Jeder, der überzeugt davon ist, das Casting selbst wäre schon die Hölle, hat noch nicht in einer dieser WGs gelebt, – und damit sind nicht die üblichen Streitereien über den Abwasch, das Säubern der Toilette oder zu laute Musik gemeint. Vielmehr geht es um unverzeihliche Verhaltensweisen wie hinterlistigen Rausschmiss und das Messie-Syndrom.

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Toilettenpapier in Bäumen, Erbrochenes an Wänden und dröhnender Electro: Klingt nach einer rauschenden Party, handelte sich aber um meinen Einzug. Der Albtraum meiner Eltern wurde real. Ich ignorierte ihre Sorgen sowie zahlreiche Warnungen aus Internetforen über das westliche Ringgebiet Braunschweigs. Der Wohnraum war billig und ich war nicht Krösus. Außerdem gehörte es zu den Erfahrungen einer Studentin dazu, in heruntergekommenen Absteigen und zwielichtigen Gegeneden zu leben. Alles begann mit einem klassischen Vorstellungsgespräch, Tee und Wein. Als erste Bewerberin erhielt ich den Zuschlag, ohne dass andere überhaupt noch angehört wurden.

Ein viel zu leichtes Spiel. Bereits dieser Aspekt hätte mich frühzeitig stutzig machen sollen. Ich glaubte aber, ich hätte aufgrund von Sympathie das freie Zimmer erhalten. Nicht wissend, welches intrigante Spiel mich erwartete, zog ich als neue Untermieterin ein. Meine Mitbewohnerin war eigenartig: Ihr Klamottenstil mit pelzigen verfilzten Mänteln erinnerte an Cruella De Vil aus „101 Dalmatiner“. Auch hinsichtlich ihres Charakters, strotzend von Hinterhältigkeit und Habgier, ließen sich Parallelen zu der Antagonistin ziehen, was sich später zeigen sollte. Zu allem Übel hing über dem WC ein Schwarz-Weiß-Foto eines minderhübschen Mannes mit Pornobalken in gestreifter Badehose, die derart knapp saß, dass sie einem Lendenschurz glich. Morgens wurde der erste Blick in den Spiegel umrahmt von ihrem Charles-Bukowski-Kalender, der täglich mit einem anderen pessimistischen Spruch begrüßte. Der Morgen macht den Tag. Aber alles besser als pendeln. Bis zu jenem Zeitpunkt verstanden wir uns noch gut und ich konnte mit ihren Macken leben. Nach einiger Zeit des gemeinsamen Lernens sowie Frühstückens zwischen gestickten Sitzkisschen, Dauerbeschallung durch Deutschlandfunk Kultur und Zerpflücken meiner Deko ihrerseits (wenn ich mal einige Tage nicht da war), lebten wir bloß wie zwei Phantome, entsprungen aus Bukowskis Poesie, nebeneinander her. Eine Zweck-WG, schlimmer hätte es nicht kommen können – und doch: Sollte es, als sie mir den Mietvertrag kündigte, da sie nach Leipzig ziehen würde. Daraufhin kontaktierte ich den Vermieter, um selbst Hauptmieterin zu werden und in der Wohnung bleiben zu können.

Seine Augen waren leer und kalt, während seine Überreste verwesten. Auf dem Küchentisch stapelten sich Autoreifen, alte Commodore Drucker und ein verdreckter, schimmelnder Thermomix.

