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26. August 1999 x Hamburg
Donnerstagmorgen. Schimmelhof, Braunschweig. Ein paar müde Gestalten schlurfen über holperiges Kopfsteinpflaster und besteigen einen zweistöckigen Tourbus: Such A Surge sind wieder unterwegs, die „Vans Warped Tour ’99“ im Visier. Während sich der Großteil von Band und Helfern umgehend in die sargähnlichen Betten begibt, führe ich mit Bassist Axel lockere Diskussionen über weiche Rauchwaren, fiese Führerscheinverluste und allerlei andere absurde Alltagsabenteuer. Ein blinkendes „Bitte folgen“-Schild auf einem grün-weissen Benz reisst uns jedoch schon bald aus unserer morgendlichen Lethargie. Zwei schnauzbärtige Freunde & Helfer, die anscheinend einem Gerhard Seyfried-Comic entsprungen scheinen, bitten zur Verkehrskontrolle: Nicht angeschnallt. 94 statt 80 km/h. Kostet den Busfahrer 120 Mark sowie den Satz „Würden Sie bitte hier unterschreiben, dass ich Sie belehrt habe.“ Weiter geht’s auf der Autobahn Richtung Hamburg. Unter uns hellgrauer Asphalt. Über uns hellgrauer Himmel mit vereinzelten zerfetzten Wolkenresten. Dazu böiger Wind, Regenschlieren peitschen herunter.
Gegen späten Mittag sind wir endlich am ersten Etappenziel der „Vans Warped Tour ’99“ angekommen: Das Millerntorstadion, Heimstätte des kultigen Hamburger Outlaw-Kickerclubs FC St. Pauli, öffnet uns Tür und Tor. Die Hälfte der satten Grünfläche ist mit Holzbohlen ausgelegt, statt 22 Fußballern, die ansonsten auf diesem Platz einer Lederpille hinterherhasten sind heute ca. fünftausend Besucher vor Ort. Ein regelrechtes Unterhaltungsareal mit zahlreichen Ess-, Trink-, Merchandising- und Vergnügungsständen sorgt für willkommene Abwechslung. Ein weiterer wichtiger Anlaufpunkt ist eine große Halfpipe auf der neben dem bekannten BMXer Rick Thorne und Roller Skater Brian Wainwright vor allem Brett-Legende Steve Caballero, Mike Frazier und Neal Hendrix trotz des miesen Wetters für mächtig Begeisterung sorgen.
Und auch auf der Bühne geht’s rund: Nachdem sich Bands wie One Minute Silence, The Pietasters, Beatsteaks, Good Riddance, The Vandals, Living End, Less Than Jake und Blumentopf mal mehr, mal weniger überzeugend im Halbstundentakt abgearbeitet haben, sorgen Pennywise aus L.A. gegen 18.40 Uhr erstmals für richtig Bewegung in der Masse. „Straight Ahead“ bringt das Quartett überwiegend ältere Highspeed-Punk’n’Hardcore-Smasher, hat mit „Down Under“ von den australischen Zweitagsfliegen Men At Work sogar ein gelungenes Hit-Cover im Programm. Die Jungs gehören ganz klar zu den Gewinnern dieser Festival-Tour und sind auf dem besten Weg Bad Religion-Status zu erlangen.
Ohne Umbaupausen geht es auf der zweigeteilten Bühne mit dem grimmigen HipHop-Oldschool-Hero Ice-T weiter. Der selbst ernannte Original Gangster, Rapper und Schauspieler mit den schwarzen Klamotten und der schwarzen Seele verkündet gleich zum Auftakt: „I make this shit for 14 years“, seine drei Homies, die ihn am Mic unterstützen fordern von der Meute vehement „Put your hands in the air and say yeah“. Gott und die Welt wird mit diversen „Fucks“, „Motherfucks“ und „Grandmotherfucks“ überschüttet, wüste Untergangsszenarien heraufbeschworen („The Seventh Deadly Sin“ und so), fiese Ghetto-Litaneien heruntersalbadert. Just in dem Moment als Ice Ice Babys Hass-Tyraden ihrem Höhepunkt entgegenstreben, hat irgendeine höhere Macht ein Einsehen mit uns und schickt ein grummeliges Gewitter vom Himmel herab, das den gesamten Platz urplötzlich unter Wasser setzt.
Nach dieser (un)erwünschten Erfrischung sind plötzlich Sick Of It All („Setting the hardcore standard and raising it since 1986“) am Start und rotzen programmatisch „Scratch the surface, don’t waste time“ in die Runde. Upliftende New York-Aggro-Kracher, die geradliniges Groove-Geknüppel mit Brachial-Brüllerei verbinden. Hardcore at it’s best. Da können sich Molotov gleich darauf (trotz bester Tagesschauauftrittszeit) noch so mühen, einen draufsetzen können sie hier keinesfalls.
