Extrem nachtaktiv

24 Stunden Braunschweig, Folge 9: Der Hotel-Night-Auditor Ralf Kuhlke

Eigentlich hatte sich Ralf Kuhlke sein Leben ganz anders vorgestellt: Abitur, Studium der Informatik, Familie und möglichst schnell Karriere machen. Karriere hat er auch gemacht, aber nicht als Computerspezialist oder Systemadministrator einer Großbank, sondern als Night-Auditor an der Rezeption eines der renommiertesten Braunschweiger 4-Sterne-Hotels, dem Mövenpick-Hotel direkt in der City. Während des Semesters jobbte er jede freie Minute in großen Hotels der Löwenstadt. Und so ganz allmählich entwickelte sich aus dem Job eine Profession. „Portier“ oder gar „Pförtner“ hört der 38jährige Kuhlke überhaupt nicht gern, denn „ein Portier gibt nur den Schlüssel raus.”

„Guten Abend, hier ist das Mövenpick-Hotel Braunschweig, mein Name ist Ralf Kuhlke, was kann ich für Sie tun?” Stets mit der gleichen zuvorkommenden Höflichkeit begrüßt Kuhlke seine Gäste. Doch sein Job umfaßt wesentlich mehr, als Gäste nur aufs Zimmer zu bringen, oder eine Flasche Champagner auf den Nachttisch zu stellen. „Nighty“ Kuhlke, so der Spitzname bei seinen 150 Kollegen, ist nachts nämlich der wichtigste Mann im Hotel. Er muß die Daten zweier Computersysteme abgleichen, die EDV-Tagesabschlüsse bearbeiten, ist dazu noch Telefonist, Body-Guard und Psychologe in einem. Kuhlke ist Kontaktstelle und Ansprechpartner für Probleme jedweder Art. Derjenige, der in sekundenschnelle reagieren muß, wenn ein Gast im Hotelfoyer mit akutem Herzversagen zusammenbricht, ein Zimmerbrand ausgebrochen ist oder sich ein Gast schlicht und einfach aus seinem Zimmer ausgesperrt hat: „Meine Verantwortung ist größer als die anderer Mitarbeiter in unserem Haus”, freut sich Kuhlke, als er im gleichen Moment freundlich einen Weckruf eines Geschäftsmannes aus Zimmer 34 für 6 Uhr 30 entgegennimmt. Freundlichkeit, gute Englischkenntnisse und Enthusiasmus sind die wichtigsten Voraussetzungen für seinen nicht alltäglichen Beruf. Wegen der zentralen Lage buchen desöfteren auch prominente Schauspieler und Musiker im Mövenpick ein. Stars wie Jasmin Tabatabai („Bandits“), die Toten Hosen, Echt, Die Ärzte oder Teenie-Star Aaron Carter sind froh, für wenige Stunden im Hotel in die Anonymität abzutauchen. Sie alle haben schon in einem der 128 Zimmer der Luxusherberge genächtigt. Dann geht die Arbeit für Kuhlke und seine Kollegen erst richtig los: „In solchen Fällen ist bei uns den ganzen Tag Alarmstufe Rot angesagt. Bei Aaron Carter haben wir alle halbe Stunde einen Rundgang gemacht und alle Türen kontrolliert. Einige Mädchen haben Hotelgäste überredet, sie als ihre Nichten auszugeben, um sich so Zutritt zu verschaffen.” Bei besonders hartnäckigen Fans muß Kuhlke schon ab und an mal die Polizei rufen: „Die kommen dann – wie zum Beispiel neulich bei der Gruppe Echt – nehmen die Personalien der Fans auf, und schon ist die Sache geklärt!” Krawallmacher und Störenfriede gehören nicht zur Klientel der Herberge, denn „Leute, bei denen es zur Persönlichkeit gehört, Hotelzimmer zu zerlegen, haben wir glücklicherweise nicht in unserer Gästekartei.”