Als alles geklärt war, teilte sie mir mit klimpernden Augenlidern mit, sie hätte nun doch einen Job als Tutorin erhalten. Zuvorkommend bot ich ihr an, meine Untermieterin zu werden. Sie entgegnete, dass durch einen neuen Mietvertrag die Miete erhöht werden würde. Das leuchtete ein, weshalb ich einwilligte, alles beim Alten zu lassen. Höhnisch grinsend kehrte sie an ihren Schreibtisch zurück, als hätte sie einen riesen Coup gelandet. In meiner vorlesungsfreien Zeit erfuhr ich auch, weshalb. Als ich Cruellas quäkende Stimme am Telefon hörte, kam ihr hinterlistiges Spiel ans Licht: „Da ich nun meinen Job als Tutorin an der HBK habe, benötige ich dein Zimmer als Büro. Du musst bis Ende des Monats ausziehen.“ Mir blieben die Worte im Hals stecken. Ich musste ausziehen? War ich etwa so unerträglich? Ich nahm Rücksicht, lebte mit ihrem Mobile aus Käse und putzte regelmäßig das Bad. Das konnte unmöglich ihr Ernst sein. Wie sollte ich jetzt, Ende September, kurz vor Unibeginn, eine neue WG finden? Während ich nach Atem rang, fuhr sie fort: „Vergiss nicht, ich habe dir den Mietvertrag gekündigt und wir haben keinen neuen erstellt. Dein Auszug ist ohnehin überfällig.“ „Verdammt, das hatte ich komplett vergessen“, schoss es mir durch den Kopf. Ich hatte ihr vertraut und nun setzte sie mich einfach auf die Straße. Blitzschnell war alles klar: Sie hatte keinen Job, kein Geld und benötigte einen Mitbewohner zur Finanzierung. Ich war die Auserwählte zur Aufrechterhaltung ihrer Existenz. Sie beutete mich aus, ohne Mitgefühl und ließ mich für ihre Wohnung mitzahlen. Eiskalt wie Cruella De Vil. Bis heute frage ich mich, ob es sich bei dem Typen in Lendenschurz um ihren Vater, Bruder oder Schwarm handelte.
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Ich jammere nur auf hohem Niveau. In der WG meines Freundes Anton (Name geändert) nahm der Horror ganz andere Dimensionen an: Die Deckenbalken der Küche waren schwarz von den Ansammlungen der Fruchtfliegen, als er nach einem Wochenende zurück in die WG kam. Wie teuer wohl ein Kammerjäger sein mochte? Der seit Tagen nicht entleerte Biomüll stank bestialisch. Vielleicht stammte der üble Geruch auch von dem angefressenen Fisch auf dem Wohnzimmertisch. Seine Augen waren leer und kalt, während seine Überreste verwesten. Auf dem Küchentisch stapelten sich Autoreifen, alte Commodore Drucker und ein verdreckter, schimmelnder Thermomix. Anton hielt die Luft an, versuchte sich einen Weg in sein Zimmer zu bahnen, doch vergebens: Das Bügelbrett, Autositze und ein Fernseher versperrten ihm den Weg. Er fühlte sich wie in einem Thriller. Was, wenn der Fernseher beim Verschieben der Autositze auf seinen Arm fiele? Dann läge er dort, wie in „127 Hours“, und müsste seinen Arm amputieren, bevor ihn die Insekten anknabbern. Sein Mitbewohner würde ihn ebenso wie den Fisch liegen lassen, bis das RTL-II-Messie-Team seine Leiche fände.
Als Anton mit dem Typen zusammenzog, wusste er nicht, dass dieser sich beim Dekorieren der Wohnung von der Messie-Villa nahe des Bondi Beach in Australien inspirieren lassen würde. Mehrfach sprach Anton das Chaos, den Dreck und das Ungeziefer an. Jedes Mal reagierte sein Mitbewohner passiv-aggressiv, verließ gehetzt mit Schweißperlen auf der Stirn die WG und klebte stets nette Nachrichten an Antons Tür wie: „Du mieses Arschloch.“ Danach ließ sein Mitbewohner sich tagelang nur nachts in der WG blicken. Wahrscheinlich ertrug er den Zustand der Wohnung selbst nicht mehr. Nach einer weiteren Standpauke von Anton einigten sich beide auf einen Putzplan. Wie nicht anders zu erwarten, hielt der Messie diesen nur drei Tage lang ein. Schon bald schleppte er ein zerschmettertes Auto an, baute es auseinander und lagerte die Einzelteile in der Abstellkammer. Muss das RTL-II-Messi-Team doch gerufen werden?
Die einen ziehen in eine WG, da sie ungern alleine sind, und andere, weil sie sich anders keine Wohnung leisten könnten. Die Beispiele beweisen: Niemand kann zuvor wissen, wer genau seine Mitbewohner sind, zu welchen Inkarnationen aus Horrorfilmen oder Disneybösewichten sie sich entwickeln. Die WG wird übergangsweise zu unserem Zuhause. Sie sollte einen Rückzugsort darstellen. Umso schlimmer ist es, wenn dies nicht gegeben ist. Dann ist es höchste Zeit, seine Sachen zu packen und eine neue Bleibe zu finden, auch wenn dies in überlaufenen Studierendenstädten nicht einfach ist. Das Leben ist zu kurz, um sich mit hinterhältigen Egoisten und Messies, die den Wohlfühl-Charakter der WG zerstören, rumzuschlagen.

Text: Kristin Schaper
Fotos: master1305 - Fotolia.com

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