|
Wenn sich ein pensionierter Konditor aus Wandsbek im betagten Alter von 64 Jahren zum nunmehr dritten, ein 28-jähriger Bad Harzburger zum ersten Mal auf einem primitiven Gefährt von der Strömung und günstigen Passatwinden über den rauen Atlantik treiben lassen, dann steckt sicher mehr dahinter als die pure Lust am Abenteuer. Die Menschenrechtsaktivisten Rüdiger Nehberg und Lars Spanger werden sich Anfang Dezember auf eine 4 000 Kilometer lange Tortur, von der senegalesischen Hauptstadt Dakar bis zur brasilianischen Küste, begeben. Erneut wird der Überlebenskünstler Nehberg mit moralischem Zeigefinger satte und zufriedene Bürger der westlichen Welt auf den Landraub an den Eingeborenenvölkern der Welt aufmerksam machen.
Der Appell der beiden Extremsportler prangt in großen Lettern auf dem Segel des Vehikels: „Schützt die Indianer – respektiert ihre Landrechte – erhaltet den Regenwald!” Denn am 22. April 1500 ist Brasilien von den Portugiesen entdeckt worden. Hunderttausende Ureinwohner wurden in den folgenden Jahren ermordet, gejagt, versklavt, von Krankheiten dahingerafft und zwangsmissioniert. „Ich hörte von den gewaltigen, pompösen Feiern, die dort zum 500-jährigen Jubiläum stattfinden sollen; für mich Anlass genug, diese Missstände ins Gespräch zu bringen”, erläutert Nehberg sein Motiv.
Und weil es bei dieser Reise auch um den Regenwald geht, der in Brasilien immer noch gnadenlos vernichtet wird, kam Nehberg und Mittreiber Spanger die zündende Idee mit dem Baumstamm: „Ich habe mir bei einem Baumarkt einen Pfahl gekauft, ihn ins Wasser geworfen, und siehe da: Er schwamm”, erzählt Nehberg. Natürlich ist die Herkunft der neun Tonnen schweren Schweizer Weißtanne ökologisch vertretbar und politically correct: „350 Jahre hat „The Tree” schon auf dem Buckel, ist also etwas älter als ich, und war vom Abrutsch bedroht”, erläutert Nehberg grinsend. Bevor Spanger und Nehberg allerdings mit der Tanne auf Öko-Tour fahren, müssen sich die beiden Querköpfe noch vertraglich über die Exklusivrechte der anschliessenden Vermarktung einig werden. SUBWAY traf sich mit den beiden Hobby-Skippern zum Gespräch an der Hamburger Binnen-Alster.
Was genau war die Initialzündung für Ihr neues Projekt?
Nehberg: „Vor zwanzig Jahren habe ich das letzte große, frei lebende Indianervolk Amerikas – die Yanomami-Indianer – in Nordbrasilien und in Südvene-zuela kennen gelernt. Ich erfuhr, wie schlecht es ihnen geht: Man fand bei ihnen Gold und beutete sie skrupellos aus. Man holzte ihre Wälder ab, vernichtete Tiere, schleppte Krankheiten ein. Wer Widerstand leistete, wurde erschossen. Die Indianer sind mir sehr sympathisch geworden, nachdem ich ihr Elend gesehen habe – und zwar nicht aus so einer Karl May-Romantik, sondern wegen ihrem Respekt gegenüber der Natur und ihrer bescheidenen Lebensweise. Als Indianer, Schwarzer oder Analphabet hat man in Brasilien nur geringe Chancen. Dabei ist die brasilianische Verfassung eigentlich wunderschön: Würde sie respektiert, wäre Brasilien eine Demokratie.”
Was qualifiziert Lars Spanger als Ihren Partner an Bord?
Nehberg: „Ich habe Lars getroffen, als er mich aus der Patsche zog. Der BGS wollte vor einiger Zeit einen meiner Stände betreuen, sagte aber kurzfristig ab, Lars zog seine Uniform aus, und half mir privat. So blieb diese Bekanntschaft und wir wurden schließlich Partner.”
Wie sieht die physisch-psychische Vorbereitung für dieses Projekt aus?
Spanger: „Durch meine Survivalschule im Harz habe ich täglich mit dem Thema Überleben zu tun, allerdings nur an Land. Ich selbst bezeichne mich als Bleiente, Wasser ist nicht mein Element. Aber gerade das ist eine Herausforderung und eventuell auch meine Lebensversicherung, denn ich werde auf keinen Fall von Bord fallen und mich immer an dem Baumstamm festkrallen.”
Nehberg: „Ich gebe auch noch Survival-Kurse, bin dadurch immer in Bewegung, wir machen spezielle Trainingseinheiten bei den Kampfschwimmern der U-Boot-Marine, testen unsere Seefestigkeit und den Baum in der Nordsee.”
Ihr Gefährt sieht ziemlich wackelig aus...?
Nehberg: „Ich rechne damit, wenn richtige Kracher von Wellen über uns weggehen, dass die Ausleger irgendwann abbrechen. Draußen auf dem Atlantik herrschen unglaubliche Kräfte, Tonnen von Gewichten zerren an uns. So ein Baumstamm ist plump und massiv, der taucht tief ein, während die Ausleger versuchen, nach oben zu knicken. Wenn das geschieht, fährt der Baum natürlich noch alleine, aber ohne Segel. Die Berufsmarine mokiert sich natürlich deshalb gerne, und sagt, mit so einem Fahrzeug kann man gar nicht in Amerika ankommen, ihr begebt euch in große Gefahr, wir müssen uns dann einsetzen und euch rausziehen, das ist unverantwortlich. Ich finde es ebenso unverantwortlich, sich in den Sessel zu setzen, nach dem Motto: Ich lebe in Deutschland und mir geht’s saugut!”
Wie gehen Sie mit Ihren Ängsten um?
Nehberg: „Angst habe ich mir immer erhalten, habe sie relativiert, gelernt, wovor ich keine Angst habe. Angst ist wie Ekel, ein wichtiges Alarmsignal!“
Wie werden Sie sich ernähren, wie vertreiben Sie sich während der zweimonatigen Reise die Langeweile?
Spanger: „Ernähren werden wir uns überwiegend von Fisch, denn der ist ständig um uns herum, von Kartoffelpuffern aus dem Supermarkt und von Müsli. Für den Durst haben wir Trinkwasser in Kanistern und eine Meerwasserentsalzungsanlage dabei.”
Nehberg: „Zur Unterhaltung werde ich einige Bände des Brockhaus’ und die neue deutsche Rechtschreibung mitnehmen, um sie in ihren verschiedenen Varianten zu studieren.”
Welche waghalsigen Aktionen werden Sie künftig in Angriff nehmen?
Nehberg: „Mein persönlicher Traum ist eine völlig unpolitische Sache: Ich werde mich in einem Hubschrauber irgendwo im Regenwald absetzen lassen, ohne Ausrüstung, nur im T-Shirt. Ich garantiere: In spätestens vier Wochen stehe ich wieder bei der Zivilisation auf der Matte.”
Text & Foto: Markus Kruppa
|