Leine-Lesung

Der 8. Göttinger Literaturherbst

„Klein aber fein“, so fing er an, der Göttinger Literaturherbst. Anfangs eine mehrmonatige Reihe von Lesungen, nun im Zwei-Wochen-Paket. Ein Literaturfestival in der nahen Leinestadt, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Während die Branche sich auf den Buchmessen selber feiert, stehen hier ausschließlich die Schriftsteller im Vordergrund. Oder – wie im Fall Goethe – deren Texte, performed von Schauspieler André Eisermann. Auch John Lennon wird posthum präsent sein: Ben Becker nimmt sich seiner vielerorts unbekannten literarischen Texte an.

Der Schwerpunkt sind jedoch die lebenden Literaten, und da beweist Veranstalter Christoph Reisner nicht nur sein feines Näschen für Newcomer und weniger prominente Schriftsteller – jede Menge „Big Names“ werden vom 15.-24.10. in Göttingen gastieren. Allen voran der in Amerika kontroverseste und wohl meistgeschmähteste, aber auch erfolgreichste Schreiber: „American Psycho“-Autor Bret Easton Ellis. Ellis wird aus seinem neuen surrealen Thriller „Glamorama“ zum ersten Mal in Deutschland lesen.

Ebenfalls ein Smasher ist der Auftritt von Philippe Djian. Sein Roman „Betty Blue“ ist eine der wenigen gleichwohl erfolgreichen wie exzellenten Literaturverfilmungen; wobei Leser des Romans wissen, dass das Buch noch mehr Abgründe zu bieten hat als sich auf der Leinwand auftun. Djian, wird seinen Roman „Heißer Herbst“ im Gepäck haben, mit dem er seine „Sainte Bob-Trilogie“ abschließt.

Publikumsmagneten sind auch Christa Wolf, Frank McCourt und Marcel Reich-Ranicki; letztere Lesung ist schon ausverkauft – typischer Fall von „Fernsehfressen verkaufen sich gut“? Nun ist das nicht zu leugnen, doch rechtfertigt die Autobiografie „Mein Leben“ auf jeden Fall das Standing, das sie aufgrund von Ranickis TV-Präsenz in den Läden hat. Nicht minder interessant dürften die Auftritte von Will Self, der „Die schöne Welt der Affen“ erkundete, der ungarischen bzw. belgischen Bachmann-Preisträgerinnen Terezia Mora und Birgit Vanderbeeke, der ebenso spitzen wie deprimierend anmutenden Sibylle Berg und von jüngeren Autoren wie zum Beispiel des hoffnungsdlosen Oasis-Fanatikers Benjamin von Stuckrad-Barre oder von Judith Hermann werden. Mit Spannung erwarten darf man auch Christian Krachts Präsentation seiner Anthologie „Mesopotamia“, für die 17 junge deutsche Autoren nach „Orten am Ende des Jahrtausends“ gesucht haben.

Wer sich nun noch denkt: „Brauche ich nicht; kann selber lesen!“, sieht nur eine Seite der Medaille; denn gerade die sich an viele Lesungen anschließenden Fragerunden sind das heimliche Highlight der Veranstaltungen. Wort drauf.

Text: Matthias Schröder
Foto: Literaturherbst
Sibylle Berg

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