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Thomas Röver, Die Linke

Jahrgang: 1963
Job: Selbstständiger Energieberater
Familienstand: verheiratet
Für was steht Ihre Partei?
Original sozial – konsequent ökologisch! Wir stehen für soziale Gerechtigkeit. Die Umverteilung der letzten Jahrzehnte von unten nach oben, die Ausplünderung der öffentlichen Kassen zugunsten von Konzernen und Vermögenden muss aufhören und in der Tendenz umgekehrt werden. Und wir wollen einen zukunftsfähigen Umbau unserer Industriegesellschaft: Umweltverträglicher Wohlstand für alle, d.h. so, dass auch wirtschaftlich schwächere Gesellschaftsmitglieder ihre Grundbedürfnisse nach Mobilität, Kultur, Gesundheit und Erholung befriedigen können.
Mit welchen Punkten geht sie in die Bundestagswahl? Was sind dabei ihre Prioritäten?
Wir wollen eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 53% - ab einem Jahresverdienst von 84.000 € -, die Einführung einer Vermögenssteuer (für Vermögen oberhalb 1 Mio €) sowie eine Börsen-Transaktionssteuer. Die auf Unternehmensgewinne erhoben Körperschaftsteuer wird wieder auf 25% erhöht.
Wir wollen, dass die demokratisch kontrollierte „öffentliche Hand“ wieder handlungsfähig wird – und diese wiedergewonnene Handlungsfähigkeit für das Gemeinwohl einsetzen:
Mit einem Investitionsprogramm von 100 Mrd € per annum wird die öffentliche Infrastruktur, d.h. Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen, Universitäten, andere öffentlichen Gebäude sowie die Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur saniert, modernisiert und ausgebaut. Weitere 100 Mrd €/a werden für Forschung und Entwicklung zukunftsfähiger Techniken verwendet.
Die Energiewende muss schnellstmöglich durchgesetzt werden. Der Flugverkehr muss mindestens genauso steuerlich belastet werden wie der Bahnverkehr. Wir fordern den unverzüglichen Atomausstieg.
Durch die Einführung von Bürgerversicherungen sollen auch die Wohlhabenden und Beamten einen angemessenen Anteil an den Sozialversicherungssystemen leisten. Das bedeutet: Bessere und auch zukünftig sichere Renten und Krankenversorgung für alle, weniger Beiträge für den Mittelstand und die ärmeren Bevölkerungsschichten. Wir wollen einen Mindestlohn für alle und die Anhebung der ALG2-Sätze mittelfristig auf 500,- € / Monat. Die Wohnkosten von Bedürftigen müssen komplett übernommen werden, die ständige bürokratische und teure Kontrolle und Schikane von Bedürftigen durch die ARGEn muss aufhören. Wir werden das Kindergeld auf 200,- €/ Monat erhöhen, sowie eine bedarfsdeckende und qualitativ hochwertige (!) Kleinkindbetreuung durchsetzen.
Die Rente mit 67 wird wieder zurückgenommen.
Wir möchten arbeitsintensive Betriebe und Betriebe, die faire Löhne zahlen, entlasten. Die gesamte Unternehmensbesteuerung muss sich stärker an Unternehmensgewinnen orientieren, außerdem muss der Material- und Energieverbrauch stärker besteuert werden. Arbeitnehmer sollen besser bezahlt, die Schaffung von Arbeitsplätzen aber steuerlich entlastet werden. U.a. für Handwerks-Dienstleistungen wollen wir die Mehrwertsteuer auf 7% reduzieren.
Wir werden Auslandseinsätze der Bundeswehr verhindern, stattdessen humanitäre Hilfen erhöhen und zivile Konfliktlösungsstrategien voranbringen.
Wir lehnen die schleichende Aushöhlung der Bürgerrechte ab: der öffentliche Raum muss für alle nutzbar bleiben. Wir wehren uns gegen Online-Überwachungen oder Videokameras an jeder Straßenecke.
Was bringt dem Wähler in Braunschweig überhaupt die Bundestagswahl?
