Ein vagabundierender Dialog über menschliches Gruppendasein.
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Manchmal fühlt man sich ja sogar verbunden, wenn irgendjemand im Ausland auch ein deutsches Kennzeichen hat. Einfach so, aus einem völlig absurden Nationalbewusstsein heraus“, lacht Irmela und stolpert dabei fast über eine Baumwurzel, als wir an diesem Mittwochnachmittag auf zwei Meter Abstand mit koffeinhaltig gefüllten Thermoskannen durch den Bürgerpark flanieren. Unser Gespräch hat bereits eine lange Reise hinter sich, von Corona-Maßnahmen über die Reisewarnung bis hin zu Auslandsaufenthalten. Ich lache mit und lasse mich für einen Moment von meinen Gedanken forttragen. Wie Recht sie doch hat! Ob Abiturjahrgänge, WhatsApp- oder Freundesgruppen, der Sportverein, Serienjunkies oder die eigene Familie – verbindende Elemente und daraus entstehende Grüppchen gibt es haufenweise. Der Mensch, so kommt es mir vor, ist ein absolutes Herdentier.
Als ich diesen Gedanken laut ausspreche, schließt sich meine langjährige Studienfreundin meinem Einwurf und dem damit verbundenen Themenwechsel prompt an.

„Der Feind meines Feindes ist ja bekanntlich mein Freund“

„Und wie!“, pflichtet sie mir bei. „Der Mensch ist ein soziales Tier und eine Herde zu haben ein Grundbedürfnis. Kein Wunder, immerhin ist man in der Gruppe viel sicherer. Man will halt dazugehören“, schmunzelt sie. „Je nachdem, wie das aussieht. Irgendwann kommt der böse Gruppenzwang oder eine unliebsame Gegengruppe“, kontere ich und bleibe stehen, um das tobende Spiel von Mann und Hund auf der großen Wiese zu beobachten. Irmela tut es mir gleich. Ein weiterer Hund schwänzelt mit seinem Besitzer auf der Wiese herum. Die Besitzer grüßen höflich, die Hunde beschnüffeln sich interessiert. Nach kurzer Zeit fangen beide laut an zu kläffen. Mit belustigter Miene ergänzt Irmela, mit dem Kopf gen Hund deutend: „Und sogar dann, wenn andere Gruppen irgendwie ähnlich sind, will man sich abgrenzen. Ein bisschen wie an der Uni. Manche Studienfächer hängen eng zusammen, haben tausend Überschneidungen, gerade auch in den Geisteswissenschaften. Trotzdem definieren sich viele über den eigenen Studiengang und sind der Meinung, andere kommen aus einer völlig anderen Lebenswelt. Warum auch immer“.
„Meinst du nicht, das legt sich nach dem Studium?“, hake ich nach.
Sie wiegt den Kopf hin und her. „Vielleicht. So oder so wird das Studium immer eine Gemeinsamkeit sein, die auch andere vom gleichen Schlag anzieht. Gemeinsamkeiten sind für Gruppenbildung sowieso Gold wert. Genau darunter leidet die Diskussionskultur immer wieder. Und eh man sich versieht, ist man in seiner homogenen Blase gefangen und umgibt sich nur mit Leuten aus dem gleichen Milieu, die eh ähnliche Meinungen vertreten. Es stimmt doch schon, dass man sich hinter so einer Gruppenmeinung ganz hervorragend verschanzen kann.“ „Leider ja“, brumme ich.
„Deshalb ist es auf Demos auch so einfach, Parolen mitzugrölen, selbst, wenn man nur bedingt dahintersteht oder sie selber sowieso nicht lebt.“ „Da kommt mir der G20-Gipfel in den Sinn. Schon gruselig, zu was Leute im Stande sein können, wenn sie den Puls der Gruppe spüren und dazu noch vermummt sind“, kommentiert Irmela und schiebt die Ärmel ihrer Jacke hoch. Ich nicke, die Sonne brennt, also öffne ich den Reißverschluss meiner Jacke. „Ich glaube, weniger radikale Formen davon gibts aber auch im Alltag. Dass man sich als Gruppe irgendwie in etwas hineinsteigert, obwohl es eigentlich gar nicht den eigenen Standpunkt trifft ... Hat bestimmt auch mit Gruppenzwang zu tun.“ „Mit Sicherheit!“, erwidert sie.
„Mir fällt da noch etwas Anderes zu ein. Als ich aufgehört habe, Alkohol zu trinken. Irgendwie kam niemand wirklich darauf klar, alle waren total verstört: Bist du etwa schwanger? Mit dem Auto da? – dabei habe ich nicht einmal einen Führerschein. Alles nur, weil es den Leuten so schwerfällt, zu glauben, dass man einfach nicht mehr trinken will. Aber inzwischen haben sich eigentlich die meisten daran gewöhnt.“
„Ja“, sage ich, „ich habe mal von so einem Konformitätsexperiment gelesen. Da wurde eine Reihe Schauspieler angeheuert und zusammen mit einem Probanden beauftragt, eine Aufgabe zu lösen. Die Schauspieler kamen einstimmig zu einer offensichtlich falschen Antwort. Der Proband schloss sich in den allermeisten Fällen der falschen Antwort an, eben aus Angst, mit seiner abweichenden Meinung negativ aufzufallen.“
Als wir am Schloss Richmond vorbeilaufen, kommen uns zwei Menschen entgegen, die ebenso wie wir in ein Gespräch vertieft sind. Wir unterbrechen für einen Moment, um hintereinander auf Abstand an ihnen vorbeizuziehen. Dann laufen wir einen Moment still nebeneinander her. „Ich habe mal in einer Vorlesung gehört, dass ein gemeinsames Ziel hilft, damit sich Gruppen annähern. Dort wurde ein Experiment mit zwei konkurrierenden Pfadfindergruppen durchgeführt. Dadurch, dass ihnen aufgetragen wurde, zusammen einen Damm zu bauen, hat sich die starke Antipathie gelöst und es sind sogar Freundschaften entstanden“, nimmt Irmela unser Gespräch wieder auf.
„Leider wäre der Effekt möglicherweise noch stärker gewesen, wenn man eine gemeinsame feindliche Gruppe konstruiert hätte.“

