Can-Cannes von Austin bis Zensur

A für „Austin Powers 2“

„Wayne’s World“-Kasper Mike Myers geht mit seiner James Bond-Parodie in die zweite Runde (Foto): Dr. Evil bekommt Nachwuchs von einem geklonten Zwerg namens „Mini-Me“ – am 6. Januar im Kino.

B für Busen

Den zeigte Altstar Catherine Deneuve gleich zweimal in „Pola X“ von Léos Carax. Noch mehr Fleisch zeigt darin Depardieu-Sohn Gérard. Genützt hat beides nicht. Das verkünstelte Werk von Frankreichs einstigem Wunderkind war Cannes’ meist gehaßter Film.

C für Captain Kirk

Der gute alte William Shatner kam persönlich vorbei, um „Free Enterprise“ vorzustellen. Eine Parodie auf den Trekkie-Kult, in der der Kult-Captain sogar singt. Ansonsten gibt’s dort allerdings kaum etwas zu lachen.

D für „Dogma“

Der genialste Film von Cannes. „Clerks“-Regisseur Kevin Smith erzählt höchst subversiv und amüsant die absurde Geschichte von gefallenen Engeln, himmlischen Teufeln und einem Gott, der weiblich ist. Matt Damon und Ben Affleck erneut als lässiges Traumpaar. Ähnlich vergnüglich Salma Hayek und Linda Fiorentino.

E für Ewan McGregor

Der „Star Wars“-Krieger präsentierte sein Regiedebüt: eine zehnminütige Episode in „Tube Tales“, lustige Geschichten aus dem Londoner U-Bahn-Leben.

F für Fußball

Darauf stehen die Mönche eines buddhistischen Klosters. Und sie tun alles, um die Weltmeisterschaft im Fernsehen anschauen zu können. „The Cup“ entpuppte sich als echter Geheimtip. Regisseur der leichtfüßigen Komödie ist immerhin ein leibhaftiger Lama. Bei uns gäbe es für soviel Selbstironie wohl Kirchenverbot.

G für „Ghostdog“

Der neue Jim Jarmusch. Er läßt den trägen Forest Whitacker als Berufskiller mit Samurai-Tick auftreten. Gestylte Gewalt, die verzweifelt cool sein will. Doch wehe, wer laut aussprach, wie läppisch des Jarmuschs neue Kleider waren. Dem strichen emsige Pressebetreuerinnen zur Strafe den Interviewtermin. Weiter so!

H für Hollywood

Das diesmal trotzig war: weder „Star Wars“ noch Kubricks „Eyes wide shut“ durften an der Croisette gezeigt werden. Späte Rache dafür, daß Bruce Willis im vorigen Jahr ebenso ausgelacht wurde wie Godzilla.

I für „independents“

Die Billigproduktionen aus USA gelten traditionell als Geheimtip aller Festivals. Vom innovativen Kino junger Regisseure war diesmal jedoch nichts zu sehen. Die Talente sind längst von den Studios eingekauft: magere Herbstzeiten also für die Programmkinos.

J für Jury

Die wollte sich diesmal ganz cool geben, schließlich war David Cronenberg ihr Präsident. Doch mit den Schauspiel-Palmen für drei Laien-Akteure lag man voll daneben. Ebenso läppisch der Preis für die öde Kopfgeburt „Humanité“ – der langweiligste Film ’99.

K für Komik

Die hätte man Japans Kult-Filmer Takeshi Kitano kaum zugetraut: bislang für ultracoole Gewaltdarstellungen berüchtigt („Violent Cop“), präsentierte er mit „Kikujiro“ ein grandios komisches Märchen über ein Kind und seinen unfreiwilligen Begleiter.

L für Lynch

Der Kultfilmer präsentierte sich mit „Straight Story“ verblüffend konventionell. Im langsamsten Roadmovie aller Zeiten erzählt er von einem alten Mann, der auf einem klapprigen Rasenmäher 500 Kilometer zurücklegt, um seinen kranken Bruder zu besuchen.

M für MTV

Einstmals berühmt für seine lässigen Partys, präsentierte sich der bunte Popsender diesmal derart bürokratisch mit seinen Einladungen, daß fast allen Besuchern die Lust am Feiern schon vorab verging.

N für Nationalismus

Der feiert im „Barbier von Sibirien“ lustige Urständ. Viel russische Fahnen, viel Lob den Militärs. Hurra, wir leben noch, tönt Regisseur Michalkov mit seinem Folklore-Epos. In seiner Heimat wurde der Schmachtfetzen zum Kassenknüller. Sein Macher will kommendes Jahr gar als Nachfolger von Boris Jelzin antreten.

O für Opas Kino

Mit 91 Jahren stemmt sich Manoel Oliveira noch immer auf den Regiestuhl. Seine banale Seifenoper-Lovestory interessierte auch diesmal niemanden. Dennoch bekam er einen Preis – und dreht schon wieder.

P für Party

Mit Sauerkraut und Leberkäs lockte die deutsche Filmwirtschaft auch diesmal wieder zum après film. Statt Schumi war diesmal als Stargast Kulturminister Naumann erschienen. Dessen englische Rede ging im allgemeinen Schmatzen allerdings ziemlich unter.

R für Rayban

Der teure Brillenmacher schenkte jedem Journalisten eine Sonnenbrille, der auf seinem Stand Interviews führte. Der Andrang war riesig. Der Werbeeffekt minimal. Die meisten Interviews waren nur Bluff: statt Stars setzten sich die Kabelträger vor die Kamera. Und freuten sich über die Gratis-Gläser.

S für Stars

Die blieben, siehe Hollywood-Boykott, weitgehend aus. Ganze Suiten und Luxusvillen wurden wieder storniert. Das Glamour-Loch füllten Modells à la Claudia Schiffer und Kate Moss.

T für „Titanic”

Und dessen Nachfolger „Octopus“. Darin verschlingt ein gigantischer Tintenfisch einen riesiges Kreuzfahrtschiff. Das grauenhafte Vorab-Poster verspricht wenig gutes, falls das Werk überhaupt je gedreht wird.

U für Ungeheuer

Als das tritt Klaus Kinski in der Dokumention von Werner Herzog auf. Unveröffentlichte Filmschnipsel zeigen den Egomanen bei den Dreharbeiten zu „Aguirre“ und „Fitzcaraldo“. Genervte Indianer boten dem Regisseur ernsthaft an, den Schauspiel-Rüpel umzubringen. Nach einigem Zögern lehnte Herzog dankend ab. „Mein geliebter Feind“ heißt das Porträt.

V für Viennale

Das einfallsreichste Filmfest findet Ende Oktober in Wien statt. Da gibt’s dann wieder die gesammelten Kinorosinen, nicht nur von diesem Festival. Wer nach Cannes nicht kann, der sollte auf die Viennale.

W für Wege zum Ruhm

Die dürften Andreas Kleinert, der mit „Wege zur Nacht“ für Furore sorgte, nun offenstehen: erzählt wird die Geschichte eines arbeitslosen Ossi, der nach der Wende seinen Job verlor und sich den einzigen Kick nun als selbsternannter Sheriff in den U-Bahnen holt: „Taxidriver“ aus Ostberlin.

Z für Zensur

Die inszenierte ausgerechnet Schwulenfilmer Rosa von Praunheim: „für Presse ausdrücklich verboten“ hieß es bei der Vorführung seiner Doku über den Sexpionier Magnus Hirschfeld. „The Einstein of Sex“ heißt das Werk. Der lustige Titel rechtfertigt solch zickiges Verhalten freilich kaum.

Text: Dieter Oßwald
Foto: Kinowelt
Cannes '99

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