So, wie die jetzigen Umfragen lauten, nicht viel. Im schlimmsten Fall, einer schwarz-gelben absoluten Mehrheit, werden die Errungenschaften unseres sozialen Gemeinwesens weiter geschleift, und die Selbstbereicherung der obersten 10% der Bevölkerung geht weiter. In CDU-Kreisen wird schon die Erhöhung der Mwst auf 25% (!!!) diskutiert, gleichzeitig werden aber Steuersenkungen für die obere Mittelschicht und Multimillionäre versprochen. Herr Guttenberg will marode Banken nicht mehr verstaatlichen, sondern nur noch „kontrollieren“. Im Klartext: Solange Banken rote Zahlen schreiben, trägt der Staat die Verluste – wenn die Gewinnzone wieder erreicht ist, erhalten die Aktionäre wieder Ihre Dividenden. Und die FDP möchte die umlagefinanzierte Rente abschaffen und durch eine kapitalgedeckte ersetzen - nachdem viele Kleinsparer gerade durch Lehman brothers und Co. einen Großteil Ihrer Altersvorsorge verloren haben…
Realistisch sind für die Braunschweiger WählerInnen drei Dinge erreichbar:
Durch eine starke, LINKE Opposition können die Angriffe der bürgerlichen Parteien auf Sozialstaat und Bürgerrechte rechtzeitig öffentlich gemacht und dann - durch eine starke Bürger-protestbewegung - auch verhindert werden.
Durch die Wahl eines LINKEn Direktkandidaten kann Braunschweig in Berlin (und umgekehrt) einmal anders als nur in rechten Lobbyistenzirkeln und Netzwerken vertreten sein. Ich möchte die Zusammenarbeit der Braunschweiger Institutionen untereinander und mit nationalen und internationalen links-ökologisch-sozialen Organisationen fördern und so eine zukunftsfähige Wirtschaftspolitik in der Region voranbringen.
Und letztens geht es um das „Atomklo Region Braunschweig“. Nur durch einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Atomenergienutzung, einer Verhinderung von Schacht Konrad und Gorleben und einer Sanierung von ASSE II, alles mit einer angemessenen Beteiligung der Verursacher an den entstehenden Kosten, kann verhindert werden, dass Braunschweig in den nächsten Jahrhunderten genau diese Rolle in Deutschland spielen wird….
Wie begründen Sie die oftmals erschreckend niedrige Wahlbeteiligung? Was haben Sie dem entgegenzusetzen?
Ganz klar: Wer eine Politik wie Rot/Grün bzw. Schwarz/Rot in den letzten Jahren praktiziert, darf sich nicht wundern, wenn die große Mehrheit der Menschen die Lust an Politik verliert. Wir LINKEn stellen immer wieder fest, dass Mehrheiten der Bevölkerung unsere Meinungen teilen, unsere Forderungen unterstützen. Aber die endlos wiederholten Behauptungen der bürgerlichen Parteien, es gäbe keine Alternativen zum Sparen und zu Steuersenkungen für die Wirtschaft, das hilflose Agieren und die interne Zerrissenheit von SPD und Grünen verunsichern viele Menschen zutiefst und führen zur Resignation.
Entgegensetzen können wir dem ein vernünftiges Programm (http://die-linke.de/wahlen/positionen/wahlprogramm), die Tatsache, dass unsere LINKEN Forderungen „den PolitikerInnen“ bestimmt nichts nutzen und daher eben nicht zur Selbstbereicherung dienen können, und die Zusicherung, dass Stimmen gegen das „Weiter So“ und für eine humane Gesellschaft niemals verschenkt sind – auch aus der Opposition heraus kann vieles verhindert und einiges durchgesetzt werden…
Viele beklagen sich über mangelnde Transparenz von Bundespolitik. Was tut Ihre Partei im Allgemeinen bzw. was tun Sie im Besonderen, um mehr Bürgernähe herzustellen?
Es geht zunächst um Ehrlichkeit. Wenn Angela Merkel in Deutschland den Kampf gegen den Klimawandel predigt, klammheimlich in Brüssel aber Europäische Vorgaben initiiert, die die Schadstoffbegrenzung für die Autoindustrie zur Lachnummer verwässern, so ist dies zutiefst unehrlich.
Die LINKE versucht auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene, die nicht öffentlich gesagten, aber in Wirklichkeit entscheidenden Beweggründe und Interessen der politischen Akteure und deren Verflechtungen mit Lobbyorganisationen öffentlich zu machen. Cui bono, wem nützt es – das ist die entscheidende Frage. Wer diese Frage stellt und sich nicht nur über Fernsehen, BILD und Braunschweiger Zeitung informiert, für den wird Bundespolitik recht schnell sehr transparent.
Dazu gehört aber eben auch seitens der BürgerInnen, sich informieren, hinter die Fassaden schauen zu wollen und eventuell dann auch lieb gewonnen Sicherheiten aufzugeben. Die Tatsache, dass wir in einer zutiefst korrupten Gesellschaft leben und eben auch mitmachen (!!!), schmerzt. Viele Menschen halten daher lieber am Gewohnten fest und versuchen, im Kleinen das Beste für sich selbst zu erreichen, als sich ernsthaft mit Politik zu beschäftigen.
