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Die Plattenbranche jammert über sinkende Absatzzahlen, fehlende neue Stars und profitversprechende Trends. Das einzige, was momentan massiv boomt, ist deutscher HipHop. Und wenn man von dem spricht, muß man auch von den Fantastischen Vier’ern sprechen. Seit zehn Jahren sind Smudo, Thomas D., Hausmarke und And.Y Mitbegründer, Wortführer, Chartbreaker. Mit ihrem aktuellen Album „4:99“ markieren sie erneut ihre Ausnahmestellung, katapultierten sich direkt auf Platz 1 in Deutschland, Österreich und der Schweiz. SUBWAY unterhielt sich mit Rapper Smudo.
Was war die Idee hinter „MfG“ – der Versuch, die Welt fast ohne Worte zu beschreiben?
„Eigentlich nicht, denn wo wir nichts sagen, sagen wir eigentlich alles. Tatächlich wird die Welt nur durch diese Buchstaben erklärt: RAF, LSD und FKK. RAF steht für 60er Jahre, bürgerliches Deutschland, Rudi Dutschke, Studentenbewegung, Stammheim und Strauß. LSD steht für 70er Jahre, Flower Power, Woodstock, Vietnam. FKK steht für Ingrid Steeger, Oswald Kolle und solche Dinge. Gleichzeitig ist die Kombination dieser drei Abkürzungen auch die Klischeeansicht der Rechten über die Linken. Die langhaarigen Bombenlegerchaoten, die da in ihrer Kommune leben und immer nur ficken. So geht es das ganze Leben über. Das sind Assoziationslabyrinthe, die das beschreiben. Wir leben in den 90ern, die Welt ist voller moralischer Werte, Institutionen, Trends, einem völligen Durcheinander. Im „MfG“-Refrain befreien wir von diesem Rausch und sagen: Alles ist okay, alles ist cool, wir sind’s nur die Fantas, bevor irgendwas schief läuft kommt zu uns.“
Kapiert der Durchschnittshörer überhaupt diesen ganzen Bedeutungsballast?
„Nee, natürlich nicht. Das erstaunliche dabei ist ja, daß „MfG“ trotzdem so ein Hit geworden ist. Ich dachte immer, das ist zu intellektuell, zu kafkaesk. Aber die meisten Leute nutzen Musik ja nicht so, wie Du und ich das machen. Wir hören uns das an, denken uns da rein, haben Spaß an den Bildern und Stimmungen, achten auf eine gewisse Qualität. Die meisten konsumieren Musik aber, wie ich Tee trinke: Es ist mir egal, ob der Tee von einem Superselloutsklaven- treibendenkinderarbeitenden- supergroßteemagnat ist oder vom kleinen Independent-Gemüsebauern gleich um die Ecke und ich damit seinen local neighbourhood supporte. Ich schmecke auch diesen Unterschied nicht, wenn ich diese beiden Tee-Sorten vor mir habe. Und so konsumiert die Masse Musik, so funktioniert Popmusik und eben die Charts. „Ach, das habe ich gehört, als ich mit dem Mädchen im Urlaub war, und wir haben geknutscht.“ Ganz offensichtlich hat „MfG“ auch auf der einfacheren Konsumierebene wie zum Beispiel „mein Papa arbeitet bei UPS, der findet das Lied toll“ etwas ausgelöst. Dieses andere Extrem habe ich total unterschätzt.“
Einige Songs von „4:99“ klingen so, als hätten sie auch auf den entsprechenden Soloalben von Euch stattfinden können?
„Das ist eigentlich total konträr zu unserem Empfinden. Die Tatsache ist aber, daß wir noch näher zusammengerückt sind was den Produktionsprozeß angeht. Wir haben im Gegensatz zu „Lauschgift“ auch mehr Lieder gemeinsam besprochen. Vielleicht liegt es daran, daß es musikalisch breiter, unbeachtsichtigt poppiger geworden ist, auch durch die Live-Instrumente.“
Ein klasse Track ist „Buonos Dias Messias“. An wen ist der Song adressiert?
„Eigentlich an Menschen, die vorschnell eine Meinung zu einem Thema haben, in dem sie gar nicht kompetent sind. Wir arbeiten z.B. ein Jahr lang an einem Album, und dann kommt jemand und sagt: „Das Album ist doch scheiße. Da hättet Ihr Euch ruhig mehr Mühe geben können“. Das ist einfach ein Schlag ins Gesicht, weil es völlig naiv ist anzunehmen, daß wir uns keine Mühe gegeben hätten. Oder auch Leute, die über einen urteilen, ohne je mit dir gesprochen zu haben.“
Es gibt auch diesmal wieder einen 3p-Diss. Andererseits äußerst Du Dich über Leute wie Oli P. diplomatisch. Gerade diese sind jedoch am Ausverkauf von HipHop schuld und nicht Moses P. & Co...
„Das ist auf jeden Fall richtig. Ich äußere mich aber deshalb so diplomatisch darüber, weil es eigentlich keinen Grund zum Jammern gibt. Natürlich ist es fürchterlich, was Oli P. für Musik macht, er ist aber ein netter Kerl. Er hat sogar die Größe zu mir zu kommen und zu sagen: „Hi, ich bin Oli P. und ich bin totaler Fan von Eurer Musik. Und ich habe geantwortet: „Hi, ich bin Smudo und finde Deine Musik total scheiße.“ Letzten Endes sind der Mensch und sein Werk und der Künstler und sein Werk zwei verschiedene Dinge. Deswegen äußere ich mich lieber liberal, was übrigens auch das Rödelheim-Thema angeht. Das ist ein Streit, der eigentlich mehr oder weniger herbeizitiert wurde. Angestoßen von ihnen, die uns auf ihrem ersten Album beleidigt haben. Wir kokettieren natürlich mit dieser Situation, denn da sind zwei konträre Lager und Labelpolitiken: 3p – „Scientologie“ und Four Music – „freie Liebe“. Zwei extreme Begriffe gegenübergestellt, die so natürlich nicht ganz ernst gemeint sind. Das ist ganz lustig, weil man auch hier ein Rollenspiel hat zwischen Cowboys und Indianern. Wahrscheinlich nützt das beiden, da der Konsument so klarer erkennen kann, wie er was einzuordnen hat.“
Warum betreibt Ihr nicht das äußerst erfolgreiche 3p-Prinzip und featured neue Künstler, indem Ihr sie mit auf Eure Alben nehmt?
„Ich finde es nicht gut, z.B. Freundeskreis auf unserem Album zu featuren und die haben wiederum die Pflicht bei Blumentopf. Ich schätze Freundeskreis nämlich gerade deshalb, weil sie eine unabhängige Gruppe sind, die etwas ganz eigenes machen und mit einem anderen Kreis von Leuten zu tun haben. Und aus Künstlersicht macht nichts stolzer als zu sagen: Das habe ich mir erarbeitet und verdient. Mit meiner Attitude und Band.“
Inwieweit blockiert Deine Arbeit als Labelboss Deine Kreativität?
„Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist der Kontakt mit den Künstlern, die Labelarbeit, abwechslungsreich und man lernt ziemlich viel. Der Nachteil ist, daß man einfach nicht den Kopf frei hat, denn ein guter Songtext fällt mir oftmals nur ein, wenn mir richtig langweilig ist. Es ist heute eben nicht mehr so wie früher, als wir als Twens lustig Hasch rauchend bei Thomas auf dem Wasserbett herumsaßen und uns ganz locker Songs eingefallen sind.“
Interview: Christian Göttner Foto: Four Music
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