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Die Zeitschrift „Sex to Sexty“ erschien in den Sechziger und Siebziger Jahren in Texas. Es war eine Art erotisches Comicheft für Erwachsene mit derben, politisch unkorrekten Witzen und Cartoons, das am ehesten die männliche amerikanische Landbevölkerung ansprach. Der 1954 in Detroit geborene Mike Kelley war zur Blütezeit dieses Magazins noch nicht erwachsen, und deshalb bedeutet die Erinnerung an die Ausgaben von „Sex to Sexty“ für ihn etwas weit anderes als nostalgische Reminiszenzen an einen uralten Herrenwitz: „Für Kinder hat ein Comicbild selbst schon etwas Erotisches“, erzählt Kelley, „...aber ich war davon fasziniert, dass die Cartoons schmutzig waren, auch wo ich sie nicht verstand.“
Dieses Thema, das Verleugnen der idealisierten Vorstellung der Erwachsenen vom reinen, unschuldigen Kind, zieht sich als roter Faden durch Kelleys Werk. Immer wieder ist die Erinnerung, oder besser die diffuse, vergessene oder gar verdrängte Erinnerung das Objekt seiner Arbeiten, und diese Differenz aus nostalgisch verklärtem und der darunter sich auftuenden Abgründe ist es, die den Betrachter zugleich fasziniert und verstört.
Seine eigene lückenhafte „Sex to Sexty“-Sammlung hat Kelley komplettiert, indem er die fehlenden Ausgaben durch abstrakte Bilder ersetzt hat, deren Farben die der fehlenden Cover sein könnten, die aber niemals ein Titelbild darstellen. Die verblaßte und gerade deshalb besonders geheimnisvolle Erinnerung an ein ehemaliges Objekt der Begierde. Kelleys wohl bekannteste Arbeiten sind die Installationen, in deren Mittelpunkt Stofftiere stehen, für ihn „das Modell vom perfekten Kind“ aus Sicht der Erwachsenen.
Das Haus Salve Hospes, das mit Mike Kelley (noch bis zum 31. Oktober) erstmals einen modernen Undergroundkünstler ausstellt, zeigt neben der „Sex to Sexty“-Reihe auch die Installation „Deodorized Central Mass with Satellites“, eine Art UFO aus zusammengebundenen Plüschtieren, das von automatischen Zerstäubern mit Fichtennadelduft besprüht wird. Hier geht es um die in der amerikanischen Ufologie vorherrschende Idee, dass Außerirdische vor allem um die Erforschung der Körperöffnungen der von ihnen entführten Menschen geht, da sie selbst – wie Stofftiere – keine haben. Kelleys Stofftierarbeiten zierten übrigens auch das Booklet des „Dirt“-Albums der New York-Noise-Rocker von Sonic Youth.
Das interessanteste Exponat Mike Kelleys, das im Salve Hospes gezeigt wird, ist jedoch „Sublevel“ von 1998. Hier versucht Kelley, den Grundriss des California Institute of the Arts in Los Angeles, seiner alten Uni, nachzubauen. Herausgekommen ist ein zweistöckiges begehbares Labyrinth, bei dem die obere Etage die Räume darstellt, an die er sich erinnert. Diese Etage ist einsehbar, das Licht dringt durch rosa Kristalle ins Innere. Besonders mutige Besucher sollten sich jedoch ins Untergeschoss begeben, denn es enthält die verstörenden Räume, an die man sich nicht mehr zu erinnern vermag, sei es an der alten Uni oder im Vorratskeller in Omas altem Haus.
Text: Sascha Peter Foto: Kunstverein
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