Olympier unter sich

Independent ’99 mit Mouse on Mars

Noch ist es nicht so weit, aber bald: dann spielen Mouse On Mars vor Hunderttausenden auf großen Festivals, gibt es Mouse-On-Mars-Tribute-Alben eifriger Nachwuchs-Combos, Fanclubs mit hysterischen Teenagern in formschönen Merchandise-Gewändern und Breitwandberichterstattung in der Bravo. Jedermanns liebstes Elektronik-Duo aus Köln hat ein neues Album veröffentlicht, „Niun Niggung“, und Jan Werner und Andi Thoma sind immer noch auf dem besten Wege, die Popstars des neuen Jahrtausends zu werden.

Wenn nur irgendetwas dran ist am Gerede vom neuen digitalen Zeitalter (Internet, eTrade – ihr wisst schon), dann sind Mouse On Mars die passende Musik zur Zeit. Natürlich nicht auf der großen bunten Mainstream-Bühne, wo Westbam, Hollywood oder ein paar obskure Japaner gerne weiter ihre Cyborg-Phantasien ausloten dürfen, sondern mehr so als ewig sympathische Independent-Stars. Subkultur wie in den Achtzigern, als alle Oberschüler in die Konzerte ungewaschener amerikanischer Gitarrenschlaffis gerannt sind. Und solche Bands kommen bekanntlich irgendwann richtig groß raus. Vielleicht ist es nicht Mouse On Mars’ vorrangigstes Ziel, Untergrundhelden 2000 zu werden, aber sie tun auch nichts, um diese Entwicklung zu verhindern, gottseidank: auf „Niun Niggung“ haben sich die beiden Freestyle-Elektroniker wiederum das interessanteste, schönste und auch spannendste aus der Menge aller denkbaren Sounds herausgeschnitten. Von der an Stereolab gemahnenden Klangidylle „Download Sofist“ bis zum klotzigen „Destroia“ ist das neue Album eine Perle funkelnden Daten-Pops – braucht man für so etwas eventuell einen geheimen Masterplan? „Naja, man überlegt ja schon, warum man noch eine Platte machen soll“, gibt Jan Werner im SUBWAY-Gespräch zu bedenken, „wir haben schließlich schon drei Stück aufgenommen. Außerdem behaupten wir in Interviews auch immer nur, dass wir am Scheitern interessiert wären. In Wirklichkeit wollen wir natürlich bloß so viel Platten wie nur irgend möglich verkaufen.“ Die teure Stretch-Limousine wird daher auch in gebührendem Abstand zu den Konzerthallen geparkt, damit die naiven Fans nichts merken, und im Studio arbeiten eh nur noch unterbezahlte Ton-Sklaven. Nein, stimmt gar nicht. Aber Streicher und zwei Zirkus-Bläser waren diesmal mit im Studio, Jan Werners Microstoria-Kollege F.X. Randomiz und auch die, äh, Kölner Szene-Legende Harald „Sack“ Ziegler („Das ist halt so’n Wahnsinniger eigentlich“). Ihr letztes Werk „Autoditacker“, meint Jan Werner rückblickend, sei zu „kleinteilig“ gewesen, „Niun Niggung“ dagegen zwar nicht weniger fragmentiert, wohl aber offener, weiter angelegt, vielleicht weil sie diesmal sogar noch mehr und verschiedenere Sounds in den einzelnen Tracks untergebracht hätten. Und so wie sich ein Mouse-on-Mars-Track durch immer neue Metamorphosen schraubt, eigentlich sogar immer mehrere Tracks gleichzeitig ist (und das ohne doof und jazzrockverfrickelt zu klingen) kann auch Jan Werner seine Gedanken zur Musik wild mäandern lassen: Für den Interviewer heißt das, bescheiden zuzuhören und mitzuschneiden. Mouse on Mars haben ein komplex-verspieltes Gedankengebäude auf ihrer Musik errichtet, auf Du und Du mit den Tönen. Deshalb haben die beiden freundlichen Rheinländer auch den für Elektronik-Bastler eher ungewöhnlichen Ruf, irgendwie total knuffig zu sein. Warum auch nicht? Auf ihrem unaufhaltsamen Weg in den Subkultur-Olymp kann das nur von Nutzen sein. Und die Musik ist ja ohnehin großartig.

Text: Alexander Haase
Thomas Rabsch
Mouse on Mars

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