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Weltweit gibt es rund 520 Millionen Autos. Aneinandergereiht reicht diese Kolonne 26 Mal um den Globus. Deswegen herrscht auch auf Deutschlands überfüllten Straßen der Ausnahmezustand. Hochgezüchtete Serienfahrzeuge, schwergewichtige LKWs und PS-starke Bikes liefern sich täglich auf überfüllten Trassen wahnwitzige Rennen, mit zum Teil tödlichem Ausgang. Erst kürzlich gab es in Deutschland den ersten „Hayabusa-Toten“. Das 175 PS-starke Motorrad der Marke Suzuki (Spitze 300 km/h!) wurde einem 22-jährigen Fahrer in Süddeutschland zum Verhängnis. Er raste mit diesem Boliden ungebremst und mit über 200 Stundenkilometern in einen LKW. Die breiigen Überreste des Piloten konnten nur samt Schutzanzug beerdigt werden.
Mobilität, Freiheit, Globalisierung und Zukunft sind die Schlagworte bewusstseinsindustrieller Blendungsmanöver, für die unsere Verkehrsgesellschaft schon längst nicht mehr genügend arglose Versuchstiere hervorbringt. Die nüchternen Statistiken der Unfallforscher sprechen zudem eine ganz andere Sprache: Erlagen 1986 noch 6000 Menschen den Verletzungen eines Verkehrsunfalls, rasten 1999 bisher immerhin noch 4000 Fahrer trotz flächendeckender Verkehrserziehung und verschärfter Fahrprüfungen in den Tod. Trotzdem, der Run auf den begehrten Führerschein ist ungebrochen. 3000 zumeist junge Menschen meldeten sich allein letztes Jahr bei einer der rund 80 Braunschweiger Fahrschulen an.
Die Fahrlehrer des Milleniums werden deswegen künftig mit ganz neuen Anforderungen konfrontiert. Der Gesetzgeber hat bereits reagiert und mit der Einführung neuer Führerscheinklassen zu Beginn des Jahres die Theorie und Praxis deutlich erschwert. Rolf Heike rüstete seine Fahrschule bereits früh mit den neuen Medien Internet und Videodiscplayer aus. Sein Unterricht, den er „locker und lehrreich” nennt, wirkt dank multimedialer Einbindung transparent. Die alten Schautafeln und mechanischen Modelle einer Kupplung hat Heike längst in den Keller verbannt. Der Typus des autoritären oberlehrerhaften Fahrlehrers mit Koteletten ist eher einem Kumpeltypen gewichen. Die Hilfsmittel mögen sich zwar geändert haben, doch Vorbehalte und Klischees wie Fahrer mit Hut und umhäkelter Klorolle auf der Heckablage halten sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Mit Vorurteilen seiner Führerscheinaspiranten hat auch Heike tagtäglich in seinen Unterrichtseinheiten zu kämpfen. Die Psychologie sagt, es sei die unausrottbare Grundauffassung des Menschen, dass er immer nur vom anderen korrektes Verhalten erwartet. Darum hat auch immer, wenn es denn zu einem Unfall kommt, der andere Schuld. Melanie, holde 20 Jahre, fährt bereits seit zwei Jahren Auto und will nun den Motorradführerschein erwerben. Sie ist wütend und emotional geladen: „Da sitzt so ein 75-jähriger neben einer 65-jährigen und diskutiert bei 60 Stundenkilometer auf der Landstrasse, dass er damals schon einmal hier gewesen ist. Solche alten Leute sollten ab in die Botanik oder den Bus nehmen.” Solche Reaktionen sind kein Einzelfall. „Beim Autofahren treffen unterschiedliche Generationen aufeinander”, erklärt Heike. „Es gibt Einflüsse, die kann man manchmal nicht kontrollieren. Versucht, Euch zu beherrschen. Mit einem Lächeln geht alles viel besser. Es bringt überhaupt nichts, wenn man sich wie John Wayne gegenübersteht und duelliert.”
