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Fast traurig kann man werden, wenn man das aktuelle Album „Twisted Tenderness“ der britischen Sound-Tüftler von Electronic in den Händen hält. An den elf Songs des Longplayers liegt es aber ganz bestimmt nicht – allesamt Pop-Perlen, bei denen so mancher Song-schaffende Kollege feucht im Schritt werden dürfte. Der Grund der Trauer ist eher der, daß nach fast zehn Jahren des gemeinsamen Musizierens mit dem Bandnamen Electronic auf dem europäischen Festland noch immer die wenigsten etwas konkretes damit verbinden. Dies dürfte dann wohl auch der Grund sein, weshalb „Twisted Tenderness“ nur mit rotem Aufkleber über den Verkaufstresen geht, der dem unwissenden Konsumenten zwar kurz, aber um so präziser die Vita der beiden Bandmitglieder Johnny Marr und Bernard Sumner in die Gehirnwindungen zurückruft. Ex-The Smiths und Ex-New Order ist dort unter den Namen der beiden Protagonisten zu lesen. Spätestens jetzt sollte auch dem Letzten ein Licht aufgehen, um welch hochwertiges Produkt es sich hier handelt. Sind doch sowohl Sumner als auch Marr dafür bekannt, ihr Ego stets einer guten Idee unterzuordnen, wenn es nur dazu dient, dem perfekten Pop-Song so nah wie möglich zu kommen. Dementsprechend äußert Johnny Marr im SUBWAY-Interview auch seine Hoffnungen, die er in das dritte Electronic-Baby setzt: „Ich möchte einfach mehr Leute in Europa erreichen, denn von dem, was wir hier bisher erreicht haben, bin ich ein wenig enttäuscht. Ich denke zwar, daß wir mangelnde Resonanz nicht so verbissen sehen müssen, denn wir hatten mit unseren bisherigen Bands ja schon große Erfolge. Ich mache aber Musik, um auch Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit damit zu erlangen, denn schließlich liegt viel Energie und Persönlichkeit in einer Platte.“
Doch mit jeder neuen Electronic-Veröffentlichung werden Sumner und Marr immer an ihre Vergangenheit mit The Smiths, New Order und Joy Division erinnert. Diese drei Namen, sicher drei der größten in der britischen Musikgeschichte, schweben über allem, was sich die beiden anschicken zu tun. „Sicher ist es eine gewisse Bürde“, meint Bernard Sumner, „ständig am Erfolg der anderen Projekte gemessen zu werden. Viele, die sich eine Electronic-Platte anhören, neigen dazu, das Ganze etwas zu über-analysieren, anstatt sich einfach die Stücke anzuhören und dann zu sagen: ja, ich mag diesen Song oder eben nicht.“ Die Songs zu mögen ist allerdings nicht allzu schwer, denn Electronic bewegen sich verdammt nah am schon erwähnten perfekten und zeitlosen Pop-Sound. Und hier schließt sich auch der Kreis, denn genau das ist es, wofür ihre oben genannten Ex-Bands berühmt waren, sind und bald wieder sein werden. Denn nach der Fertigstellung von „Twisted Tenderness“ steht für Sumner nach sechs Jahren auf Eis, mal wieder ein New Order-Album an. Über mangelnde Resonanz wird er sich bei diesem Werk dann wohl kaum zu beklagen haben. Vielleicht sollte man aber mal einen anderen Aufkleber anbringen: Bernard Sumner, Johnny Marr – Electronic.
Text: Henning Schmidt Foto:EMI Electrola
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