Studenten der Ostfalia Salzgitter produzieren Home-­Videos aus ihrem Corona-Alltag.
CA Kuebra Barut art
Die Studis aus den Fächern Medienkommunikation und Medienmanagement sollen in diesem Semester lernen, wie Bewegtbildproduktion funktioniert. Das Problem nun: Mit dem Lockdown der Unis und Fachhochschulen steht auch das Profiequipment der Ostfalia in Salzgitter nicht mehr zur Verfügung. „Wir haben überlegt, wie man Bewegtbild ohne unsere Hochschultechnik produzieren kann“, so Tonio Vakalopoulos, Dozent am Institut für öffentliche Kommunikation, der das Projekt gemeinsam mit Prof. Andreas Kölmel durchführt. „Letztendlich müssen wir mit dem Arbeiten, worauf wir Zugriff haben“, heißt: Smartphones und private Kameras. Statt des ursprünglichen Seminarinhalts, nämlich der Konzeption einer Medienkampagne für Wirtschaftsunternehmen, wird jetzt das Abdrehen von Home-Videos zur Prüfungsleistung. „Damit die Studierenden für kommende Semester gerüstet sind, in denen andere Filmproduktionen Inhalt sein werden, konnten wir uns nicht erlauben, dieses Semestermodul einfach verstreichen zu lassen. Stattdessen setzen wir jetzt vermehrt auf die Vermittlung von Skills zur Postproduktion. Daneben wird natürlich weiterhin die Konzeption von Bewegtbildinhalten gelehrt. Dabei dann vor allem, wie man den richtigen Einstieg findet und Spannungsbögen aufbaut. Der Konzeptionsteil wird von Prof. Kölmel gelehrt und ist sowieso für dieses Semester vorgesehen gewesen. „Diese Fähigkeiten sollen also nun in Heimvideos Anwendung finden, werden aber eben auch für zukünftige Studienarbeiten wichtig werden“, erklärt der Lehrbeauftragte Vakalopoulos. Im nächsten Semester wird der Schwerpunkt auf die Produktion gelegt, jetzt sind aber erstmal alle Studis „Inside Corona“. Und Inside Corona ist hier Motto und Leitspruch des Quasi-Ausweichmanövers. 
Spontan kreativ umsatteln
Die Konsequenzen der Pandamie für seinen Lehralltag wurden Tonio Vakalopoulos und Prof. Kölmel rasch bewusst: „Wenn alles geschlossen ist, Institutionen, Firmen, Läden, Gastronomie und dazu noch eine Kontaktsperre besteht, kann man niemanden rausschicken, um journalistische Beiträge abzudrehen.“ Stattdessen müssen die Studis jetzt auf eigenes Equipment und eigene Kulissen zurückgreifen. „Es sollen praktisch Videotagebücher werden, die zeigen, wie man seine Zeit gerade verbringt.“ Das Projekt Inside Corona war geboren, in nur wenigen Tagen setzten Kölmel und Vakalopoulus eine Website auf, auf der nun regelmäßig die Uploads aller Teilnehmer erscheinen.
Zwei von ihnen sind Sarah und Anna. Sie laden nicht nur selbst Videos hoch, sondern sind nebenbei auch noch ehrenamtlich für den Social-Media Auftritt von Inside Corona verantwortlich. „Mein Anspruch an mich selbst war von Anfang an, dass es authentisch werden sollte. Von vornherein wusste ich, dass ich mich in meinen Videos in einer natürlichen Art und Weise zeigen wollte“, sagt Sarah, die in ihren Videos verschiedene Situationen ihres Alltags zeigt und immer auch versucht, die Gefühlslage abzubilden. Klar, dass so ein isolierter Zustand auf Dauer auf die eigene Persönlichkeit wirkt. Und nicht nur das, auch sich umzustellen auf das Home-Video-Format erfordert Flexibilität und kreative Herangehensweisen. „Man braucht einfach Zeit, damit sich alles einpendelt und man seinen Weg findet.“ In einem ihrer Videos baut Sarah in Stop-Motion-Manier einen kleinen Song aus alltäglichen Geräuschen, bei dem etwa ein fließender Wasserhahn oder das Abrollen von Klopapier als Percussion-Instrumentation benutzt werden.
Neue Wege in der Not
Die Diversität auf der Inside-Corona-Website zeigt, dass die offen gelassenen Handlungsspielräume für die Videos unterschiedlich genutzt werden. Einige Studis haben klassische Videoblog-Formate umgesetzt, in denen sie etwa zeigen, wie man auch im Homeoffice produktiv bleibt, andere spielen etwa Filmszenen aus Scorsese- und Tarantino-Filmen nach. „Wir wurden da komplett reingeworfen. Die meisten machen das alle zum ersten Mal, ich habe vorher noch nie mit einem Schnittprogramm gearbeitet, es war quasi komplettes Neuland“, so Sarah.