Wie erklären Sie sich die Kluft zwischen Wahlversprechen und Umsetzung?
10% der Bevölkerung besitzen 60% des Vermögens in Deutschland. Und: in den letzten 10 Jahren ist die Verteilung des Volksvermögens dramatisch ungleicher geworden, d.h.: die 10 % der Reichsten sind deutlich reicher, ein großer Teil der Bevölkerung deutlich ärmer geworden. Dies ist kein Zufall, sondern wurde durch unzählige Gesetzesänderungen im Steuer-, Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht ermöglicht und verursacht.
Wenn die 5 % „einflussreichsten“ Menschen in der Bundesrepublik identifiziert werden könnten, würde man feststellen, dass der Großteil dieser „Entscheider“ – in Politik, Wirtschaft und Medien - zu den ökonomischen Gewinnern der Umverteilungspolitik der letzten Jahre zählt. Auf deutsch: Die Bundesrepublik ist zum Selbstbedienungsladen der Eliten geworden.
Vom Ausgang der Wahlen hängt es ab, ob diese Selbstbereicherung weitergeführt werden kann. Daher werden Wahlversprechen abgegeben, dass sich die Balken biegen, ohne dass überhaupt daran gedacht wird, diese umzusetzen.
(Natürlich glaubt ein Teil unserer Entscheider auch wirklich daran, dass letztendlich alle profitieren von den hohen Unternehmergewinnen, an die Adam-Smith´schen quasi göttlichen Optimierungsfunktionen des freien Marktes; an exponentielles Wachstum für immer in einer begrenzten Welt etc pp. Man glaubt aber nur an das, woran man glauben will - und in diesem Fall erlaubt dieser Glaube ein gewissensbissefreies Leben im sich wunderbar vermehrenden eigenen Wohlstand…)
Für wie wirkungsvoll erachten Sie Social Networks wie MySpace, MeinVZ, Facebook, Twitter etc. zur Vermittlung von politischen Themen?
Grundsätzlich sind dies sinnvolle Kommunikationsinstrumente, mensch kann damit schnell tausende von Gleichgesinnten erreichen, politische Informationen austauschen, News verbreiten, recherchieren.
Zur Vermittlung politischer Themen taugen diese Social Networks aber nur eingeschränkt, da nur der informiert wird, der schon vorher ein Interesse an diesen Themen hatte und sich aktiv in den entsprechenden Gruppen eingetragen hat. Um die Menschen für politische Themen zu interessieren, halte ich deutlich mehr von den klassischen Medien, Fernsehen und insbesondere Zeitungen und Zeitschriften. Papier bleibt.
Mensch könnte sogar noch etwas überspitzter sagen: diese Netzwerke bringen eine unglaubliche Überflutung mit unsinnigen Informationen mit sich – schlimmer als das, was uns in unserem (materiellen) Briefkasten oder unserem Mail-Eingangskorb erwartet. Meine These: Während in diktatorisch geprägten Staaten Informationen geheim gehalten werden, funktioniert die Beeinflussung und Unmündig-Machung der Bevölkerung in unserer Demokratie umgekehrt: Durch das Zumüllen der Bürger mit unwichtigen, nervigen Informationen wird Verwirrung geschaffen, so dass die relevanten Themen, die Hintergründe und Zusammenhänge für die meisten BürgerInnen nicht mehr erkenntlich sind, aus dem Blick verschwinden und, da nicht sofort einleuchtend, ausgeblendet werden.
Haben Sie selbst ein Profil in einem dieser Online-Portale? Wenn ja, was wollen Sie damit bei den Wählern bezwecken?
Ich bin bei Facebook vertreten, aber ich bin dort nicht sonderlich „aktuell“. Ich halte meinen täglichen Lebensablauf nicht für so wichtig, dass alle daran teilnehmen müssen, und lege Wert auf Privatsphäre und Intimität – Wahlkampf hin oder her. Ich halte die Tatsache, beim 90-jährigen Geburtstag des Kleingartenvereines „Grüne Gurke“ anwesend gewesen zu sein, für kein Kriterium, mich (oder wen anderes) zu wählen. Und nicht jeder Gedanke von mir ist so exzellent, dass alle daran teilhaben sollten.
