Wie es ist, am Borderline-Syndrom zu leiden und warum nicht gezögert werden sollte,
Hilfe anzunehmen. Eine Betroffene berichtet.
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Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist eine der sogenannten emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen. Sie ist eine sehr komplexe Krankheit der Extreme, des Schwarz und Weiß. Stark schwankende und unkontrollierbare Emotionen, sprunghafte Beziehungen und ein instabiles Selbstbild quälen die Betroffenen. Meist entwickelt sich Borderline bereits im Jugendalter. Junge Menschen sind stärker betroffen als ältere. Kira litt unter dieser zermürbenden Krankheit und hat sie in letzter Sekunde mit psychologischer Hilfe überwunden. Heute fühlt sich die 26-Jährige besser denn je. An ihrer Geschichte lässt sie uns teilhaben. Das Erzählte hat unsere Redakteurin Kristin Schaper aufgezeichnet.
Als Kind verbrachte ich jede freie Minute mit meinem Vater. Wir hatten ein sehr enges Verhältnis, obwohl er mich immer wieder in gefährliche und beängstigende Situationen brachte. Es bereitete ihm Vergnügen, mir Angst einzujagen: Von „Shining“ über „Mirrors“ bis hin zu „The Ring“ zeigte er mir regelmäßig Horrorfilme. Auf Waldspaziergängen lockte er mich in Jägerhütten ohne Fenster. Sobald ich drin war, rannte er schnell raus und verriegelte die Tür. Ich hatte furchtbare Angst, schrie um Hilfe. Doch je lauter ich kreischte, desto mehr Spaß hatte er. Mit der Zeit lernte ich, keinen Mucks von mir zu geben, sodass er mich schneller wieder frei ließ. Einmal fuhr er mit mir Auto, trat das Gaspedal voll durch und ich musste lenken. Viele Dinge, die er mir antat, verdrängte ich für eine lange Zeit. Mein Vater hatte selbst mit Depressionen zu kämpfen. Er hatte mir nie aus Böswilligkeit Furcht einflößen wollen, denn er war ein sehr kindischer und unreifer Mann. Er konnte nicht einschätzen wie sehr er mich damit verletzte. Trotz allem gab es auch Zeiten, in denen er sehr liebevoll war.
Depressionen und Wutausbrüche
Nachdem ich mit 14 Jahren ahnungslos aus den Herbstferien zurückkehrte, war unsere Wohnung leergeräumt. Mein Vater war weg und meldete sich nicht mehr. Während meine Oma manisch-depressiv wurde, flüchtete sich meine Mutter in Berge von Arbeit. Sie hatte kaum noch Zeit für mich. Das war der Punkt, als alles nur noch bergab ging. All die Erinnerungen an die Horrorspielchen meines Vaters kamen durch den Stress wieder hoch. Ich bekam furchtbare Alpträume, die sich aus meinen Kindheitserinnerungen speisten. Um nicht mehr schlafen zu müssen, dröhnte ich mich mit Koffein und anderen Wachmachern zu. Der Schlafmangel führte zu Halluzinationen. Ich hörte Geräusche, von denen ich wusste, dass sie nicht nicht real waren. Überall sah ich Figuren aus Horrorfilmen. Zwischenzeitlich hielt ich mich selbst für das Mädchen aus „The Ring“. Ich bekam eine unfassbare Wut auf meinen Vater, darauf, dass er mich verlassen hatte und mir all diese Erinnerungen hinterließ. Hinzu kam das Mobbing in der Schule. Auf sozialen Netzwerken veröffentlichten sie Bilder von nackten Magersüchtigen. Mit Photoshop hatten sie mein Gesicht auf die Körper gesetzt. In die Schule zu gehen, fiel mir schwer, auch wegen des Schlafmangels. Wenn ich es doch schaffte hinzugehen, ging es mir schlecht. Ich hatte Schweißausbrüche, Herzrasen und das „The Ring“-Mädchen an meiner Seite. Ich entwickelte die für Borderline charakteristischen Stimmungsschwankungen. Von extremer Freude stürzte ich in unbändige Wut, die in tiefe Trauer, gar Depressionen, mündete. Nicht selten tritt Borderline in Kombination mit anderen Erkrankungen wie Depressionen auf. Die plötzlichen grundlosen Wutausbrüche führten oft zu heftigen Streitereien. Obwohl ich Schimpfwörter eigentlich verabscheue, feuerte ich meiner Familie die unfassbarsten Beleidigungen entgegen. Ich knallte meine Zimmertür, riss sie vor Wut aus den Angeln und zertrat mein Bett. Die Palette meines emotionalen Erlebens reichte bis hin zur kompletten Gleichgültigkeit. Mich selbst konnte ich nicht mehr spüren und doch staute sich in mir eine enorme Anspannung an. Um diese zu mildern und mehr zu fühlen, ritzte ich mich und ging Risiken ein. Beispielsweise begab ich mich in Bedrängnissituationen und pöbelte die Kerle sogar noch an. Ich hatte keine Angst vor dem, was sie mir hätten antun können. Schlimmer konnte es nicht mehr werden.
