Vom Harem im alten Ägypten bis zur freien Liebe der Hippies: „Vielliebe“, heute gerne als offene Beziehung betitelt, gab es schon immer. Selbst monogam lebende Tiere sind Seitensprüngen nicht abgeneigt. Polyamorie ist die Regel. Auf der anderen Seite ist das Gras wohl immer grüner ...?
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In Zeiten von Tinder und Co. gewinnt das Thema „offene Beziehungen“ wieder mehr an Präsenz – Zeiten, in denen einige Studierende in nur einer Woche parallel das Bett mit drei, vier oder auch fünf unterschiedlichen Personen teilen. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. So lange niemand zu Schaden kommt, ist mir egal, was meine Kommilitonen treiben. Für mich wäre das aber nichts. Ich könnte nicht sofort mit irgendeiner Person ins Bett hüpfen, geschweige denn eine offene Beziehung führen. Bei dem bloßen Gedanken, dass mein Partner mit einer anderen schläft, mit ihr das teilt, was zuvor nur zwischen uns war, zieht sich in mir alles zusammen und eine stechende Übelkeit breitet sich aus. Das ist aber kein Ekel, sondern der Schmerz. Vielleicht bin ich zu konservativ, zu eifersüchtig, zu romantisch oder teile einfach nicht gerne - jedenfalls sexuell nicht. Gut, fremdflirten, woanders Appetit holen, wäre vielleicht noch drin, aber gegessen wird zu Hause. 

„Monogamie ist eine forcierte gesellschaftliche Norm, die keiner hinterfragt“, meint hingegen Kai (Name geändert), Student der Medien- und Kunstwissenschaften. Im Rahmen von Gender Studies setzte sich der 25-Jährige intensiv mit den Themen „Monogamie“ und „offene Beziehungen" auseinander. Mittlerweile bietet er Übungen an der HBK dazu an. Dennoch kann er das schöne Gefühl einer Beziehung, diese Exklusivität, nachvollziehen. Doch eben jenes Empfinden und somit meine Perspektive auf Beziehungen, seien lediglich ein über Jahrzehnte hinweg gesellschaftlich antrainiertes Konstrukt, das gar nicht unserer Natur entspreche. Weshalb sind wir monogam? Ist es möglicherweise auf diese Art leichter, Nachkommen großzuziehen? Bei nur einem Partner bliebe mehr Zeit zum Arbeiten, wirft Kai ein. Zudem habe jeder nur ein Haus und eine Familie und deswegen nur einen Partner, zu dem eine enge Beziehung bestehen sollte. Vor allem diese Bindung fördere und bestätige Identität. Kai glaubt auch, dass Bequemlichkeit eine Rolle spielt, schließlich müsse sich bei nur einem Partner nicht immer wieder neu an andere angepasst werden. Bei unterschiedlichen Partnern schlüpfe jeder in mehrere Rollen, was durchaus reizvoll sei.

Aber wo bleibt die Liebe? Ist Sex mit Gefühlen nicht schöner? „Wie die Kopplung zwischen Liebe und Sexualität eine historische ist, ist auch das Bedürfnis, nur aus Liebe Sex zu haben, eine kulturelle Konvention.“, erklärt Kai. Seiner Meinung nach könne innerhalb sowie außerhalb einer Beziehung der Sex gut aber auch sehr schlecht sein.
Warum eigentlich monogam?
Seit einem Jahr und vier Monaten ist Kai mit seiner Freundin zusammen. Er liebt sie und plant eine Zukunft mit ihr. Trotzdem kann er sich eine offene Beziehung vorstellen. Es liegt nicht daran, dass ihm langweilig wäre oder etwas in der Beziehung fehlen würde. Wenn beide Parteien einverstanden sind, sieht Kai keinen Grund, monogam zu bleiben. Schon vor der Beziehung merkte er, während seiner Tinder-Phase und den Recherchen in Gender Studies, dass eine offene Beziehung für ihn in Betracht käme. Warum sollte nicht mit anderen geschlafen werden, fragt er sich. Es könnte doch genauso gefragt werden: „Warum monogam leben?“, wendet er ein. Weshalb sollten künstliche Barrieren aufgebaut werden, die nichts mit der Beziehung zu tun haben? In manchen Beziehungen dürfe der Kontakt zum anderen Geschlecht nur im Beisein des Partners stattfinden. Genauso könne sich geeinigt werden, dass Sex keine Exklusivität sei. Schließlich habe jeder mehrere Freunde. Er hat Recht. Ich habe auch mehrere Freunde und Freundinnen und alle umarme ich. Doch ist Sex nicht eine ganz andere Hausnummer?

