanz, Musik und auch politische Ausrichtung definiert haben, zum Beispiel Hip-Hop, Punk, Psychobilly, Skinheads, Mods, Rocker, Metaller und so weiter. Und die wird es auch immer geben. Die wilden Cliquen, die in der Weimarer Republik bis in die Zeit des Faschismus aktiv waren, waren „Gangs“ von Arbeiterjugendlichen, die sich selbstorganisiert und eigene Kluften und Klamotten entworfen haben. Die haben sich von den eher bürgerlichen Wandervögeln, Pfadfindern oder von den politischen Jugendorganisationen wie Falken und so weiter bewusst distanziert, aber gerne und oft der Hitlerjugend ordentlich den Arsch versohlt. Man könnte sagen, das waren die Punks der 20er und 30er Jahre.

Weißt du heute noch, was bei dem jungen Leuten so abgeht?
Als Veranstalter und Leiter eines Kulturzentrums bleibt man automatisch auf dem Laufenden, sollte es zumindest bleiben. Neue Ideen und Strömungen sind wichtig, beeinflussen und beleben letztendlich programmatisch-konzeptionell.

Welcher Jugendtrend verstört dich am meisten?
Abhängen, wenig Eigeninitiative und Lethargie. Das gab es aber eigentlich mehr oder weniger schon immer. Es hängt, wie so vieles, meist mit der sozialen Herkunft zusammen, inwieweit Trends und Engagement gewollt oder praktisch funktionieren. Auf der anderen Seite gibt’s ja auch wieder einen Trend, sich aktiv zu engagieren, zum Beispiel Fridays for Future.
NW Markus Wiener art
Vermisst du das Pre-Social-Media-Zeitalter?
Aus Veranstaltersicht: Heute ist es fast unvorstellbar, aber damals, bis weit in die 90er, lief alles per Telefon, Post oder man hat sich persönlich getroffen, der Anrufbeantworter war auch erst spät am Start und alles hat funktioniert. Vernetzung und Info lief über die dementsprechenden Printmedien, Fanzines, Mags und über Szenetreffpunkte. Diese „pre-digitale“ Zeit intensiv erlebt zu haben, bietet Vorteile.

Wurde früher anders gefeiert?
Es wurde vielleicht unbedarfter gefeiert. Feiern ist immer noch wichtiger Bestandteil und Bedürfnis von Menschen, um sich in angenehmer Atmosphäre auszutauschen. Unabhängig vom Alter!

Gehst du selbst noch feiern oder fühlst du dich zu alt?
Klar! Ist man jemals zu alt dafür? Es kommt nur drauf an wie. Man ist etwas ruhiger und reifer geworden.

Hast du Angst vorm Älterwerden?
Nein! Im Gegenteil.

Du hast dich jahrelang für den KufA-Verein engagiert und aufgeopfert. Das KufA Haus ist nun endlich die Belohnung vieler Jahre harter Arbeit… Was ist das für ein Gefühl?
Obwohl die Arbeit professionell läuft, hat es etwas gedauert, sich darüber bewusst zu werden. Zum einen die zu stemmende Verantwortung, zum anderen aber auch das Wissen, dass sich das Engagement und die Hartnäckigkeit all der Jahre gelohnt hat.

Du hast immer schon Konzerte veranstaltet. Eine Anekdote aus all den Jahren?
Da gibt es sehr viel zu berichten. Wir hatten fast die ganze Welt zu Gast und viele von den Künstlern in den Anfangszeiten sogar privat untergebracht. Panteon Rococo, Karamelo Santo, Dritte Wahl, But Alive, Dr. Ring Ding, The Hotknives, No Sports, The Butlers, 999, DOA, King Khan and the Shrines, Steakknife, Spitfire, La Vela Puerca, Che Sudaka, Prong, Unearth, The Toasters, The Ex, The Offenders, The Last Gang, Bernadette la Hengst, Sham 6 – um nur einige zu nennen. Eine Story vielleicht: The Distillers und Agnostic Front sollten im Tempel X spielen. Die Distillers kamen schon eine Nacht vor der Show in Deutschland an, doch die geplante Unterbringung in Frankfurt hat aus irgendwelchen Gründen nicht funktioniert. Auf Bitte der Agentur haben wir die Band dann spontan privat untergebracht und einen wirklich netten Abend gehabt.
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Musik hat in deinem Leben immer eine ganz große Rolle gespielt. Was hörst du Zuhause?
Mein Musikgeschmack ist breit gefächert und verwurzelt. Mit zwölf hat mich die Jazz- und Rock’n’Roll-Singlesammlung meiner Eltern beeinflusst. Dann kamen Punk, 2Tone-Ska, Reggae, NDW, New Wave und alles, was gerade angesagt war hinzu, später Hardcore, Metal, Crossover und Hip Hop. Heute sogar auch Klassik und elektronische Klänge.

Und was hörst du zum Runterkommen?
Zum Runterkommen höre ich selten Musik. Da brauche ich eher absolute Ruhe.

Wie muss ein unvergesslicher Konzertbesuch ablaufen?
Das goldene Dreieck: Gäste, Künstler und Veranstalter sind zufrieden und kommen gerne wieder.

Was ist deine krasseste Konzerterinnerung?
Ganz lange her, Ende der 90er Jahre: Ein für Security-Mitarbeiter läuft am Ende des Konzertes gezielt auf den Sänger einer britischen Punkband zu und überschüttet ihn mit den Inhalt eines Kochtopfes. Darin befanden sich nicht nur die Reste vom Catering (Curry, vegan) – der Sänger hatte vor dem Konzert auch hinein geschissen. Das Ergebnis seiner Kreation wurde ihm zu Recht nicht vorenthalten.
Dein Tipp für zu viel Corona-Freizeit?
Zu viel Freizeit hatte ich lange nicht, auch jetzt nicht zu Corona-Zeiten. Im Gegenteil, man kommt jetzt zu Projekten, für die sonst keine Zeit war.

Was würdest du tun, wenn du nie wieder arbeiten müsstest?
Es gibt immer etwas zu arbeiten, solange es etwas zu bewegen gibt!

Was machst du zum Ausgleich?
Natur pur! Die erdet ungemein, entspannt und schärft den Blick für das Wesentliche. Wandern, Radtouren oder auch Kochen, gerne vegetarisch oder vegan aber, auch mal mit Fleisch.

Dein Rezept für mehr Weltfrieden?
Ein wirkliches Rezept gibt es glaube ich nicht. Aber Respekt und Toleranz sind die Grundsubstanz für eine solidarische Gesellschaft. „Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten“, hat Albert Einstein mal gesagt.

Interview Benyamin Bahri
Fotos Tanja Hirt, Markus Wiener

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