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Im Alter von ca. zehn Jahren besaß ich ein Paar eng, aber nicht zu eng sitzende tiefschwarze „Elite“-Fußballschuhe, das mich noch geschmeidiger dribbeln, noch gewaltiger schießen und entschieden gepardenartiger an der Außenlinie entlang sprinten ließ als es mir mein gottgegebenes Talent sowieso schon ermöglichte. Ich liebte diese Schuhe! Sie waren trotz ihres Exklusivität verheißenden Namens die Underdogs unter den Stollenstiefeln. Billig waren sie, nur im Kaufhof zu erwerben, und niemals hätten Gerd Müller und Franz Beckenbauer auch nur ein Trainingspiel in (keckerkeckerkecker) „Elite“-Schuhen absolviert. Sogar die Zuspieler, Wasserträger und Liga-Sklaven wie Katsche Schwarzenbeck trugen „adidas“ oder „Puma“, die Erzeugnisse der verfeindeten Dassler-Brüder aus Herzogenaurach. So auch die wohlhabenderen unter meinen Mitschülern, und ich gestehe, lange Zeit wünschte auch ich mir diese Angebertreter. Aber für meine mütterliche Erziehungsberechtige kam sowas nicht in die Einkaufs-Tüte, aus einsichtigen, nämlich finanziellen Gründen. Schließlich schuftete sie sich den Buckel krumm und sah es nicht ein, dass ich die hartverdienten Moneten für eitlen Firlefanz aus dem Fenster schmiss. So kam es zum „Elite“-Kompromiss. Beim ersten Tragen waren mir die billigen Dinger zunächst noch peinlich, doch nach dem dritten Tor bedeutete ich meinen schnöseligen Teamkameraden mit hochgezogenen Augenbrauen, dass solche Leistungen nur mit Kaufhof-Fußballschuhen zu erreichen waren. Nomen est Omen, und so wurde ich durch das Tragen dieser Schuhe zu meiner eigenen, kleinen Fußball-Elite...
Vielleicht könnte man über diese Erfolgsgeschichte mal einen abendfüllenden, englischen Spielfilm drehen. Deutsche können sowas nicht. Der Deutsche Film hat kein Herz für den kleinen Mann und wahrscheinlich erst recht nicht für den Fußballschuh des kleinen Mannes. Die Engländer sind da ganz anders. Ich sehe es schon vor mir: Ich hieße dann Joe oder Patrick, hätte rotblonde Haare mit schräg in die Stirn hängendem Fransenpony. Die großflächigen Sommersprossen in meinem Gesicht ließen mich immer leicht ungewaschen erscheinen. Meine allein erziehende Mutter wäre eine verschlampte Ketternraucherin mit wechselnden alkoholisierten Männerbekanntschaften und einer großen Klappe. Und einem gigantischen Herzen. Jedes zweite Wort, dass aus meinem Kindermund käme, wäre ein „Fuck“ oder ein „fucking“, wofür ich jedes Mal von meiner Mutter eine geschossen bekäme. Ich und alle anderen hätten einen derb-charmanten working-class-Akzent, der deutsche Englisch-Leistungskurs-Gymnasiasten, die sich den Film zwecks Sprachpraxis im Original ansehen müssten (5. & 6. Stunde, Medienraum) darüber nachdenken ließe, ob man vielleicht nicht doch noch zu Bio wechseln könne. Die erste Einstellung wäre eine klassische: Joe (oder Patrick) stünde mit einem Freund vor dem Schaufenster einer Sportwarenfachhandlung und fixierte das Objekt seiner Begierde, ein Paar teure, aus Känguru-Leder hergestellte Marken-Fußballschuhe: „Oh, Fuck“, würde er sagen, „70 Pfund! Die kauft Mum mir nie!“ Und wie recht er damit hätte. „Glaubst du, du bist Prince Harry oder was?“, würde sie kalt antworten, obwohl sie ihn natürlich liebt wie nix Gutes. Sie würde sich eine neue „Silk Cut“ anstecken, die Fluppe im Mundwinkel hängen lassen und mit dem Rücken zu ihrem Sohn ein paar Eier in die Pfanne hauen, einen Beefburger aus der Tiefkühlpackung dazu gleiten lassen und die „Baked Beans“ aus der schon geöffneten Dose in einen Topf kippen, dessen Plastikgriffe schon vor längerem von der offenen Gasflamme verschmort wurden. „Klar, wir könnten einfach mal ein, zwei Wochen nichts essen... dann wäre das kein Problem mit diesen Turnschuhen“. Ja, ja in englischen Filme ist sogar die Arbeiterklasse ironiefähig. „Das sind Fußballschuhe! Keine Turnschuhe! Aus Känguru-Leder, verstehst du!“, würde Joe (oder Patrick) enttäuscht brüllend antworten, die Tür zuschmeißen und auf den Bolzplatz verschwinden. Am Abend käme seine Mutter noch einmal in sein Zimmer, leicht angeschickert, nähme ihn in den Arm und sagte: „OK, du bekommst ein Paar Fußballschuhe. Morgen gehen wir los und kaufen sie.“ Joe würde sagen: „Mum, du sollst mir mein Zimmer nicht immer vollqualmen!“, sich aber zu Tode freuen. Wie man aber schon aufgrund meiner Originalgeschichte ahnen kann, versteht die Mutter leider immer noch nicht den Unterschied zwischen einem Paar sozial anerkannter und einem Paar Scheiß-Fußballschuhe, und so geht sie mit ihrem Sohn am nächsten Tag in die Sportabteilung von „Marks & Spencer“, stellt sich mit ihm vor das Schuhregal und sagt: „Los, du kannst dir ein Paar aussuchen! Aber mehr als 30 Pfund sind nicht drin, OK?“ „Fuck“, würde Joe (oder Patrick) sagen und dann ginge die Geschichte richtig los...
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