Ich fühlte mich innerlich zerrissen, hatte einen kompletten psychotischen Zusammenbruch, von dem sich kaum jemand je wieder erholen kann: Ich wusste nicht mehr welchen Tag wir hatten, wusste nicht mehr wie meine Schule hieß. Mir war nicht einmal mehr klar, wer ich selbst war. Mein Selbstbild war komplett verzerrt. Da ich gerne schauspielere, fing ich an, verschiedene Rollen zu spielen, an die ich mich klammern konnte: die Schüchterne, die Diebin, die Schwarzfahrerin oder die Aggressive. Es war unvermeidlich, dass ich wie manch andere Borderliner in Konflikt mit dem Gesetz geriet.
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Es war fünf vor zwölf
Mit 17 fing ich an, damals noch freiverkäufliche Hustentabletten zu nehmen, um mich mit ihnen zu berauschen. Erst ein paar, dann immer mehr. Eines Abends achtete ich nicht mehr auf die Dosierung. Lebensmüde schluckte ich so viele Tabletten wie ich wollte. Es war mir egal, dass ich hätte draufgehen können. Wenig später verlangsamte sich mein Herz, hörte fast auf zu schlagen. Ich bekam keine Luft mehr. Ich war so high, dass ich kaum noch sprechen geschweige denn gehen konnte, meine Bewegungen waren abgehackt. Schließlich überkam mich doch die Angst, dass ich tatsächlich sterben könnte. Mit letzter Kraft schleppte ich mich ins Schlafzimmer meiner Mutter. Sie rief den Giftnotruf und ich kam sofort ins Krankenhaus. Im Nachhinein wollte meine Mutter den Suizidversuch vertuschen. Ich musste behaupten, es sei ein Versehen gewesen. Meine Mutter fürchtete, ich könnte in der Klinik untergehen, nie wieder dort rauskommen und niemals den Einstieg ins Berufsleben meistern, weil ich von der Gesellschaft stigmatisiert werden würde. Viele Menschen haben ein veraltetes Bild von Kliniken vor Augen: Von Leuten, die eingesperrt sind und in der Psychiatrie vor sich hinvegetieren. Dabei ist das heute nicht mehr so und sofern kein Schwerbehindertenausweis beantragt wird, erfährt selbst der Arbeitgeber nichts von der Krankheit. Es ist schlimm, dass psychische Erkrankungen immer noch derart tabuisiert werden. Mit den Stigmata muss aufgeräumt werden, um für Verständnis gegenüber Erkrankten zu sorgen.
Mit 19 war ich schließlich so lethargisch, dass ich nicht mehr wusste wie ich es schaffen sollte, mich nicht umzubringen. Essen, Schlafen, Atmen – all das konnte ich nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, auf der Grenze zum Abgrund zu wandern. Nichts könnte mich mehr vor einem Sprung in die Tiefe abhalten. Ich wollte nicht sterben. Ich wollte bloß nur nicht mehr leben – nicht unter diesen Umständen. Wenn ich zu jenem Zeitpunkt nicht in die Klinik gegangen wäre, wäre ich heute tot. Es war fünf vor zwölf und der Klinikaufenthalt rettete mein Leben. Erst dort konnte ich all die Erlebnisse aufarbeiten und lernen, zu vergeben. Ich übte, meinen Alltag zu strukturieren und eignete mir Strategien an, mit den Ängsten, der Impulsivität und den Gefühlsausbrüchen umzugehen. Heute kann ich endlich wieder zuverlässig den Beruf ausüben, der mich erfüllt. Ich freue mich aufs Leben und weiß es zu schätzen, dass ich endlich glücklich sein kann. Ganz egal, wie schlecht es euch geht, zögert nicht so lange wie ich, bis ihr euch Hilfe holt.




Sollte es dir ähnlich gehen und hast du den Gedanken, dir das Leben zu nehmen, solltest du dir unbedingt schnell Hilfe holen. Sprich mit einer vertrautenPerson oder melde dich (auch anonym) unter folgender ­Nummer bei der Telefonseelsorge: 0800 1110111

Text Kristin Schaper
Fotos Rustic Witch, Victor Tongdee-stock.adobe.com

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