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Mit seinen kalkweißen Haaren und dem lauernden Blick wird so mancher ein paar schlaflose Nächte seiner Kindheit verbinden. Der Böse aus den Edgar Wallace Filmen der frühen 60er Jahre: Klaus Kinski. Vor acht Jahren, am 23. November 1991, stirbt er in seinem Haus in Los Angeles an Herzversagen. Zwei Filme lassen in diesem Herbst das - dezent gesagt - exzentrische Genie wieder auferstehen. Der deutsche Regisseur Werner Herzog blickt in "Mein liebster Feind" zurück auf fünf gemeinsame Filme während der 70er und 80er. Kinski selbst verwirklichte ab 1987 sein lang gehegtes Projekt über den "Teufelsgeiger" Nicoló Paganini. Regie, Drehbuch, Schnitt, Synchronisierung und die Rolle des diabolisch genialen Geigers, zu dessen Person und Vita er eine "frappierende Ähnlichkeit" verspürte, besetzte er höchstpersönlich. Die Lebensgeschichte zweier extremer Künstler, simpel betitelt mit "Kinski Paganini". Eine Odyssee um Verleihrechte und Streitigkeiten mit den beiden italienischen Produzenten lassen den Film erst zehn Jahre später in den deutschen Kinos erscheinen.
18. Oktober 1926: in Zoppot wird der "rüpelhafte Deutsche" als Nikolausz Günther Naksynski geboren und wächst mit seinen polnischen Eltern während der Weltwirtschaftskrise in ärmlichsten Verhältnissen in Berlin auf. Den Lebensunterhalt klaut er, um seiner Mutter die Hurerei zu ersparen. Als sie ein Pfandleiher dennoch zwingen will, "spaltet ihr mein Vater, der die Güte von Jesus Christus hat, dieser Sau mit seinen gigantischen Fäusten die Fresse, wie mit einer Axt". Kinski kommt in ein Kinderheim. Die "Kinderhölle", wie er sagt, wo ihm "Zuchthausschlampen Schweinefraß" vorsetzen. Später kommt er erneut in ein Heim, die "Erwachsenenhölle", ein Selbstmordversuch bringt ihm die Einweisung in die geschlossene Abteilung des Krankenhauses Berlin-Wittenau.
Schnitt. Mit 20 Jahren erhält er seine erste kleine Theaterrolle am Schloßpark Theater in Berlin: bezeichnenderweise Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung". Er wird an weiteren Häusern besetzt, dem Hebbel Theater und dem Deutschen Haus im Osten der Stadt und hält Lesungen. 1948 steht er zum ersten Mal vor der Kamera für die deutsche Produktion "Morituri" unter Eugen Yorks Regie. Zwei Jahre später zieht er nach München und spielt an den Kammerspielen. In der zerbombten Stadt lernt er zufällig den jugendlichen Werner Herzog kennen, als er ein winziges Zimmer in der gleichen Wohnung bezieht und einen bleibenden Eindruck hinterlässt: Ein 48-stündiger Tobsuchtsanfall lässt ihn das Badezimmer zerlegen, bis es laut Herzog komplett durch ein Nudelsieb passte.
Nicht allein durch seine Cholerik wird Klaus Kinski allmählich prominent. In den 50ern übernimmt er weitere Filmrollen. Theatergastspiele am Wiener Burgtheater und in Italien folgen. Er rezitiert Francois Villon und Goethes "Faust", zieht mit seinen Lesungen großes Publikum an. Anfang der Sechziger tourt er mit seinem Programm durch deutsche Hallen, fängt gleichzeitig an, Filme am Fließband zu drehen: "Die toten Auge von London", "Der Zinker", "Das Gasthaus an der Themse" machen Londoner Nebelschwaden berühmt und Kinski zum deutschen Bösewicht schlechthin. Es folgen unzählige Produktionen. "Eine Menge Scheißfilme", die er ausschließlich aus finanziellen Motiven gedreht habe.