Kai's Partnerin ist noch nicht wohl bei der Sache. Würde sie aber Gefallen daran finden, hätte Kai kein Problem. Es mache ihn froh, wenn seine Partnerin glücklich ist. Darauf kommt es in einer Beziehung an: Sich gegenseitig glücklich machen. Deshalb ist es aber ebenso in Ordnung, wenn sie keine offene Beziehung möchte.

Nur aus LIebe Sex Zu haben, ist Konvention

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In einem polyamourösen Verhältnis müsse offen und ehrlich über alles gesprochen werden, merkt Kai an. Hätte seine Freundin eine rein sexuelle Affäre und würde ihm davon berichten, würde er sich nicht trennen. Bevor Schluss sei, müsste erst sehr viel passieren: Hinter seinem Rücken über ihn lästern, heimliche Treffen oder ein langes Verschweigen könnten Auslöser sein. Ich frage mich: Was, wenn sie Gefühle für ihre Affäre entwickeln würde? Das ist sicher nicht unrealistisch. Romantische Gefühle würden ihn schon stören, gibt er zu, weil diese beziehungsgefährdend seien. Es könne aber über alles gesprochen und Lösungen gefunden werden. Er lacht: „Da bin ich wohl auch noch altmodisch. Ich lege viel Wert auf eine klassische Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen.“
Goldene Regeln und Vielliebe-Typen
Kai sinniert noch über offene Beziehungen, während andere bereits in diesen leben. Manche sprechen bewusst nicht miteinander darüber wann, wo und vor allem mit wem sie Sex hatten. Sie wollen nichts davon wissen. Wiederum gibt es polyamouröse Gruppen, die sich alle untereinander kennen. Sie sprechen offen über jedes Detail, sind teilweise befreundet und feiern Geburtstage zusammen. Dazwischen sind diejenigen Pärchen, die wissen, wann, wo und mit wem ihr Partner Sex hatte, die Affäre aber nie treffen wollen.
Müsste sich Kai für eine dieser Kategorien entscheiden, würde er sich am ehesten der letzten Gruppe zuordnen. Lieber aber würde er im Falle einer offenen Beziehung seine eigenen Regeln für sich und seine Freundin aufstellen. Sex in den eigenen vier Wänden wäre beispielsweise ein Tabu: „Da schwebt zu sehr eine Aura der gemeinsamen Lebenswelt drüber. Zum Glück sind andere Menschen ja auch nicht obdachlos“, schmunzelt Kai. Safer Sex wäre für ihn ebenso eine goldene Regelung: Außerhalb der Partnerschaft müsse immer ein Kondom benutzt werden. Unterdessen wäre aber sowohl Sex mit immer denselben wie auch angefreundeten Personen erlaubt.

Zu einer guten, lang anhaltenden innigen Beziehung gehört so viel mehr als Sex. Spaß, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, aufeinander Acht geben und zusammen alt werden. Ein Traum, den viele innerlich hegen, auch wenn sie es in unserer oft als „Generation Beziehungsunfähig“ abgestempelten Bevölkerungskohorte ungern zugeben. Warum sollten diese Grundbestandteile nicht auch durch eine offene Beziehung erfüllt werden? Vielleicht wäre jenes Beziehungskonstrukt sogar widerstandsfähiger, da jeder seinen Bedürfnissen nachgehen könnte. Vor allem hätten Seitensprünge keine zerstörerische Wucht mehr auf Familien. Es ist Zeit, konservative Beziehungsstrukturen wie „Mutter-Vater-Kind-Haus-Hund-Garten“ weiterzudenken. Ekel und Tabuisierung sind fehl am Platz, wenn es selbst die Bienen tun. Ohne gesellschaftlich geächtet zu werden, sollte jeder für sich entscheiden, ob Vielliebe eine Option ist. Ein Richtig oder Falsch gibt es nicht. Monogamie mag unnatürlich sein, trotzdem halte ich persönlich weiterhin an den ‚antrainierten‘ Konventionen fest. Natürlich kann eine Zweierbeziehung einengender sein, dafür sind die Regeln klar.

Interview Kristin Schaper
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