Die Ärzte haben jedoch wie zu erwarten das richtige Rezept, um das durchnässte Publikum noch einmal kräftig aufzuputschen. Mit der Slow-Mo-Version von „Elke“ (die neue Single) treten sie erstmal auf die Bremse, lassen die Luft raus – um dann umso heftiger nach vorne zu stürmen. Das Publikum singt, pogt, feiert und eigentlich dürfte dieser Abend damit beendet sein. Doch Such A Surge, Braunschweigs best in Sachen Rock, brennen als Headliner des Tages überraschenderweise nochmal alles weg, was nicht schnell genug unter den Zelten in Deckung geht. Neben „Tropfen“, dem Titelsong ihrer neuen, gleichnamigen EP (die kurz nach der Tour von 0 auf 45 in die deutschen Single-Charts einsteigt), überzeugt der furiose Fünfer um die Rapper Oli und Michel, Bassist Axel, Gitarrist Dennis und Drummer Antek zum Abschluss vor allem mit einem komprimierten Hit-Medley („Schatten“, Gegen den Strom“ etc.), das Bands und Besucher erschöpft aber begeistert in den verdienten Feierabend entlässt. Die überdimensionale „Jack Daniels“-Werbung leuchtet freundlich und verführerisch über den leeren Fußballplatz, wir reißen uns eine neue Diebels-Dose auf und chillen mit dem neuen Star Wars-Streifen auf Video im Tourbus aus – mit taiwanesischen Untertiteln. Versteht sich.
27. August 1999 x Minden
Nach dem verregneten, völlig unsachlichen Vortag, zeigt sich uns Minden am Freitag Mittag von seiner schönsten Seite: Die Sonne scheint am idyllischen, grünbewachsenen Weserufer, ein Ausflugsdampfer tuckert vorbei, während wir uns, aus dem Tourbus torkelnd, verschlafen die Augen reiben. Erstmal duschen, frühstücken, klarkommen. Im Catering-Zelt treffe ich Gitarrist Peter von den Berliner Beatsteaks, die für mich zu den größten Überraschungen im Vans Warped-Line Up gehören. „Für mich hat sich hier ein Kindheitstraum erfüllt, mal mit den Ärzten zu spielen. Außerdem kommt man sich vor wie eine kleine Familie, die zusammen herumzieht“, erzählt er euphorisch. Vor nicht allzu langer Zeit wurden die Beatsteaks als erste deutsche Band überhaupt vom Epitaph-Label gesingned, machen der renommierten US-Company vor allem live alle Ehre. „Meine ganzen Helden sind auf Epitaph. Wir hatten ziemlich viel Glück, dass sie uns genommen haben. Nichtsdestotrotz gibt es noch mehr gute Bands in Deutschland, die es verdient haben größer herauszukommen – und, siehe Such A Surge, auch echt etwas reißen können. Nur Los Angeles klingt eben einfach besser als Unterhaching.“
Eine weitere Gruppe, die momentan bei uns etwas, reißt sind Blumentopf aus München. Ihr Album „Großes Kino“ schoss kürzlich von 0 auf 21 in die Albumcharts, als einziger Deutsch-HipHop-Act (neben Die Firma) versuchen sie sich hier auch live bestmöglich zu verkaufen. „Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung in so einem Hardcore-Line-Up zu spielen und ein Rock-Publikum zu überzeugen“, meint Blumentopf-DJ Sepalot und findet es vor allem gut „dass es hier keine Starallüren und Lightshow gibt, das Ganze fast schon hippie-mäßig abläuft.“
Und das liebt anscheinend auch das Publikum, das sich im weitläufigen Areal sichtlich wohl fühlt, mehr herumlümmelt als herumläuft. Ungefähr 6000 Besucher vergnügen sich an diesem Tag an den Merchandising-Ständen (Höhepunkt: Die Freestyle-Session von Such A Surge-Shouter Oli und Blumentopf-Rapper Holunder), an der Halfpipe (Höhepunkt: BMXer Rick Thorne und Roller Skater Brian Wainwright fahren gemeinsam in der Rampe) und an der Bühne (Höhepunkt: Ice T. bringt den alten Bodycount-Burner „There goes my neighborhood“, Die Ärzte covern „Hier kommt Alex“ von den Hosen, spielen „Teenagerliebe“ und was sich sonst noch so alles in ihrem riesengroßen Best Of-Programm angesammelt hat).
Nach dem Konzert besucht uns der legendäre Ice T-DJ Evil E. (siehe & höre „Power“!) im Tourbus und tauft Surge-Rapper Michelle – weil so heisst ja kein richtiger Mann – mit Jägermeister-Kräuterlikör kurzerhand in „Rocwell Shell“ um. Als der massige Evil E. irgendwann verschwunden ist, torkelt der frisch Getaufte aus dem Tourbus, kniet sich vor die Tür und kehrt sein Inneres nach Außen. Rock’n’Roll. Es ist spät als wir „Rocwell Shell“ zwischen zerfetzten Flyern, Essensresten, Dosen und Dreck, wie ein Zombie herumirrend, endlich wiedergefunden haben. Vollzählig an Bord, verlassen wir das Gelände auf dem anscheinend ein Atomtest stattgefunden haben muss...