Geld wird auch dringend nötig, denn der Künstler, der einst auf kniehohem Laub nackt in einem Münchener Dachboden-Verschlag gewohnt hatte, baut seinen Lebensstil aus. 1965 zieht er nach Rom in eine Burg an der Villa Appia Antica, frönt seiner Leidenschaft für Autos. 1969 ersteht er seinen achten Rolls Royce, verkauft sich deshalb als "teure Hure" an Italo-Western. Ein extremes Maß an Professionalität bringt er zu den Dreharbeiten mit, erwartet sie allerdings von allen, schließlich will er die Produktionen schnell hinter sich bringen. Drehbüchern und Regieanweisungen schenkt er nur selten Beachtung, Probeszenen lehnt er ab: "Hin- und Herlatschen, damit die Regisseure auch mal sehen, warum sie keine Phantasie haben, das mache ich nicht."
In Peru dreht Klaus Kinski 1972 "Aguirre - Der Zorn Gottes", sein erster Film unter Werner Herzogs Regie. Das Drehbuch sei "analphabetisch primitiv". Vielleicht eine der Voraussetzungen für die erfolgreiche Zusammenarbeit der Beiden. Ihn reizen die Freiräume und oft enden die Versuche Herzogs, seinen Star im Zaum zu halten, im endlosen Streit. Als Kinski wutschnaubend ein Motorboot bepackt, um die Dschungel-Dreharbeiten zu verlassen, droht Herzog, ihn noch vor der ersten Flussbiegung acht Kugeln in den Kopf zu jagen, die neunte sich selbst. Der kantige Blonde nimmt ihn ernst und dreht "Fitzcarraldo" (1981) zu Ende. Bereits 1978 machte "Nosferatu" und "Woyzek" den Regisseur mit seinem cholerischen Star berühmt. "Cobra Verde" bildet 1987 den Abschluss ihrer aufreibenden Zusammenarbeit und den Eklat. Herzog: "Das Maß ist voll!"
In "Mein liebster Feind" blickt Werner Herzog zurück auf die gemeinsamen Jahre ihrer tiefen Hassliebe. Er kehrt zurück an Drehorte im Amazonas Gebiet und berichtet dort von kleinen Begebenheiten und großen Legenden: Indianische Statisten boten ihm an, den tobenden weißen Mann für ihn umzubringen. Nach einem todbringenden Schlangenbiss in den Fuß trennt sich ein Waldarbeiter am Urwald-Set mit der Motorsäge das Bein ab. Rasend über die Unaufmerksamkeit eines Kleindarstellers, rennt Kinski schreiend in seiner spanischen Rüstung auf ihn zu, und schlägt ihm mit seinem Schwert eine tiefe Schmarre in den Eisenhelm. Herzog trifft den Statisten in Südamerika wieder und lässt ihn die Narbe präsentieren. Es reihen sich die unglaublichsten Storys aneinander, die erahnen lassen, mit welchem Einsatz Herzog, Kinski und Team ihre Filme drehten. 20-stündige Drehs, lebensgefährliche Szenen, campieren in kleinen Holzverschlägen, Tage entfernt von den nächsten Städten.
Eine rege Abneigung empfindet er für die Journaille, das "Scheißgesindel". Sehr zum Ärger der Filmfirmen wird er zum Enfant terrible der Talkshows. Legendär seine Auftritte bei Desirée Nosbusch: "Die Leute hier sind gefüttert mit ihrem blöden Vokabular." Einer unvorbereitet, gelangweilten Alida Gundlach entgegnet er, sie könne nur wegen ihres geilen Arsches hier sein. Fühlt er sich nicht ernst genommen, und das geschieht schnell, verlässt er schnaubend die Runde. Seine Produzenten verzichten auf weitere Promo-Auftritte ihres Stars.
