Anders sein

It’s Showtime mit Rocko Schamoni

Hallo Freunde, er ist der Beobachter – weit entfernt, erhaben über allem weltlichen Wirr & Warr, unberührt von Wohl & Wehe, thronend über allem, einfach nur dabei – so wie der Mond würde auch Rocko Schamoni gerne sein, so mutet der Auftakt seines neuen Albums „Showtime“ an: Das Stück „Der Mond“ wurde „geschrieben nach einem langen Abend im Pudel-Club“ mit langen Gesprächen über die immergleichen Themen: „Die Themen sind natürlich immer noch relevant, aber ich will nicht zum tausendsten Mal drüber reden, so lange es da nichts Neues zu sagen gibt“, so Rocko, der „Soulbrother in Plastikjeans“, der übrigens nicht mit Schorsch Kamerun die Sonnenfinsternis im Motorboot auf dem Chiemsee erlebte, sondern währenddessen mit SUBWAY plauderte; über Paco Rabanne, über merkwürdige Mystifizierungen des genannten Naturereignisses und nicht zuletzt über „Showtime“. Aufgenommen mit seiner Band „Jogging Mystique“, sind die skurrilen Beobachtungen und verdichteten Wahrnehmungen, Hirngespinste und politischen Bekenntnisse des perfekten Entertainers Schamoni in fetten Soul-Sound verpackt.

Was bislang nur live zu genießen war, verleiht seinen Songs nun auch in Konservenform jede Menge Leben. Dass die Musik voller ist, bedeutet nicht, dass die Texte in irgendeiner Form abgenommen hätten: Neben der vergnüglichen Unterhaltung des Hörers geht es dem „Milleniumbabe über dreißig“ immer noch um das liebevolle Aufdecken der Alltagsabsurditäten, der zwischen- und innermenschlichen Abgründe. Und er spart nicht mit Tipps: als Dozent in der „Loveschool Hamburg“ rät er den Schülern, zur Enteignung die Besitzer aus den Häusern gewaltlos „so richtig herauszuschmusen“. Klar auch, dass der Song nach ebendieser Eröffnung nur als Instrumental weitergehen kann, denn: „Diese Welt ist völlig ungerecht aufgeteilt, und natürlich bin ich im Prinzip für die Enteignung des festliegenden Kapitals. Die Welt muss den Menschen zurückgegeben werden. Aber die Wege dafür sind mir unklar.“ So ruft er stattdessen stellvertetretend für die „New Generation“ „die Revolution aus niederen Motiven“ aus, wobei er die hehren Sturm- und Drangmotive jeder neuen Avantgarde gleich mit dem üblichen Ausgang solcher Ablösungen mitverkündet. „Wir wolln von Villen aus auf die Alster sehen“, bekennt er, „wir wolln, dass Geld und Macht in unsere Taschen fließen, wir wollen alles und wir stoßen euch vom Thron“ – auf dem sich die „neue Opposition“ dann natürlich genauso breit machen wird wie ihre Vorgänger: „Das ist nicht die Generation, in der ich mich sehe, sondern mehr so’n Ihr-Lied. Doch ich habe große Sympathie für Aufbruch und Veränderung, aber all die hehren Ziele landen meistens genau an den extrem langweiligen Punkten, gegen die sie angetreten sind.“

Einsicht in bittere Realitäten, verbunden mit dem Wunsch nach dem „Anders sein“, „Gegen den Staat“, dem „Wegrennen“ vor der Normalität. „Ich meine natürlich ganz viel auf der Platte ganz ernst, muss das aber auch wieder brechen“, so Rocko, „doch „Anders Sein“ ist für mich schon der zentrale Song des Albums.“ Offener und aufrichtiger Umgang mit den gesellschaftlichen und persönlichen Widersprüchen, verpackt in einem mitreißenden Entertainment-Package, mit einer Bonus-CD mit Hamburgs Remix-Elite (Eißfeldt von den Absoluten Beginnern, DJ Koze etc.) und im Booklet trägt er in einer neuen Marketingidee seine Haut zu Markte: Schumi-mäßig bietet er seinen nackten Körper als Werbeträger an, ohne Overall, das Werbe-Tattoo als konsequenter Self-Sellout – die Tabakfirma Nil hat die Idee nicht verstanden (oder vielleicht doch?) und ist kurzfristig wieder abgesprungen: It’s showtime, Ihr Lieben, und „Diskoteer“ Rocko Schamoni schwingt als gefallener Engel den Colt als Dirigentenstab.

Text: Matthias Schröder
Trikont
Rocko Schamoni

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