Die Liebe zum Detail

Hollywoods Trick-Guru Stan Winston zu „Inspector Gadget“ und „Austin Powers“

Er gehört zu den kreativsten Köpfen in Sachen Kinokreaturen. Den letzen Oscar bekam Stan Winston für die Dinos in „Jurassic Park“, für „Terminator 2“ erhielt er die Trophäe gleich doppelt: für Make-up und Spezialeffekte. Den vierten Academy Award gab es für die „Aliens“. Seine Laufbahn begann der Schauspieler mangels Angeboten als Praktikant in der Make-up-Abteilung von Disney. Für seinen ersten TV-Film „Gargolyes“ gewann er gleich einen Emmy. Im folgenden Jahr folgte der zweite für „The Autobiography of Miss Jane Pittman“, in der er ein junges Mädchen zur Greisin werden liess. Nach seinem Regieausflug für Michael Jacksons Kurzfilm „Ghost“, erweckte Winston die „Small Soldiers“ (kleines Foto) zum Leben. In diesem Monat kann man seine Tricks gleich zweifach bewundern: In „Austin Powers 2” verwandelt er Mike Myers in einen Fettsack, in „Inspector Gagdet“ (grosses Foto) sorgt er für das absurde Spielzeug. SUBWAY unterhielt sich mit dem Hollywood-Top-Tüftler.

Befürchten Sie nicht, dass Sie eines Tages zum Spezialeffekt-Saurier werden könnten, wenn die Computer auch Ihre Arbeit übernehmen?

„Ich fühle mich schon jetzt als Saurier (lacht). Es wird nie passieren, dass Computer diese Art von kreativer Arbeit erledigen können. Die Zuschauer wären schnell gelangweilt, wenn ein Film ausschließlich aus digitalen Effekten bestünde. Das Publikum braucht immer ein Stück der echten Wirklichkeit. Ich liebe diese Digitaltechnologie. Immerhin besitzen James Cameron und ich mit „Digital Domain“ eines der größten Digitaltudios der Welt. Aber diese ganze Technik kann mit der Wirklichkeit nicht konkurrieren. Wenn man etwas real drehen kann, wird man es immer auch real tun. Kein Computer kann einen lebenden Schauspieler ersetzen.“

Großes Digitalstudio, aber trotzdem kleiner Puppenbauer – wie lebt es sich mit diesem Widerspruch?

„Ich bin kein Fan von Spezialeffekten, aber ein Fan des Fantastischen. Um solche Welten jenseits der Wirklichkeit zu erschaffen, nutze ich alle technischen Möglichkeiten. Ob das nun ein einfacher Make-up-Effekt ist oder ein zehn Tonnen schwerer Roboter. Die Technologie ist nie Selbstzweck, sondern nur Werkzeug, um eine Figur zum Leben zu erwecken. Beispielsweise können wir Modelle mit Drähten steuern, die später digital aus dem Bild retuschiert werden. Das macht Bewegungen viel flüssiger als früher, wo mit Fernsteuerungen gearbeitet wurde.“

Also doch ein Plädoyer für aufwendige Computereffekte?

„Nein, es muss klar sein, dass der Computer nur Hilfsmittel ist. Leider wird das oft umgekehrt gesehen. Da werden Figuren an die digitalen Möglichkeiten angepasst – und das entpuppt sich als fataler Fehler. Mit kalter Technik allein verliert jedes Kino seine Seele. Für jeden guten Film sind zwei Dinge unerlässlich: erstens eine gute Story und zweitens brillante Akteure. Jeder gute Schauspieler wird bestätigen, dass 50 Prozent seiner Kunst von seinem Gegenüber abhängen. Bei Effektaufnahmen fehlt dieser Partner, der Schauspieler steht allein in einem Bluescreen-Raum wie z.B. Liam Neeson in „Krieg der Sterne“.“

Sie mögen „Krieg der Sterne“ nicht?

