Studenten zwischen Existenzängsten und Online-Prüfungen: Wie die Corona-Pandemie ihren Unialltag aus dem Gleichgewicht brachte.
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Die Vorstellung, dass Deutschland von einer Pandemie heimgesucht wird, war für viele Menschen so weit weg wie die Aussicht, über Nacht Multimillionär zu werden. Doch im März traf genau das ein, was wir zuvor noch als „Das wird uns schon nicht treffen“ abgetan haben – das Covid-19-Virus hielt auch in Deutschland Einzug. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie folgten im März Schlag auf Schlag: Nach der Schließung öffentlicher Einrichtungen, folgte am 18. März die erste Ansprache der Kanzlerin und am 22. März das Kontaktverbot. Da waren wir nun in unserem ganz eigenen Hollywood-Film. Doch statt Zombie-Apokalypse schürte das Virus eine massenübergreifende Angst vor Klopapier- und Nudelknappheit. Vor wahrhaftige Existenzängste wurden allerdings viele Studenten gestellt. Durch einen Lockdown kann man zwar eine Pandemie eindämmen, doch wie rettet man sich selbst, wenn der (Neben-)Job wegbricht? Denn besonders Studenten, die ihr Studium vorwiegend als Aushilfen, Nachhilfelehrer oder Kellner finanzieren, haben als geringfügig Angestellte keinerlei Anrecht auf Kurzarbeitergeld oder Rettungsgelder.
Auch die 26-jährige Ostfalia-Studentin Özlem sah sich genau dieser Not ausgesetzt, da ihr Job als Barkeeperin in einem Braunschweiger Club wegfiel. „Ich hatte besonders zu Beginn der Corona-Krise Existenzängste, da mein Nebenjob weggebrochen ist und man auch nicht wusste, wie lang sich das nun zieht. Ständig hörte man, dass es Hilfen gebe, aber irgendwie nie wirklich für Studenten. Meine Ersparnisse haben für einen Monat gereicht, danach habe ich beim BAföG-Amt angerufen und gefragt, ob ich einen anderen Nebenjob annehmen darf“, schildert die Studentin für Recht, Personalmanagement und Personalpsychologie an der Ostfalia Wolfenbüttel und tauschte tatsächlich nach fast zwei Monaten ohne Einkünfte die Gastronomie gegen die Verkaufsbranche. Dem 29-jährigen Lehramtsstudent Till ging es da ähnlich: Als freiberuflicher Nachhilfelehrer für Schüler und Senioren hatte er während der ersten zwei Monate der Pandemie so gut wie keine Einnahmen. Nur der virtuelle Nachhilfeunterricht spülte ein bisschen Geld in die Tasche – jedoch zu wenig für die Lebenshaltungskosten. Erfreulicherweise fing ihn seine Familie auf, doch der angehende Lehrer ist sich bewusst, dass sich nicht jeder Student so glücklich schätzen kann: „Hätte ich meine Familie nicht gehabt, hätte ich vielleicht keine andere Wahl gehabt, als auf den Kredit der KfW zurückzugreifen. Doch man verschuldet sich während des Studiums sowieso schon durch das BAföG, wenn man es denn bekommt, sich dann noch einen Kredit aufzuhalsen, um sich noch höher zu verschulden, finde ich sinnfrei. Vielen Studenten bleibt jedoch nichts anderes übrig, denn beispielsweise durch Mietstundungen wird die finanzielle Misere ja auch nicht besser.“
Mitte Juni verkündete Bundesbildungsministerin Anja Karliczek ein Paket, das neben Anpassungen des BAföG eine Überbrückungshilfe mit zwei Sicherheitsnetzen umfasst. So kann zum einen ein Aktualisierungsantrag für den laufenden BAföG-Bewilligungszeitraum gestellt werden, wenn die Eltern beispielsweise aufgrund von Kurzarbeit weniger verdienen. Zum anderen wurden die Anrechnungsregeln an die aktuelle Krise angepasst. Außerdem können Studierende an staatlichen und staatlich anerkannten Hochschulen nun, unabhängig von Alter oder Semesterzahl, in den Monaten Juni, Juli und August einen Zuschuss bis zu einer Höhe von jeweils maximal 500 Euro beantragen.


