Neuer Anfang

Die Tindersticks entdecken die Unbeschwertheit in der Musik

Eine Akustikgitarre gibt den Takt vor, Händeklatschen, ein Piano... Moment, das ist zu schnell, das können nicht die Tindersticks sein, die Meister der melancholischen Langsamkeit, die Archivaren alles Traurigen in der Musik. Aber es ist eindeutig die einprägsame Stimme von Stuart Staples, die zu singen beginnt. „I’m ready now“, hören wir von ihm und ein Frauenchor singt „Can we start again“. Ein offenbar programmatischer Anfang, auf jeden Fall ein Neubeginn, wie Staples im Gespräch mit SUBWAY zugibt: „Nachdem wir „Curtains“ aufgenommen hatten, haben wir gemerkt, dass wir eigentlich nicht mehr wirklich zufrieden sind, mit dem, was wir tuen. Deshalb haben wir eine Weile ausgesetzt um zu sehen, was passiert... Als wir wieder zusammengekommen sind, haben wir darüber geredet, was wir machen wollten und was nicht und haben wieder Stücke geschrieben; aber auf eine andere Art. Wir hatten vorher alle bestimmte Rollen innerhalb der Band, und das wollten wir jetzt aufbrechen, deshalb haben wir quasi bei Null wieder angefangen. Durch die gemeinsame Begeisterung und gegenseitiges Vertrauen wurden wir dann wieder zu einer Band.“

Die neue Rollenverteilung schließt auch Staples nicht aus, der sich zum ersten Mal wirklich als Sänger fühlt: „Ich habe beschlossen singen zu wollen, während ich mich in der Vergangenheit in alle Belange stark eingemischt habe. Ich meine, ich schreibe immer noch hin und wieder Songs auf der akustischen Gitarre, aber das Wesentliche ist jetzt der Gesang für mich, die Ideen anderer Leute zu singen. Das ist natürlich etwas seltsam, aber früher habe ich mich nie wirklich als Sänger gesehen.“

Ein Sänger entdeckt die Freude an seiner langjährig ausgeübten Tätigkeit – auch der Albumtitel „Simple Pleasure“ scheint also Programm zu sein. Die ungewöhnliche Leichtfüßigkeit einiger Songs geht da konform, leider, denn irgendwo vermisst man die schwelgerisch ausgebreitete Schwermut, die sie sonst auszeichnete und nur an manchen Stellen durchscheint. Auch die Arrangements sind reduziert: „Wir wollten nur das wesentliche behalten, bis auf die Knochen. Es gibt zwar eine kleine Streichersektion, aber sonst sind keine Gastmusiker auf diesem Album. Wir haben es live aufgenommen, und dann nachträglich mit den Streichern versehen, wo wir das wollten. Aber das Album ist im Wesentlichen live, nur wir sechs.“

Klingt in einem aufgeräumten Song wie „Can we start again“ vielleicht sogar der Wunsch an, sich auch einmal auf den Titelbildern der populären Zeitschriften zu finden, in den Charts neben Britney Spears und den Vengaboys aufzutauchen? „Nein, nicht wirklich. Es ist natürlich manchmal schwierig etwas zu tun, was einem sehr wichtig ist und nur wenig Belohnung dafür einzustreichen, aber ich denke, mit dieser neuen Platte haben wir festgestellt, dass die Arbeit bereits die Belohnung ist, wenn auch auf andere Art.“ Das ist eine gesunde Einsicht, denn nach extrem breitenwirksamer Musik klingt auch die neue Platte nicht. Spannender als das Album aber ist die Frage, in welche Richtung sie sich jetzt entwickeln werden. Hören sie sich eigentlich auch ihre alten Platten an? „Nein, nie. Ich bin jetzt vielleicht so weit, dass ich mal unser erstes Album hören könnte... Ich habe ein Ideal von jedem Song in meinem Kopf, wie er klingen soll. Ob wir dem auf unseren Aufnahmen gerecht geworden sind, ist aber eine ganz andere Sache.“

Text: Matthias Wieland
Foto: Steve Gullick
Tindersticks

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