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Für die ursprüngliche Aufgabe, Video-, Ton-, Print- und Webinhalte in Kooperation mit einem Unternehmen zu einer Medienkampagne zusammenzustellen, hatte die Hochschule schon einen Partner an der Hand. „Wir wurden auch schon gebrieft, wie man das praktisch gut umsetzen könnte“, erzählt Anna, „nach einer Woche Planung wurde dann aber klar, dass wir das Projekt nicht würden durchziehen können.“ Allzu geknickt sind die beiden aber nicht, sie sehen es als Chance und Gelegenheit, frei nach der Prämisse: „Not macht erfinderisch“. „Die Dozenten haben uns viele Freiheiten gelassen und gesagt: „sucht euch ein Thema und filmt drauf los“, so Anna, die momentan im zweiten Semester Medienmanagement studiert. 
Tech-Support outgesourced
Ein großes Plus: Der Software-Riese Adobe hat seine Creative Cloud, also die Profi-Programme zur Bild und Videoproduktion, für die Studis als Heimlizenzen ausgegeben. Die fachliche Betreuung zum Umgang mit diesen Tools findet dann Corona-typisch in Webinaren statt, bei denen die Studierenden dem Dozenten von Zuhause aus im Livestream lauschen können. „Wir sehen, dass die Studierenden großen Spaß damit haben. Das sieht man an den Videos, einige haben da richtig tolle Ideen entwickelt“, schwärmt Tonio Vakalopoulos, „im Regelfall hätten wir vorab noch ausgedehnte Einführungsseminare in die Kamera- und Tontechnik gehabt. Die fallen jetzt flach, aber das Filmen per Smartphone bedeutet natürlich auch eine kleinere Hemmschwelle. Einfach draufhalten und filmen, das ist erstmal intuitiver als große Filmkameras.“ In regelmäßigen Sitzungen tauschen sich die Studis mit Dozenten und untereinander aus, reden über Ideen, haben die Gelegenheit, Fragen zu stellen und kriegen Feedback.

Große Corona-Doku in Planung
Bis Corona vorüber ist, wollen Prof. Kölbel und sein Team die gesammelten Werke aller Studierenden zu einer großen Dokumentation in Spielfilmlänge zusammentragen und anschließend hochschulintern aber auch auf einigen Filmfestivals zeigen. „Es geht darum, die ganze Corona-Phase nochmal Revue passieren zu lassen, mit einigen Autoren über ihre Clips zu sprechen und das dann mit O-Tönen gespickt als Dokumentation laufen zu lassen.“ Dies, so Vakalopoulos, sei allerdings nur eine vorläufige Überlegung; das exakte Konzept für die große Doku ist noch nicht in Stein gemeißelt. Interessant ist die Sache jedoch allemal, entstünde dadurch schließlich ein bleibendes Abbild einer prägenden und seltsamen Zeit, wie sie nun durch die Covid-19-Pandemie entstanden ist. Ähnlich wie bei vielem anderen steht gerade außerdem die Frage im Raum, welche aus der Not heraus geborenen Strukturen sich vielleicht auch nach der Pandemie als bewährte Methoden etablieren könnten.
Die beiden Studentinnen Anna und Sarah etwa fänden ein fest eingeplantes Home-Video-Projektmodul auch für nachfolgende Semster sinnvoll. Wer weiß, vielleicht werden von nun an auch im regulären Studium Projekte wie Inside Corona ihren Weg ins Modulhandbuch finden.
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Die beiden Studentinnen Anna und Sarah etwa fänden ein fest eingeplantes Home-Video-Projektmodul auch für nachfolgende Semster sinnvoll. Wer weiß, vielleicht werden von nun an auch im regulären Studium Projekte wie Inside Corona ihren Weg ins Modulhandbuch finden.

Text Simon Henke
Fotos Kuebra Barut, Adrian Wolber

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