Ich bin bei Facebook Mitglied in einigen thematischen Gruppen, so dass ich hier schnell bestimmte Informationen bekomme. Und wer mir persönliche Fragen stellen will, kann das dann auch auf Facebook machen. Lieber aber auf: www.roeverstattrummerkeln.de oder www.abgeordnetenwatch.de/thomas_roever-180-25139.html
Für wie wirkungsvoll halten Sie die Sperrung von Internetseiten mit kinderpornographischen Inhalten? Müsste man dann nicht genauso Seiten anderer fragwürdiger Inhalte sperren?
Die LINKE spricht sich prinzipiell gegen jede Internetzensur aus.
Ich sehe das pragmatisch: Da derartige Sperren sehr leicht zu umgehen sind und folglich kaum Resultate zeitigen werden, da das Auffinden/Sperren dieser Seiten enorme Kapazitäten beim BKA o.ä. binden würde und demokratisch nicht kontrolliert werden kann, halte ich die Sperrung kinderpornographischer Seiten für unsinnig. Die Gefahr, dass hiermit lediglich der Einstieg in die Zensur auch anderer, politisch missliebiger Seiten vorbereitet werden soll, ist gegeben.
Das Strafgesetzbuch hält ausreichend Möglichkeiten vor, sexuellen Kindesmisshandlungen sowie die Verbreitung derartiger Bilder/Videos strafrechtlich zu verfolgen. Wir meinen, dass durch eine bessere materielle Ausstattung der Strafverfolgungs- sowie Kinder- und Jugendschutzbehörden Kinderpornographie deutlich effektiver und mit geringeren Gefahren für die Bürgerrechte bekämpft werden kann und zugleich andere Vernachlässigungen und Quälereien von Kindern verhindert werden können. Die werden ja nicht ins Netz gestellt…
Was tut Ihre Partei für Umweltschutz und gegen den Klimawandel?
Wir wollen in den nächsten Jahren ein Investitionsprogramm über 200 Mrd € jährlich auflegen, wovon ein sehr großer Teil in Investitionen zum Energiesparen, zur regenerativen Energieerzeugung und zur Verbesserung der öffentlichen Verkehrs-Infrastruktur verwendet werden soll. Wir möchten bis zum Jahr 2020 die Klimagasemissionen in Deutschland um die Hälfte, bis Mitte des Jahrhunderts um 90% gesenkt haben.
Erreichen werden wir dies u.a. durch das o.g. Investitionsprogramm, durch Modernisierung unserer Gebäude, unserer Verkehrssysteme, unserer elektrischen und anderer Energieverbraucher.
Allerdings: So ein Quark wie die Abwrackprämie ist keine sinnvolle Option! Bei einem KFZ fällt ca. 66% des Energieverbrauchs bei der Herstellung, aber nur 1/3 beim Betrieb an. Das Abwracken eines voll funktionsfähigen Wagens zur Hälfte seiner Lebensdauer kann also nie über Energieeinsparungen des nachfolgend gekauften Wagens gedeckt werden – das weiß auch Frau Merkel, ihres Zeichens Physikerin…
Wir wollen, dass mit Energieerzeugung und Energieverbrauch keine großen Gewinne gemacht werden. Deswegen setzen wir auf eine zunehmend dezentrale Energieversorgung - Energie in Bürgerhand. Die Konzerne müssen, soweit es rechtlich möglich ist, für ihre Hochpreispolitik der letzten Jahre zur Kasse gebeten werden. Der Rückbau der Atomkraftwerke inkl. langfristig sicherer Entsorgung des Atommülls, die Ertüchtigung jahrzehntelang vernachlässigter Netz- und Speicherkapazitäten muss von den Konzernen bezahlt werden.
Der CO2-Emissionshandel hat versagt. Wir brauchen eine konsequente Besteuerung von Klimagasen und Primärenergien, eine gleichberechtigte Besteuerung insbesondere der Verkehrsmittel Flugzeug und Schiff, die konsequente Förderung des öffentlichen und des Fahrrad- und Fußverkehrs.
Für die Verbraucher wollen wir LINKE möglichst schnell möglichst energiesparende Verbrauchsgeräte. Der Verkauf besonders unsinniger elektrischer Verschwender ist zu verbieten (z.B. nicht intelligent geregelte StandBy-Schaltungen); es ist das Top-Runner Prinzip für alle Haushaltsgeräte einzuführen; der Energieverbrauch und die voraussichtlichen Kosten während der Lebensdauer von Elektrogeräten muss beim Kauf schnell und einfach erkennbar sein.