28. August 1999 x Duisburg
Jedes neue Aufwachen birgt eine neue Überraschung. So auch an diesem Samstag. Dunkle, schwarz-braun verrostete Stahlträger und sich wie Schlingpflanzen windende Rohrkonstruktionen stehen wie die Skelette verendeter Dinosaurier in der Gegend herum. This is Mad Max-Country. Duisburg-Ruhrpott. Schimanskihausen. Das apokalyptische Endzeit-Zechen-Szenario mit stillgelegten Hochöfen wird jedoch vom hellblauen WC-Himmel mit leicht schlierigen Wattebauschwolken gebrochen. Sattes Grün in Form von Gräsern, Büschen und Bäumen macht sich die pittoreske Ex-Malocherarbeitshölle langsam wieder untertan. Die Braunschweiger Busbesatzung fühlt sich gut, versammelt sich nach und nach zum Essenfassen. Such A Surge-Frontmann Oli lobt das Catering und den „Punk-Charakter der ganzen Veranstaltung. Es gibt keine Umbaupausen, keinen Soundcheck, keine Zugaben, super viele Leute stehen neben dir auf der Bühne und gucken dir unmittelbar zu. Eher ordinär finde ich dagegen den Skate- und Extremsport-Vibe, der hier stattfindet.“
Sicher ein berechtigter Kritikpunkt, denn die Sportler wurden nicht konsequent ins Programm integriert, scheinen vielmehr nur dazu da zu sein, die Coolheitsquote des Events noch ein wenig anzuheben. Ähnlich sieht es auch Jörg Timp, einer der Vor-Ort-Koordinatoren, der sich insgesamt zwar sehr zufrieden äußert, dennoch zugibt „dass der Sportaspekt in Amerika deutlich mehr ausgeweitet ist.“
Das stört die ca. 8000, meist jüngeren Besucher, an diesem sonnigen Samstag jedoch wenig. Sie tragen stolz ihre bunten T-Shirts mit den Schriftzügen der angesagten Hardcore, HipHop- und Punk-Crews spazieren und kaufen kräftig an den Merchandising-Ständen ein. Der bullige Pennywise-Gitarrist Fletcher Dragge weiss: „Es gibt noch Menschen, für die Musik etwas mit Lifestyle zu tun hat. Diese Menschen treffen sich auf der Warped-Tour“. Kaum verwunderlich, dass Pennywise an ihrem Stand ca. vierzig verschiedene Items anbieten, den Großteil ihres Lebensunterhaltes mittlerweile anscheinend mit Merchandising verdienen. Da werden vom hautengen Mini-Girlie-Shirt über die obligatorischen Caps und Sweater sogar dreckige Second Hand-Worker-Shirts mit aufgedrucktem Band-Logo verramscht. Gepriesen sei was Geld bringt. Ganz außer Frage steht an diesem Abschluss-Tag jedoch die Musik: Die Firma und Blumentopf spielen ihre besten Gigs, die Beatsteaks covern überragend „Kings Of Metal“ der Bodybuilding-Motorrad-Poser Manowar, Ignite versuchen sich an U2s ekliger Stadionfaustreckhymne „Sunday Bloody Sunday“, was per se eigentlich schon verboten werden sollte. Davor und dazwischen viel austauschbares Rock-Mittelmaß. Richtig rund geht’s erst wieder als Such A Surge um 20.30 Uhr auf der Bühne stehen und noch einmal alles geben. Obwohl ich die Jungs schon unzählige Male erlebt habe, ist es immer wieder faszinierend, welch ungeheure Live-Energie sie entfesseln. Nach kurzer Zeit hüpft der halbe Platz, Bassist Axel und Rapper Oli stürzen sich völlig euphorisiert in die wogende Masse. Den furiosen Schlusspunkt der „Vans Warped Tour ‘99“ auf deutschem Boden setzen jedoch Die Ärzte, die wirklich machen können was sie wollen, von ihren Fans allein für ihre Anwesenheit gefeiert werden: Songs wie „Lustiger Astronaut“, „Ist das alles“ und „Schrei nach Liebe“, dazu bizarre Tanzchoreographien, „Stücke die wir nie geprobt haben und „allerlei esoterische Gitarrensoli“ sorgen für schwerste Begeisterungsstürme vor, neben, auf und hinter der Bühne. Drummer Bela B. vollzieht dann noch Sex mit einem Skateboard bevor er das „Teufelsding“ unter tosenden Beifall in Flammen setzt. Burn, motherfucker, burn. Ich bin draußen.
Text & Foto: Christian Göttner
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