Szenenwechsel. Auf dem Parkdeck der Stadthalle kann Melanie bei brütender Hitze zeigen, was sie „drauf hat”. Den Kontakt hält Heike durch eine Sprechfunkverbindung und gibt Melanie bequem vom Auto aus die knappen Anweisungen: „Nochmal den grossen Kreis, zur Mitte lenken, schön ruhig und die Knie bleiben am Tank; du musst das Motorrad spüren. Jetzt bist u im eigenstabilen Bereich. Prima.” Dann wird es ernst: Mit dem Begleitfahrzeug folgen wir der angehenden Bikerin auf ihrer ersten Fahrt durch die Stadt. Fast schon routiniert steuert Melanie die 34-PS-Maschine über den Altewiekring Richtung Hans-Sommer-Straße. Heike spricht weitere Instruktionen ins Mikro: „So, jetzt einen Gang runterschalten, Kupplung lösen und langsam raufbeschleunigen.” Seit 1986 haben bei Heike mehrere Tausend erfolgreich die Lizenz zum Fahren erworben. Darunter sogar einige von deutschlandweit insgesamt fünf Millionen Analphabeten, von denen die meisten angeblich aus der Heidegegend kommen sollen. Für sie gibt es besondere Prüfungsverordnungen beim TÜV. Auffällig bei Polizei und Behörden werden nur wenige Führerscheinneulinge. Denn nur vier Prozent aller Fahranfänger müssen Aufbauseminare besuchen. Von diesen vier Prozent werden wiederum erneute vier Prozent auffällig. „Ich nenne das Verpackungsschwund“, kommentiert Heike diese statistisch unbedeutende Menge.
Darunter war auch ein junger Fahrer aus Salzgitter, der im absoluten Überholverbot eine Kolonne von Autos überholte und frontal gegen einen Trecker prallte. Der schwerstverletzte und naiv-dumme Crashpilot zeigte sich nach seiner Genesung im Aufbauseminar wenig einsichtig: „Ich würde immer wieder überholen, der Trecker hätte blinken müssen.”
Kaum hat Melanie den Chopper vor der Fahrschule geparkt, geht’s mit dem Fahrunterricht weiter. Philipp, 17 aus Cremlingen, hat mit dem Einparken noch so seine Mühe. Das Auto will einfach nicht so wie er will. Die hinteren Räder touchieren den Bordstein. Gelassen bugsieren wir uns in die nächste Lücke. „Erst blicken, dann blinken”, oder „halten, heißt schalten.“ Eingängige Slogans sollen die Fahrweise der Anfänger automatisieren. Nach durchschnittlich 30 Stunden melden sich die Schüler zur Prüfung an. Satte 100 Stunden Praxis sind die absolute Ausnahme. „Ein Mädel brauchte soviele Stunden, fährt aber bis heute unfallfrei. Sie fühlte sich damals einfach nicht sicher”, so Heike. Unter 12 Stunden Arbeit am Tag läuft für Workaholic Heike überhaupt nichts. „Das Schöne an meinem Beruf ist, es wird nie langweilig, auch wenn ich abends manchmal erst um 23 Uhr zuhause bin.” Ein gewisses Risiko bleibt trotz 20-jähriger Berufserfahrung jedoch selbst bei Rolf Heike bestehen: „Auf der A2 hatte ich ’96 einen Totalschaden. Meine damalige Fahrschülerin wollte einem Minicooper ausweichen, der abrupt die Spur wechselte. Dabei geriet unser Wagen ausser Kontrolle, doch uns ist zum Glück nichts passiert.” Um für solche Situationen fahrerisch gewappnet zu sein, empfiehlt sich ein ADAC-Sicherheitstraining, „denn“, so Heike, „auch der aufmerksamste Schutzengel macht mal einen Boxenstopp.“
Text & Foto: Markus Kruppa
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