Wir streben eine Re-Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen an und wollen von der hoch-industrialisierten Landwirtschaft weg, hin zu einer ökologischen und naturverträglichen Land- und Forstwirtschaft.
Wie stehen Sie zu Bundeswehreinsätzen im Ausland?
Ich und die Partei die LINKE sind entschieden dagegen. Krieg ist keine Lösung, und jeder Kriegseinsatz hat bisher dazu geführt, Gegengewalt und eine Gewaltspirale loszutreten. Wir halten nicht bewaffnete, humanitäre Hilfen für langfristig erheblich geeigneter, um die real bestehenden Konflikte weltweit einzudämmen.
Im Juni gingen 10000 Schüler, Studenten, Lehrer und Auszubildende auf die Straße, u.a. um gegen das Abitur nach 12 Schuljahren und die landesweite Einführung von Ganztagsschulen bzw. für den freien Bildungszugang für alle und die Abschaffung von Studiengebühren zu demonstrieren. Was für eine Haltung hat Ihre Partei zu diesen Aspekten im Einzelnen?
Ich habe selbst bei dieser Demo teilgenommen, so wie auch meine beiden Söhne. Die niedersächsische Schulpolitik ist geprägt von deutlich zu geringen Mitteln, die ausgegeben werden, von maroden Schulbauten, unterbezahlten und überlasteten LehrerInnen. Das schlimmste ist: aufgrund der Sparwut der letzten Jahre ist auch kein qualifizierter Lehrernachwuchs in Sicht. Außer der deutlich und für jedermann erkennbaren fehlenden finanziellen Ausstattung unseres Bildungswesens fällt in Niedersachsen insbesondere der Willen der Landesregierung auf, sämtliche moderneren Ansätze in der Bildungspolitik, insbesondere Ganztagsschulen, zu hintertreiben.
Daher ist die Sache klar: Mehr Geld ins Bildungssystem, und Chancengleichheit für alle durch gezielte Förderung lernschwächerer SchülerInnen sowie Erwerb sozialer Kompetenzen durch gemeinsames Lernen! Deutliche Verbesserung der frühkindlichen Betreuung; kein Abitur nach 12 Jahren, weder an Gymnasien noch an Gesamtschulen. Gebührenfreie Bildung an gut ausgestatteten Unis für alle, Reduzierung der Drittmittelforschung, stattdessen Beteiligung der Wirtschaft an den Kosten der Bildung. Keine Studiengebühren, sondern ein ausreichendes Schüler- und Studentenbafög für alle, die es brauchen.
Wenn Sie in den Bundestag gewählt werden würden, was wäre Ihre erste Amtshandlung?
Ich hätte da eine Amtsreise nach Spanien mit meiner Chauffeurin im Auge. Glücklicherweise kenne ich zwischen Sevilla und Cordoba jemanden in der Bürgermeisterei eines 3000-Seelen Dorfes, da müsste ich mal was Dringendes besprechen.
Was sind persönlich Ihre wichtigsten Ziele, wenn Sie im Bundestag sitzen?
Ich werde, und hierfür werde ich auch interfraktionell arbeiten, mich um eine zukunftsfähige, nachhaltige Versöhnung von Ökologie und Ökonomie, einem Umbau unserer Gesellschaft und Wirtschaft zu einer 100%-regenerativen UND sozialen Gesellschaft einsetzen.
Für die Region Braunschweig, mit ihren wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Schwerpunkten in den Bereichen Verkehr, solare Energieerzeugung sowie Biomasse wird dies zahlreiche neue, gut qualifizierte Arbeitsplätze in Forschung, Handel und Handwerk und eine langfristige Sicherung der bestehenden Industriebetriebe bedeuten. Das VW-Gesetz muss erhalten werden.
Mit welchen Maßnahmen würden Sie die Wirtschaftskrise bekämpfen?
Wir brauchen dringend eine Stärkung des Binnenmarktes, d.h. über Einführung des Mindestlohnes, Erhöhung der Sozialleistungen und Entlastung der Normalverdiener bei den Sozialabgaben werden wir die Kaufkraft der BürgerInnen diese Landes stärken.
Darüber hinaus wird das oben genannte, von uns geplante Investitionsprogramm innovative, nachhaltige und zukunftssichere Arbeitsplätze in den Bereichen Hoch- und Tiefbau sowie Maschinenbau schaffen.
Wie würden Sie gegen die hohe Arbeitslosenquote vorgehen?