Mit Leidenschaft jedoch verfolgt Kinski auch sein eigenes Projekt. In den 60ern entdeckt er das "wilde, von Leidenschaft verwüstete" Portrait eines Geigers in einer Wiener Musikhandlung. "Ich frage den Ladenbesitzer, wen die Person auf der Abbildung darstellt. Er sagt: Paganini. Ich stürze aus dem Geschäft. Ich hatte nicht gewusst, dass ich Paganini war." Wie besessen beginnt er, die Vita des Teufelsgeigers zu erforschen. "Ich verschaffte mir durch einen im theologischen Seminar einflussreichen homosexuellen Mönch Zutritt zur Bibliothek des Vatikan." Kinski beginnt, seine römische Villa mit allen verfügbaren Devotionalien Paganinis auszustatten. Er identifiziert sich total mit dem Leben des Genies aus Genua, stärker noch als zuvor mit dem Dichter-Vagabunden Francois Villon. Es sei Reinkarnation, die Parallelen seien zu stark: beide sind Emporkömmlinge aus einfachsten Verhältnissen, Autodidakten, verausgaben sich total für das Publikum und ihre Kunst. Auch der exzessive Lebenswandel des grimmigen Deutschen und des hageren Italieners scheint beide zu einen. "Ich dachte, fühlte, handelte wie Paganini. Seine sexuelle Gier war ohnehin die meine."
Deftiges Ficken erwartet folglich auch den Zuschauer bei "Kinski Paganini", wobei der inzwischen gut 60-jährige gleich zu Beginn der Dreharbeiten klar macht, dass er Darstellung oder Spiel in seinem Film nicht dulde. Alles müsse realistisch verbürgt sein. Dementsprechend realistisch auch die Besetzung: Nanhoi Kinski, für den Film Nicolai getauft, ist Kinskis jüngster Sohn mit der Vietnamesin Minhoi, seiner großen Liebe. Die dritte und zugleich letzte Ehe - seine beiden Töchter Pola und Natassja stammen aus Versuch eins und zwei. Paganinis bedeutenste Affäre wird verkörpert von Kinskis Geliebter Debora Caprioglio. In düsteren Zeitlupenbildern und langen Kutschfahrten bewegt sich der Film durch das Leben der beiden Extremkünstler, schwankend zwischen intensivsten Momenten und -seltener- Langeweile. Über allem schwebt und kreischt die Musik des Geigenvirtuosen, gespielt von dem Italiener Salvatore Accardo, dem einzigen lebenden Violinisten, dem eine angemessene Interpretation von Paganinis Spiel und Technik zugetraut wird.
Es bietet sich ein faszinierender Einblick in das Wirken Kinskis und der einzige Film, in dem er seine Vision von künstlerischen Schaffen ausleben konnte. Bis ins Detail lebte er sich in Kulissen und Kostüme ein. Kinski lässt seine Haare seit Jahren lang wachsen, um jederzeit mit den Dreharbeiten beginnen zu können, sobald die Finanzierung des Projektes steht. Um den gesundheitlichen Verfall des an Syphilis erkrankten und schwindsüchtigen Geigers besser darstellen zu können, bittet er seinen Pariser Zahnarzt, ihm das komplette Gebiss zu ziehen. Mit Prothesen wirke das Dahinsiechen realer. Der Dentist weigert sich.
Sein Drehbuch existierte nur in kurzen Notizen, jedoch, wie er sagt, jede einzelne Sekunde in seinem Kopf. Die Kameras liefen unentwegt, pro Tag produzierte Kinski das Material eines durchschnittlichen Spielfilmes. Nach Drehschluss spielte er vor der Kamera allein einzelne Szenen und Momentaufnahmen durch. Über 45 Stunden Filmmaterial wurden so belichtet.
Danach der Irrweg des fertigen Filmes. Streit mit den Produzenten und die Ablehnung aus Cannes verhindern, dass "Kinski Paganini" kopiert wird und in die Kinos kommt. "Welche Agonie ich zu überstehen hatte. Welchen Kampf, der vielleicht der schwerste meines Lebens war." 1989 finanziert er eine Gala-Aufführung in der Pariser Oper, 1990 läuft der Film offiziell in Italien. Bis November 1999 müssen sich deutsche Kinski Fans gedulden, um den einzigen original Kinski Film zu genießen. Neben 139 meist italienischen oder deutschen Produktionen, in denen der rüpelhafte Deutsche zu sehen ist. "Die Arbeit an Paganini war die einzige magische Arbeitszeit meines Lebens gewesen. Die täglich zwanzigstündige Arbeit erfüllte mich mit Leidenschaft. Ohne die Schikanen und Quälereien wären wir pausenlos glücklich gewesen. An vielen Tagen waren wir es."
Text: Volker Peschel Foto: televisor
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