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Mai ’99, eine Probebühne im Herzen Braunschweigs. Glatter Boden, Barren und Spiegel an den Wänden, der Geruch von abgestandenem Schweiß in der Luft. Hier haben sich Schauspieler und Tänzer schon viele Stunden geschunden, hierher kehren sie immer wieder zurück. An diesem lauen Frühlingsabend sind sechzehn von ihnen vor Ort, jeder von ihnen in Lohn und Brot beim Staatstheater Braunschweig. Eine multikulturelle Truppe, in der ständig parliert, gescherzt, gelacht wird. Dieses dichte Durcheinander, dieses wilde Gewusel können nur die wenigsten entwirren, verstehen, bändigen.
Einer, der das kann, ist Pierre Wyss. Dompteur, Ballettdirektor und Chefchoreograph des Staatstheaters, der mit zwölf Jahren mit dem Tanzen begann. Seit 1993 ist er in Braunschweig tätig und hat bis dato mehr als 60 Ballette zur Uraufführung gebracht. Neben Adaptionen berühmter Titel („Romeo und Julia“, Nußknacker“, „Cinderella“ usw.), die er in einer zeitgenössischen Ästhetik inszenierte, umfaßt sein Repertoire auch bisher kaum in Anspruch genommene Sujets („Clockwork Orange“, „My Marylin“ und „Playing God“). Wyss hält alle Fäden zusammen, die Zügel straff in der Hand.
Besonnen mahnt er bei der Probe zur Ruhe, weiß sein vielköpfiges Team, das unruhig im Raum herumscharrt, zu unterweisen und zu motivieren. Erst zum zweiten Mal treffen seine Tänzer an diesem Abend auf die Musiker der Jazzkantine – kein Wunder also, daß da eine gewisse Spannung, irgendwo zwischen Scheu, Interesse und Respekt vorhanden ist. Während die Tänzer auf der einen Seite des Raumes ihre Körper dehnen, wärmen sich auf der anderen Seite die zwölf Musiker an ihren Instrumenten auf. Zwei kulturelle Aushängeschilder Braunschweigs, zwei künstlerische Welten stehen sich hier gegenüber, die vorher noch nie etwas miteinander zu tun hatten. „Wir müssen einen Weg finden, wie wir zusammenfinden können“, meint einer der Ballettänzer ein wenig skeptisch bevor das Ganze langsam in Gang kommt: Schlagzeuger Dirk Erchinger gibt den Rhythmus vor, Bruder Jan-Heie klimpert locker auf dem Keyboard, Christian Eitner steigt mit dem Bass ein, George Bishop, altgedienter Altsaxophonist, begibt sich mit seinem Instrument als erster Jazzkantine-Musiker in die Mitte des Raumes – step in the arena! Während er blecherne Töne durch den Raum schweben läßt, bewegt sich eine schlanke, durchtrainierte Ballettänzerin langsam und anmutig auf ihn zu.
Erst unsicher und abwartend, dann immer selbstbewußter, forscher und fordernder umkreist sie mit ihrem Körper den Musiker mit seinem Instrument. Zwei völlig verschiedene Temperamente, Ausdrucksformen, Welten stoßen plötzlich zusammen. Es geht um Annähern, Anziehen, Ausloten und Abstoßen. Um Grenzen zu begreifen und zu überschreiten. Körper und Töne prallen in verschiedenen Winkeln, mit unterschiedlichen Techniken und Kräften wie Pingpongbälle aufeinander, spielen miteinander und gehen doch wieder auseinander.
„Für mich war es immer ein Traum, mal zwei Künste zusammenführen. Das Ganze lebt vom Kontrast von Improvisationen, festgelegter Choreographie und Songs“, gibt sich Jazzkantine-Gitarrist Tom Bennecke begeistert von den ersten gemeinsamen Sessions, von dem gesamten Projekt. Und auch Vibraphonist und Xylophonspieler Gunter Hampel, der schon in vielen Ländern verschiedenste Experimente gemacht hat, erzählt enthusiastisch: „Wir kommen hier schon fast in den klassischen Bereich. Es ist ein anderes Spielfeld, ein anderes Podium, auf dem wir uns bewegen. Wir können hier endlich mal die Popmusikstruktur aufbrechen, alles freier fließen lassen.“ Die Tanzzkantine wird demnach auch kein starres Konzept haben, sondern vielmehr aus einer Reihe von Momentaufnahmen bestehen und kleine Geschichten erzählen. Geschichten von Menschen unterschiedlicher Provenienz, Geschichten von Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Gefühlen.
„Die leben in einer ganz anderen Welt als wir, fahren einen völlig anderen Film“, bringt Erfolgsrapper Cappuccino die Sache auf den Punkt, muß an diesem Abend selbst in den Ring steigen, um auszuchecken, was abgeht. Nur mit einem Mikro bewaffnet steht er da und wartet auf seinen tänzerischen Gegenpart, der sich dort im Raum umherbewegt: Schütteln, Strecken, Springen, Schleudern, Rutschen, Recken, Drehen, Dehnen, Hüpfen – härteste körperliche Anstrengungen und Anspannungen werden einmal mehr in ästhetische Ausdrucksformen umgesetzt. Cappu spuckt derweil die Wörter stakkatohaft aus seinem Mund, wirkt fast ein wenig verschüchtert, als ihn die bezaubernde Tänzerin mehr und mehr auf den Leib rückt. Ein zarter (Tanzz-) Körper schlängelt sich um kräftige (Rapper-)Beine, Blicke treffen sich, es entsteht eine unheimlich verspielte, erotische Situation. Der berühmte Funke springt über, man meint, die Luft regelrecht knistern zu spüren. So sexy wie hier habe ich die Jazzkantine noch nie erlebt. Aber auch die Mitglieder des Staatstheaterballetts wirken wie verwandelt, können endlich mal frei improvisieren, zeigen, was alles ihnen steckt. „Das sind einfach begnadete Körper, da kann man nur staunen, was die mit ihren Gliedmaßen alles machen“, meint Jan-Heie Erchinger grinsend. Ab dem 2. Juli wird es dann ernst für ihn (und seine elf Mitmusiker). Insgesamt 20 Shows wird die Jazzkantine zusammen mit dem Staatstheaterballett auf der Bühne des aufwendig umgestalteten Kleinen Hauses absolvieren. Neben improvisierten Stücken werden den Zuhörern und -schauern aber auch Hits wie „Respekt“ und „Kein Bock“ geboten. Besonders Tom Bennecke freut sich über die furiose Mischung aus Live-Gig, Performance, Ballettchoreographie und Rap-Attack, denn: „es ist einfach schön, mal eine Tournee zu Hause spielen zu können.“
Text: Christian Göttner Foto: Marc Stantien
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