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Als meistverkaufte Klassik-Aufnahme aller Zeiten fand Nigel Kennedys Version von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ Eingang ins Guiness Buch der Rekorde. Doch anstatt klassische Ladenhüter mit dem Anstrich von Pop zu recyceln, hatte das Enfant Terrible der Klassik-Szene eigene künstlerische Ambitionen: ein selbstkomponiertes Kafka-Projekt etwa und mit „The Kennedy Experience“ jetzt seine Hommage an Ausnahme-Gitarrist Jimi Hendrix. SUBWAY sprach mit Star-Geiger Nigel Kennedy vor seinem Auftritt am 26. Juli auf dem Braunschweiger Burgplatz.
Kannst Du Dich noch an Deinen ersten Hendrix-Song erinnern?
„Ich glaube, das war „Crosstown Traffic“, von dem ich sofort begeistert war, weil er alle nur denkbaren Stile zusammenbrachte.“
Offensichtlich hast Du eine Vorliebe für die Songs, die Hendrix mit der Experience machte...
„Ja, weil ich glaube, daß er sich zum Schluß doch in verschiedenen Stilen verzettelt hat. In England jedoch, in seiner Anfangszeit, hat er eine spezielle künstlerische Freiheit genießen können. Hier spürte er als Afro-Amerikaner weniger Druck, schwarze Musik zu spielen. Er wurde aufgenommen, als sei er von einem anderen Planeten, so sensationell war sein Erscheinen.“
Eine Freiheit, die er auch seinen Mitmusikern verdankte.
„Das kann man wohl sagen. In Noel Redding und Mitch Mitchel hatte er zwei Musiker, die sich total seinem Stil verpflichtet fühlten. Diese Backing Band brachte Jimi wirklich zum Fliegen. Nichts gegen das Rhythm’n’Blues-Zeugs, das er damals aus den Staaten mitbrachte, aber diese drei haben etwas völlig Neues, bis dahin Ungehörtes geschaffen. Man muß sich das einmal vorstellen: nur drei Instrumente, und die Gitarre klingt dennoch wie ein ganzes Orchester.“
Hendrix geistert seit Jahren immer wieder durch Dein Konzertprogramm. Warum erst jetzt dieses Album?
„Das hatte vertragliche Gründe. Es hat mich einige Zeit gekostet, mir wieder künstlerische Freiheiten zu verschaffen. EMI stellte sich quer, als es um Hendrix ging. Schon mit „Kafka“ haben sie sich recht schwer getan, sie wußten einfach nicht, wo man dieses Zeugs einordnen sollte. England ist in dieser Hinsicht schon sehr konservativ, entweder es ist Teenie-Pop oder Klassik. Allein Björk hat es mit ihrem Dickkopf geschafft, Grenzen zu überwinden, vielleicht wird sie ja mal als Retterin der Musik gewürdigt. Zumindest kann man heute wieder den Begriff Prog-Rock in den Mund nehmen, ohne dafür gleich gesteinigt zu werden.“
Was ist das Persönliche an Deiner Hendrix-Interpretation?
„Ich habe Hendrix-Titel schon mit komplettem Orchester gespielt und auch schon mit einer elektrischen Band. Aber dann dachte ich mir, niemand braucht die tausendste elektrische Version von Hendrix-Songs. Ich war mehr darauf aus, zum Inneren seiner Kompositionen vorzudringen und mit dem akustischen oder halbakustischen Setting einen ganz anderen Zugang zum Songmaterial zu finden. Vieles von dem, was ursprünglich bei Jimi drei, vier Minuten lang war, habe ich auf 15 Minuten ausgedehnt, ganze Partien auseinandergenommen und sie dann wieder zusammengesetzt. Das Ganze hat also mit mir mindestens genausoviel zu tun wie mit Jimi.“
Hendrix war für einen Sound bekannt, den er mit einer Kombination von Fuzz-Boxes, Wah-Wah-Pedals und Marshall-Verstärkern schuf. Arbeitest Du auch mit diesem Equipment?
„Na klar. Ich habe lange nur mit einem verstärkten Equipment gespielt, aber ich war es irgendwann leid, allein mit dem Lautstärke-Regler zu hantieren. Ich hätte vorher nicht gedacht, daß man mit einer akustischen Geige solche Sounds produzieren kann. Man kann sowohl Obertöne zum Klingen bringen und die Geige auch perkussiv einsetzen. Eine ganze Palette von Möglichkeiten tut sich da auf. Demnächst habe ich vor, etwas im Techno- bzw. Drum’n’Bass-Bereich zu probieren, vielleicht mit Roni Size.“
Du hast einst als Enfant Terrible der angestaubten Klassik-Szene neue Impulse gegeben. Wer tritt heute in Deine Fußstapfen?
„Darüber mache ich mir keine Gedanken mehr, aber es stimmt, seit dieser Vivaldi-Geschichte ist eine Menge in der Klassik passiert, Decca brachte den Mut auf, daß mit den drei Tenören zu probieren. Heute ist da eine Vanessa Mae...“
Sagtest Du Vanessa Mae?
„Ja, sie ist nicht unbedingt mein Geschmack, ein bißchen zu sehr Eighties, aber sie ist eine hundertprozentige Performerin. Obwohl das eigentlich nicht das Problem ist, auch in der Klassik gibt es tolle Leute. Nur ist in der Musik heute viel zu viel Marketing-Denken im Spiel. Künstler werden am Reißbrett entworfen. Man betreibt einen Riesenaufwand für prahlerische Projekte, die letztlich doch nur Fahrstuhlmusik bieten. Der Rummel um George Gershwin letztes Jahr ist für mich das beste Beispiel. Mich regt es auf, daß die Musik nicht im entferntesten so entwickelt und ausgereift ist wie die ganze Marketing-Geschichte um sie herum.“
Interview: Tom Fuchs Foto: Sony Classical
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