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Erprobung der digitalen Lehre
So überfordert die Studenten zum Anfang der Corona-Krise auch waren, so überfordert zeigten sich auch die (Fach-)Hochschulen. Quasi über Nacht mussten Notfallpläne geschmiedet und an passender Technik gefeilt werden. Dass besonders zu Beginn der Krise nicht alles reibungslos verlief, war jedoch abzusehen. „Man fragte sich, wie es wohl weitergeht? Die ersten zwei bis drei Wochen musste man erst mal darauf warten, dass sich die Unis dementsprechend organisieren. Es gab weder Unterlagen noch Skripte. Alles war ungewiss. Sollte ich jetzt eigenständig alles ausarbeiten oder wird noch eine Vorlesung kommen?“, erzählt Ostfalia-Studentin Özlem, „zu diesem Zeitpunkt hat es mit der Lernstruktur gar nicht mehr hingehauen. Das Lernen und Studieren war in der Anfangsphase fast unmöglich. Die Uni hat aber schnell Alternativen gefunden und konnte diese Beeinträchtigungen beheben.“ So besuchte die 26-Jährige Online-Vorlesungen, erstellte sich To-Do-Listen und Stundenpläne, um gewährleisten zu können, dass sie sich – auch jenseits der Vorlesungen – genug Zeit nimmt, um den Semesterstoff durchzuarbeiten. Im Juni steckte sie bereits in ihrer ersten Corona-konformen Prüfungsphase. Die Ostfalia hat ihrer Meinung nach eine faire Alternative gefunden: „Wir werden über sogenannte Einsendearbeiten geprüft. Das bedeutet, dass der Dozent an dem ‚Klausurtag‘ morgens um 9 Uhr zwei Aufgaben hochlädt, die man bearbeitet und am nächsten Tag um 18 Uhr wieder abgibt. So muss man nicht mehrere Klausuren an einem Tag schreiben, vermeidet stumpfes Auswendiglernen, beschäftigt sich intensiver mit der Thematik und hat eine gute Chance, ganz gute Noten zu schreiben. Außerdem ist die Prüfungsphase entspannter und man kann mehr Klausuren ablegen.“ Doch nicht jeder ist ein Online-Semester-Typ: Der 29-jährige Till hat so seine Probleme mit der Selbstdisziplin in den eigenen vier Wänden. „Ich habe mich extra für eine Präsenzuni entschieden, weil ich den Druck brauche, hinzugehen und mir die Inhalte anzuhören“, gesteht der Lehramtsstudent, „es ist mittlerweile auch so, dass mich meine Motivation zwischenzeitlich verlässt. Da werden auch schon einmal Dinge aufgeschoben. Für mich ist ein Online-Studium gar nichts, da ich klare Strukturen brauche.“ Zudem sei auch der Workload exponentiell angestiegen, so der Student der Universität Hildesheim. Nach jeder Online-Sitzung werden Aufgaben gestellt, die in einem Zeitraum von sieben bis zehn Tagen beantwortet werden müssen, jedoch helfe dieser Zeitraum nicht unbedingt, wenn man einen gut gefüllten Stundenplan mit Einzelvorlesungen und Blockseminaren hat. Des Weiteren fühlt sich Till auch von einigen Dozenten alleingelassen: „Viele Dozenten vereinfachen sich die Situation. Sie laden einfach ihre bereits vorhandenen Powerpoint-Präsentationen hoch und bitten uns dann, diese durchzuarbeiten. Jedoch ist es etwas anderes, wenn ich mir selbst oder ein kompetenter Prof den Lernstoff zu Gemüte führt. Ohne die Anleitung des Dozenten kann es ja auch zu einer Diskrepanz im Wissensstand der Studenten kommen.“

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„Für mich ist ein Online-Studium gar nichts, da ich klare Strukturen brauche“

Das Online-Semester ist an vielen Universitäten ein reines Theorie-Semester, denn aufgrund der Hygienemaßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie sind beispielsweise die praktischen Anteile eines Naturwissenschaftsstudiums kaum umsetzbar. Deshalb kommt es nun bei
einigen Studenten zu Verzögerungen in ihrer Studienlaufbahn. Angehende Berufseinsteiger hingegen beschäftigt die Frage, ob sie während der Corona-Krise ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt finden werden.
Wie lange die Pandemie uns noch in Atem hält, ist bislang nicht abzusehen.
Die Ostfalia Wolfenbüttel teilte ihren Studenten bereits mit, dass auch das nächste Semester ausschließlich online stattfinden wird. Dieses Sommersemester war für alle Beteiligten ein Testlauf. Zwar konnten nicht alle Studenten gleichermaßen zufriedengestellt werden, doch noch kein Meister ist vom Himmel gefallen – auch Bildungsinstitutionen lernen nie aus.

Text Denise Rosenthal
Fotos musicFactory lehmannsound - StockSnap.io

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