„Es ist ein schönes Spektakel. Aber den Schauspielern fehlt der Gegenpart. Bei Harrison Ford war die Wirkung sehr viel eindrucksvoller: Damals waren die Figuren technisch weit weniger perfekt – aber sie hatten zumindest eine Seele. Liam Neeson ist ein wunderbarer Schauspieler. Aber in „Krieg der Sterne“ konnte er das einfach nicht zeigen. Regisseure verstehen oft nicht, was einen guten Schauspieler ausmacht. Ich selbst habe als Schauspieler angefangen. Erst auf dieser Basis konnte meine Karriere überhaupt so erfolgreich verlaufen. Sämtliche meiner Effekte sind immer völlig auf die Protagonisten zugeschnitten.“

Hatten sie deshalb nie Auseinandersetzungen mit Regisseuren?

„Bei „Terminator 2“ hatte James Cameron diese Idee einer Kreatur aus flüssigem Metall, die sich in jede Form verwandeln konnte. Ich sagte ihm, dass eine Beziehung des Publikums zum Bösewicht unbedingt notwendig sei. Genau dieser Bezug fehlt bei einer blossen Effekt-Kreatur, siehe John Carpenters „Das Ding“. Einen Tag später rief Cameron an und sagte: Ich habe die Lösung. Wir machen einfach einen Cop daraus. Auf dieser Basis konnte ich arbeiten.“

Wie wurde aus dem Schauspieler dann der Trickexperte?

„Wie so viele Jungdarsteller bekam auch ich am Anfang kaum Angebote. Also begann ich als Praktikant in der Make-up-Abteilung bei Disney. Das habe ich drei Jahre gemacht. Dann bekam ich für meine erste eigene Arbeit gleich den Emmy. Bei der nächsten Produktion folgte der zweite Emmy. Das war überhaupt nicht mein Berufsziel. Doch ich kam zu dem Schluss, dass ich so ebenfalls Charaktere auf die Leinwand bringen konnte – wenngleich diese Kreaturen mir nun kaum noch ähnlich sehen.“

Wonach suchen Sie Ihre Projekte aus?

„Nach dem Honorar! Im Ernst: Als ich das Drehbuch zu „Austin Powers 2“ bekam, war ich völlig fasziniert von der Herausforderung diese superdicke Figur des „Fat Bastard“ zu erschaffen. Ich musste dieses Projekt ganz einfach machen. Schließlich hatte es so einen dicken, nackten Mann zuvor nie gegeben. Eddie Murphy im „Verrückten Professor“ war immer angezogen. Mike Myers hingegen ist nun in voller Fleischespracht zu sehen.“

Ihre Modelle sind sehr detailgenau – im Film ist das meist nicht zu erkennen, weil die Trickszenen sehr schnell sind. Weshalb dieser Aufwand?

„Die Künstler im Filmgeschäft sind die Renaissance-Künstler von heute. Damals haben die besten kreativen Leute für die Kirche gearbeitet, heute tun sie es für Hollywood. Meine Philosophie heisst: Nur was stimmig ist, funktioniert auch. Selbst wenn man die Kleinigkeiten im Film oft nicht wahrnehmen kann, wäre die Wirkung eine andere, würden diese Details fehlen. Die Haut der Saurier in „Jurassic Park“ hatte ganz feine Poren. Das ist im Kino nicht aufgefallen. Aber ohne diese Liebe zum Detail würde unseren Modellen etwas Entscheidendes fehlen.“

Sind sie mit den Filmen eigentlich immer zufrieden?

„Nein, oft enttäuscht. Die besten meiner Arbeiten finden sich in Filmen, die nicht unbedingt gut sind. Zum Glück gibt es aber eine Hand voll Filme, die hervorragend sind. „Terminator“ war solch ein Meilenstein. Oder die Sachen mit Spielberg und Tim Burton – wenn man darin nicht gut aussieht, dann stimmt etwas nicht.“

Interview: Dieter Oßwald
Foto: Delphi
Small Soldiers

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