Anstrengend sind manchmal eher die Schlagerstars. Der betagte Schlagersänger Roger Whittaker tobt schon mal nachts um vier bei Kuhlke vorbei und „möchte noch heißes Wasser für seinen Tee haben.” Kein Problem für Kuhlke, der versucht, Unmögliches möglich zu machen. Wenn es sein muß, organisiert er morgens um drei sogar einen Strauß mit 100 roten Rosen für die Ehefrau eines Gastes, läßt per Taxi eine Stange Zigaretten einfliegen oder würde am Wochenende, wenn nicht so viel los ist, sogar einen rosa Elefanten ins Foyer stellen. Für derartige Spezialaufträge mobilisiert Kuhlke schon mal das ganze Personal. Die meiste Arbeit und den bisher größten sicherheitstechnischen Aufwand betrieb man vor einigen Jahren beim damaligen Innenminister Schäuble: Ein enormer logistischer Aufwand für einen Politiker, der kurz zuvor beinahe einem Attentat zum Opfer gefallen wäre. Tage vorher wurde mit Spürhunden die betreffende Hoteletage untersucht, eine Nachtwache der Kripo lief im Hotel Streife, weil das BKA nachts schläft. „Schäuble selbst war hermetisch von einem Troß abgeschirmt, als er mit seiner Pflegerin durch unsere Halle rollte.“ Zechpreller und andere kriminelle Elemente sind Kuhlke auch schon ins Netz gegangen. Das Mitnehmen irgendwelcher Hotelutensilien ist mittlerweile schon ein Kavaliersdelikt geworden. Ob nun Waschlappen, Schirmlampe oder Sitzkissen, geklaut wird alles, was nicht angeschraubt ist: „Ich habe es schon erlebt, daß ein Gast mit einem Hotelsitzkissen unter dem Arm am meiner Rezeption vorbeischlenderte”, erzählt Kuhlke. Bei der daraufhin sofort gestarteten Großfahndung kam heraus, daß der kleptomanische Hotelgast die Zimmereinrichtung bereits transportfertig in Plastiktüten verstaut hatte. Polizeirecherchen ergaben dann, daß der Mann „nicht mehr geschäftsfähig war.“

Eine enorme körperliche Belastung bringt der Job genauso mit sich wie wenig Freizeit: „Als Aushilfe, als man noch jung und knackig war, hat man locker zehn bis zwölf Tage im Stück arbeiten können.” Das Körperliche ist für ihn „reines Training”, viel schwieriger ist es, einmal die „Seele baumeln zu lassen”. Auch Zwischenmenschliches ist für den Single Kuhlke eher Mangelware. Dafür muß er desöfteren zwischenmenschliche Dienstleistung der besonderen Art bei seinen Gästen vermitteln. Denn „wenn ein Gast mehr oder minder am Telefon deutlich macht, daß er gerne noch ein zweites Kopfkissen hätte, muß ich ihn an die Taxizentrale verweisen.“ So geschehen mit einer norwegischen Reisegruppe, denen es nach einem Saunaclub gelüstete. Alles kein Problem, solange die Reputation des Hauses nicht auf dem Spiel steht. Highlight war bisher eine Stripperin, die – vom Hoteldirektor abgesegnet – in der Hotellbar tanzen durfte. „Baggern Frauen an der Theke Gäste an, schmeißen wir sie raus.“ Stören akustisch aktive Ehepaare nachts den Hotelfrieden, greift Kuhlke ebenso couragiert ein und bittet per Telefon um das Herabregeln des vermeintlich lauten Fernsehers. Schließlich stellt sich die Frage, was einen Mann wie Kuhlke, der sich seit mehreren Jahren mit nüchterner Professionalität im Glamour einer Luxusherberge bewegt, selbst noch beeindrucken kann? Ich würde gerne mal hinter die Kulissen eines Luxushotels wie des 5000-Zimmer-Hotels „MGM-Grand” in Las Vegas gucken. Von der ganzen Logistik muß das ein Hammer sein!”

Text und Foto: Markus Kruppa
Night Auditor Ralf Kuhlke

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