„Deshalb ist es auf Demos auch so einfach, Parolen mitzugrölen“

„Das mag sein. Der Feind meines Feindes ist ja bekanntlich mein Freund“, bekräftigt sie. „Aber es muss ja nicht einmal eine zusammengehörige Gruppe sein, damit sich das Verhalten des Einzelnen zum Schlechteren verändert. Kennst du diese abscheuliche Geschichte über den Mord an Kitty Genovese?“ Irgendetwas klingelt bei mir, aber ich frage lieber nochmal nach: „Bin mir nicht sicher, was war da noch genau?“„Ein ungeheures Beispiel für Verantwortungsdiffusion. Eine Frau wurde vergewaltigt und ermordet und es gab mindestens 38 Zeugen, die alle dachten, jemand anders wird schon irgendetwas unternehmen.“
„Das ist ja echt widerlich, kann ich mir kaum vorstellen“, entfährt es mir ungläubig. „Doch, wirklich. Google mal!“
Als ich später am Handy recherchierte, stellte ich fest, dass sie Recht hatte. Neben einem vielbewohnten Gebäudekomplex von New York wurde die 29-jährige Frau vergewaltigt, ausgeraubt und schließlich erstochen. Eine ganze Menge Menschen hörte den Lärm oder kam sogar vorbei, aber niemandem fiel es ein, ihr wirklich zu Hilfe zu kommen. Als wir am Schloss Richmond vorbeikommen, hat sich die Sonne verzogen und Regenwolken ziehen auf. Es ist bereits nach 17 Uhr, doch noch immer sitzen Eltern mit ihren Kindern auf dem kühlen Gras, unermüdliche Jogger ziehen ihre Runden und versunkene Zweiergespanne schwatzen über dieses und jenes. „Vielleicht ist das mit dem gemeinsamen Ziel ja etwas, das man mal anwenden kann“, sinniere ich.
„Möglich, aber obs auch hinhaut ist eine andere Frage. Würde mich aber mal interessieren. Ich hau dann mal ab, muss noch einkaufen gehen“, verabschiedet sich Irmela.
Nach einem innigen Ellenbogengruß trennen sich unsere Wege. Während ihre Worte noch meinen Gehörgang durchziehen, wundere ich mich, wer wohl die erste Person war, die den vor mir liegenden sandigen Trampelpfad geebnet hat und wieso es ihr wohl so viele weitere gleichgetan haben. 

Text Isabel Pinkowski
Fotos contrastwerkstatt – stock.adobe.de

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