Es gibt in unserer Gesellschaft genug zu tun, insbesondere in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Pflege, Altenbetreuung und Kultur. Auch werden in Zukunft die arbeitsintensiven Dienstleistungs- und Handwerksbranchen gestärkt werden, da im Zuge der ökologischen Wende objektangepasste, hochwertige Installationen, Reparaturen, und Wartungen stärker gefragt sein werden.
Ansonsten ist das Thema Arbeitszeitverkürzung / -verteilung in den letzten Jahren vollkommen zu Unrecht nicht mehr diskutiert worden: Es kann nicht sein, dass immer weniger Menschen immer mehr arbeiten (und dabei nicht mal mehr Geld bekommen), damit die Kapitalrenditen der Unternehmen steigen, während andere, vielleicht nicht ganz so leistungsfähige Menschen, aus dem Berufsleben gedrängt werden.
Warum sollten sich mehr Menschen ausgerechnet in Ihrer Partei engagieren?
Weil es so wie bisher nicht weitergeht. Weil wir zurzeit die einzige Partei sind, die mittelfristig sowohl erfolgreich sein wird als auch die richtigen, nachhaltigen und sozial gerechten Konzepte verfolgt. Außerdem sind wir die Netten.
Ich halte CDU und FDP schlichtweg für politisch nicht ernst zu nehmen, weil offensichtlich …s.o., und halte bei den Grünen und der SPD in den nächsten Jahren eher ein wenig Ruhe und Zeit zur Besinnung und Selbstfindung für sinnvoll.
Piraten-, Rentner-, Grundeinkommens- und andere 1-Punkt-Parteien sind, trotz teilweise guter Ansätze und Forderungen, kontraproduktiv. Einmal werden die Stimmen für diese Parteien wahrscheinlich verschenkt. Andererseits erhielten Menschen ein Mandat über vier Jahre über die gesamt Palette politischer Entscheidungen, während sie nur für einige wenige Punkte dargestellt haben, was sie überhaupt wollen. Zu allen anderen politischen Fragestellungen können sie machen, wie es Ihnen persönlich gefällt. Das kann nicht gut sein.
Was ist das erste, das Ihnen einfällt, wenn Sie an Braunschweig denken?
Schöne Landschaft, Zentrum von „Harz und Heide“, viele Sehenswürdigkeiten und Reste eines wunderschönen Stadtbildes. Leider deutlich zu autozentriert, deutlich zu wenig Stadtgrün und zu viel Beton.
Wird „Stadt der Wissenschaft“ genannt, und dies zu recht. Eintracht.
„Braun? –Schweig!“ wäre schön, leider ist Braun aber bei uns Bürgermeister…
Was hat Braunschweig, was eine Stadt wie Berlin nicht hat?
Den läppischen Otto.
Im Ernst: Ich habe jahrelang in Berlin gelebt und bin dort weggezogen, weil es mir dort zu laut, zu stressig, zu wenig kinderfreundlich erschien. Braunschweig hat die richtige Mischung, groß genug, um ein ausreichendes Kultur- und Sportangebot zu bieten, überschaubar genug, um ab und zu Menschen auch zufällig zu treffen, klein genug, um schnell ins Umland zu kommen
Wie beurteilen Sie die politische Arbeit, die in den letzten Jahren im Braunschweiger Rathaus gemacht wurde?
Ziemlich gruselig.
Eine Politik des Fassadenbaus, der Errichtung von Zentren und Projekten, mit denen das Volk abgelenkt und amüsiert wird, derweil die Oberschichten und Konzerne gut verdienen können. Eine Politik der Privatisierung öffentlichen Eigentums, ohne Transparenz, mit der großen Wahrscheinlichkeit, dass, wenn Hoffmann weg ist, der Zahltag kommt. Eine Politik, die nur asozial genannt werden kann, weil viele soziale Hilfsleistungen gekürzt und Bürgerberatungsstellen geschlossen wurden. Eine Politik, für die Klimaschutz ein Fremdwort ist und Umweltschutz lästiger Zwang, durch spinnerte Eurokraten verordnet. Viel Beton, jeder Baum ein potentieller Feind. Eine Politik, in der Bürgerrechte (vom Kessel für Nazigegner 2005 über den städtischen Boykott des hoffmann-kritischen Künstlers Hartmut El Kurdi oder zum Flashmobverbot am 8.8.) und das Mitspracherecht und Informationsgebot des Kommunalparlaments ausgehöhlt wurden.
Kurz: Eine Politik entsprechend der alten Maxime „Brot und Spiele“ - allein das Brot fehlte…










